Westsahara & Mauretanien
In fünf Tagen durch die Sahara

Caros Sicht
Nachdem wir uns in der Erg Chebbi im Osten Marokkos schon ein bisschen auf Wüstensand eingestimmt hatten, standen wir nun vor der Saharadurchquerung durch die Westsahara und Mauretanien. Das hieß für uns mehr oder weniger: fast 2000 Kilometer lang geradeaus fahren, denn wir hatten beschlossen den direkten Weg nach Senegal über die Küstenstraße zu nehