Westtürkei

Westtürkei

Von Çay zu Çay

Janniks Sicht

Jetzt waren wir also tatsächlich in Asien! Auf dem Weg aus İstanbul heraus wandelte sich das Gesicht der kosmopolitischen Großstadt und nahm fast dörfliche Züge an (wir dachten deshalb auch zunächst, wir seien in einer Kleinstadt, nur um mit einem Blick auf die Karte festzustellen, dass wir İstanbul noch nicht annähernd verlassen hatten. Dieser Irrglaube ist aber nach vier Stunden Fahrt vielleicht auch verständlich… 😊). Eigentlich wollten wir nun ein Kontrastpunkt zu den hektischen Tagen in der Großstadt setzen und strebten den Sülüklü Göl Nationalpark an, um ein paar Tage am See zu entspannen. Mit einem Blick auf die Wettervorhersage warfen wir den Plan aber dann doch über Bord, da die warmen Sonnenstunden der Westküste doch etwas verlockender klangen als der prognostizierte Dauerregen am Sölüklü Göl. So war also Bursa, eine Stadt am Rande des Uludağ-Gebirges, unser erster Halt in der Türkei außerhalb des Mikrokosmos‘ İstanbuls, das sich auf so viele Weisen vom Rest der Türkei, den wir bisher sehen durften, unterscheidet. Passender hätte diese erste Anlaufstelle in zweifacher Hinsicht nicht sein können: Zum einen begann unser Türkeiaufenthalt so in der Wiege des osmanischen Reiches, da Bursa die erste osmanische Hauptstadt war, auch wenn sie das nur vierzig Jahre lang (1328 – 1368) blieb. Zum anderen bekamen wir in Bursa in a nutshell demonstriert, was uns in der Türkei erwarten würde: Unglaubliche Gastfreundschaft! Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, die Innenstadt in wenigen Stunden am Nachmittag zu erkunden. Spoiler: Nach der Zeit hatten wir uns nicht weiter als 200 Meter vom Auto wegbewegt und wir blieben drei Tage. Doch der Reihe nach: Nach unserer Ankunft in Bursa verbrachten wir die ersten eineinhalb Stunden unseres „Kurzaufenthalts“ an dem Ort, der sicher nicht auf unserem Sightseeing-Programm stand: Unserem Parkplatz. Kaum hatten wir das Auto abgestellt, kam schon eine vierköpfige Familie auf uns zu, die unbedingt unseren Bus anschauen wollte und die vor allem von unserer Schlafmöglichkeit komplett begeistert waren. Bei dieser Begegnung hörten wir auch zum ersten Mal den Satz, den wir noch so viele Male in der Türkei hören sollten: „Almanya çok güzel!“ („Deutschland ist sehr gut!“). Noch bevor uns die Familie verlassen hatte, stößt Engin hinzu, ein Busfahrer aus İstanbul, der gerade auf seine Reisegruppe wartete. Mit Engin entwickelt sich schon bald ein angeregtes Gespräch, das zeigte, dass man nicht unbedingt die gleiche Sprache sprechen muss, um sich einigermaßen verständigen zu können (da das aber auf Dauer auch recht anstrengend ist, nahmen wir uns vor, jetzt endlich mal Google Translate herunterzuladen…). Er zeigte uns Bilder seiner Frau, Kinder und Enkel, erzählte uns von seinen Bustouren und lud uns zu sich nach İstanbul ein. Unterbrochen wurde das Gespräch nur durch die nächste Passantin, die sich dazugesellte, bei der sich herausstellte, dass sie lange in Deutschland gelebt hatte, und so bekamen wir noch Insider-Tipps für unsere Sightseeing-Tour, die ja bestimmt auch bald noch starten sollte. Wieder alleine mit Engin gab es noch ein ausgiebiges Fotoshooting in unserem Bus, vor allem aber wurden wir kartonweise mit Kuchen, Süßigkeiten, Wasser und Fruchtsaft versorgt, die Engin aus dem Gepäckraum seines Reisebusses hervorzog und die wohl eigentlich für seine Reisegruppe gedacht waren. Für den kleinen Hunger zwischendurch waren wir nun also die nächsten Wochen gewappnet. 😊 Nachdem Engins Reisegruppe ihren Museumsbesuch irgendwann beendet hatte, musste er dann doch abfahren, aber nicht ohne uns noch seine Telefonnummer zu hinterlassen, dass wir uns bei Problemen in der Türkei immer bei ihm melden können.

Der Istanbuler Busfahrer Engin versorgt uns mit Proviant...
...das für die nächsten Wochen reichen kann.

Eineinhalb Stunden nach unserer Ankunft in Bursa setzten wir schließlich auch einen Fuß außerhalb unseres Parkplatzes und setzten hochmotiviert zu unserer Erkundungstour an – nur um uns 200 Meter weiter schon in der Schmiede von Ibrahim sitzen zu sehen. Beim Vorbeilaufen lud er uns kurzerhand auf einen Çay (türkischer Tee – und gefühlt DAS türkische Lebenselixier) ein, den er dann über ein Wandtelefon, von dem wir überzeugt sind, dass es ausschließlich Çay-Bestellungen dient, bestellte. Ibrahim sprach zu unserer großen Freude hervorragendes Englisch, was die Kommunikation natürlich deutlich erleichterte. Das Gespräch war sehr interessant, er erzählte von seiner vergangenen Tätigkeit als Fabrikant und Händler von Seide, für die Bursa berühmt ist, von seinen Reisen nach Deutschland, von seiner Familie und orderte zwischendurch die nächste Runde Çay. Da Ibrahim uns gerne abends nach Ladenschluss noch die Stadt zeigen wollte, beschlossen wir, doch länger in Bursa zu bleiben. In der Zeit bis wir uns wieder trafen, schauten Caro und ich nun doch auch noch in die Stadt, wobei uns vor allem der lebendige Basar begeisterte. Über diesen liefen wir im Anschluss auch noch mit Ibrahim, wo wir immer wieder dessen Freunde und Bekannte trafen und für ein kurzes Gespräch stehen blieben. Auch für den nächsten Tag verabredeten wir uns, da wir das für uns geplante Programm noch lange nicht abgearbeitet hatten. Die Vorstellung, dass wir nur drei Tage in Bursa sein werden, machte Ibrahim ohnehin schon von Beginn an ganz unzufrieden, weil man bei einem Aufenthalt von unter einer Woche keinesfalls genug von Bursa gesehen haben könne. Von unserem ursprünglichen Plan, der Stadt nur einige Stunden widmen zu wollen, erzählten wir dann vorsichtshalber nichts… So ganz ohne weiteres war die Verabredung mit ihm aber natürlich auch nicht möglich, schließlich müssen am Wochenende auch andere wichtige Programmpunkte neben dem Bespaßen deutscher Touris abgearbeitet werden: Rasur, Frühstück und Spielen mit den Enkelkindern. So blieb uns am Morgen noch etwas Zeit, die wir selbständig mit Sightseeing-Programm füllen mussten. Wir machten uns also zu zweit auf den Weg zur wahrscheinlich meistbesuchten Sehenswürdigkeit Bursas – dem Grab Osman Gazis, des Gründers des osmanischen Reichs, der auch heute noch standesgemäß bewacht wird. Nach der Fortsetzung der Sightseeing-Tour mit Ibrahim, bei der wir weitere sehr schöne Moscheen Bursas zu sehen bekamen und uns auf einen Çay mit einer befreundeten Archäologin trafen, und einer weiteren Nacht in Bursa liesen wir die Stadt dann deutlich später als erwartet hinter uns.

In der Schmiede bei Ibrahim
Çay-Bestellung
Markteindrücke aus Bursa
Der wohl wichtigste Job auf dem Markt: Çay-Lieferant für die Händler*innen
Was nach zuchersüßem Sirup aussieht, ist der Saft aus fermentiertem Gemüse, der ein wenig an das Wasser von Essiggurken erinnert.
Stadttour mit Ibrahim
In der Moschee
Das beste Çiğ Köfte Bursas beim nettesten Verkäufer Veysel!
Die Türbe Osman Gazis...
... wird immer noch standesgemäß "bewacht."
Dachdekoration mal anders...
Auf einen Çay mit Ibrahim und seinen Freunden

Jetzt wollten wir ja eigentlich ins Warme und damit an die Westküste der Türkei. Nach langen Überlegungen entschieden wir uns aber doch gegen die gemütliche Wärme, da uns noch nicht so recht nach Faulenzen am Strand war. Stattdessen zog es uns in das Landesinnere ins Frig Vadisi („Phrygisches Tal“) in der Gegend von Afyon. Das reizte uns nicht nur deshalb, weil die Phryger neben Brad Pitt für den Untergang Trojas verantwortlich sind und sie so viel Humor besaßen, spätere Archäologen in den Wahnsinn zu treiben, weil sich ihre Könige stets abwechselnd Midas oder Gordios nannten, ohne sich dabei brav durchzunummerieren. In der Gegend finden sich vor allem tolle Tuffsteinformationen, in denen sich Überreste ebenjener Phryger, aber auch der Seldschuken, Römer und des byzantinischen Christentums finden lassen. Die Tage im touristisch wenig erschlossenen Frig Vadisi verbrachten wir also mit kleinen Wanderungen und dem Erkunden von Felsenwohnungen und Höhlenkirchen, was natürlich großen Spaß machte und Vorfreude auf Kappadokien weckte. So konnten wir die eingebüßten Sonnenstunden auch gut verschmerzen und wurden mental schon einmal auf das Winter-Camping-Leben vorbereitet (wobei uns schmerzlich vor Augen geführt wurde, dass wir uns vielleicht doch mal um die Reparatur unserer Standheizung bemühen sollten). Auf dem Weg nach Midas (benannt nach einem der vielen Midasse oder vielleicht auch immer nach dem je aktuellen, wer weiß das schon) fielen unsere Besichtigungsambitionen mal wieder der türkischen Gastfreundschaft zum Opfer. Als uns der Holzofen-Teekessel eines Straßenlokals zu einer Çay-Pause verlockte, kamen wir Dank des sehr redelustigen Gastgebers Karadayi erst nach drei Stunden, vielen lustigen Google-Translate-Gesprächen, unzähligen Tassen Çay, einer Gözleme-Zubereitungsdemonstration und einem mehr als reichlichen Essen wieder auf die Straße.

Kreuzkuppelkirche von Ayazini
Frig Vadisi
Höhlenwohnungen im Frig Vadisi
Wandern im Frig Vadisi
Dabei haben wir die ganze Zeit einen treuen Guide.
Die übliche Frühstücksgesellschaft in der Türkei
Frig Vadisi
Der neue Kinderbuchhit: Wo ist Jannik?
Im Frig Vadisi werden wir von Murat und Thomas aus Villingen mit leckerem Gebäck von Murats Mutter verwöhnt.
Mal wieder eine Çay-Pause
Die Entdeckung von Google Translate
Gözleme-Workshop
Gözleme-Workshop
Mit diesem Bild war Karadayi nicht zufrieden...
... er wollte seiner Frau schon auch Blumen übergeben. 🙂
Midas

Als nächstes steuerten wir eines unserer bisherigen Highlights an: Die antike Stadt Sagalassos. Die Ausgrabungsstätte befindet sich in wunderschöner Lage in den Bergen und zog uns sofort in ihren Bann. Vor allem vom Anblick des Antoninus-Nymphäums konnten wir uns nur sehr schwer nach über einer Stunde losreißen. Hier hatten Forscher*innen über 90 % der Brunnenanlage finden können, was ihnen den Wiederaufbau derart detailgetreu ermöglichte, dass heute sogar wieder Wasser in der Anlage fließen kann. Begünstigt wurde die Stimmung natürlich dadurch, dass Sagalassos (vermutlich auch wegen der Lage etwas abseits großer Touristenzentren) noch nicht von Tourbussen überrannt wird und wir die Anlage somit die ganze Zeit für uns alleine hatten. Dies war auch ein Grund, warum wir uns für diese Route entschieden und nicht das deutlich bekanntere Ephesos an der Westküste angesteuert hatten. Wir wurden nicht enttäuscht und bereuten unsere Entscheidung so keine Sekunde – vielleicht schaffen wir es ja auf dem Rückweg auch noch dorthin…

Sagalassos
Sagalassos
Antoninus-Nymphäum
Römische Marktplatz-Spiele
Das Theater in Sagalassos
Im Theater

Dieses Gefühl der Einsamkeit erwarteten wir uns von unserem darauffolgenden Ziel eher nicht. In Pamukkale formten warme kalkhaltige Thermalquellen über Jahrtausende weiße Kalksinterterrassen, die sich äußerst gut als Fotomotiv machen und sich dementsprechend auch großer Beliebtheit erfreuen. In Pamukkale angekommen waren wir zunächst etwas erstaunt, als wir die Terrassen aus der Ferne sahen. Denn besonders spektakulär sah das Ganze nicht aus und die Terrassen wirkten etwas deplatziert in der Feld- und Hügellandschaft, die sie umgab. Da wir am späten Nachmittag ankamen, übernachteten wir eine Nacht mit Blick auf die Terrassen, beobachteten am nächsten Morgen Heißluftballone, die über Pamukkale flogen, und wollten zur Öffnung am Eingang sein, in der Hoffnung so den ganz großen Massen zu entkommen. Selten waren wir über eine Entscheidung so froh wie hier. Waren die Terrassen und das Waten im warmen Thermalwasser zu Beginn wirklich sehr schön und die Formung der weißen Sinterterrassen wirklich beeindruckend, erwartete uns ein Spektakel der ganz besonderen Art, als wir den oberen Teil der Anlage erreichten. Dicht gedrängt stand man hier, wurde immer wieder für Selfies verscheucht und der Platz verlor sofort jeglichen Zauber, den er zweifelsohne hat. Wir beobachteten noch eine Weile leicht amüsiert, wie sich Tourist*innen mit überdimensionierten Engelsflügeln ablichten ließen und wunderten uns über das Phänomen, dass sich alle Reisegruppen bei den oberen Terrassen auf den Füßen standen, anstatt ein paar Meter weiter unten auch mal die Gelegenheit zu haben auf Kalkstein, statt auf anderen Füßen herumzulaufen, besichtigten noch die antike Stadt Hierapolis oberhalb der Kalksinterterrassen und machten uns wieder auf den Weg. Und dieses Mal sollte es aber wirklich an die Küste gehen!

Treffen mit einem Schäfer auf dem Weg nach Pamukkale
Wie man halt so seine Kreisverkehre dekoriert...
Fahrt durch den Akgöl
Akgöl
Akgöl
Über Pamukkale
Pamukkale
Die andere Seite von Pamukkale
Leider müsst ihr auf Fotos von uns mit diesen tollen Engelsflügeln verzichten...
Theater von Hierapolis
Über Pamukkale

Der Reiseabschnitt in Kürze

Go-to Snack

Çiğ Köfte (Yufka gefüllt mit einer Bulgurmasse, Salat, Tomaten, Kräutern und Granatapfelsoße) gab es eigentlich jeden Tag. Çiğ Köfte Läden gibt es überall, es ist immer unglaublich lecker und für ca. 80 Cent ein wunderbarer Mittagssnack. Dazu gehört natürlich Ayran. 😊

Begleitung während der Fahrt

Durch längere Aufenthalte im Grencafé in Bursa blieben wir etwas auf David Bowie hängen. Die Alben waren also ständige Begleiter, um unser Ohrwurmleiden zu lindern.

Lesson learned

Unterschätze niemals harmlos aussehende Pfützen! Auf dem Weg nach Pamukkale kamen wir am ausgetrockneten Salzsee Akgöl vorbei, der spannend aussah und uns die Gelegenheit zu einer kleinen Abkürzung bot. Leider war der See doch noch nicht ganz ausgetrocknet, sondern hatte seine letzten Reserven in eine harmlos aussehende Pfütze gesteckt. Die war tiefer als wir erwarteten, es tat einen Schlag und unser Bus war nicht nur nass sondern auch sein Nummernschild und die Hupenhalterung los und beim Motorschutz sorgte die Pfütze für eine kleine Höherlegung… 😉

 

Unvergesslichste Begegnung

Auf dem Weg von Sagalassos kamen wir in eine knallharte Polizeikontrolle. Wir waren auf alles gefasst: Ausweiskontrolle, Durchsuchung des Autos nach Drogen, Strafzettel,… Der Ermittlungsansatz der Polizistin erwischte uns dann aber doch auf dem falschen Fuß: „Do you have German Chocolate?“

1 Gedanke zu „Westtürkei“

  1. Was für tolle Begegnungen. Das isr schon sehr sehr toll. Toll dass Ihr das macht. Liebe Grüße aus Urach bei -3 Grad und Schnee☃️. Ganz liebe Grüße Silke

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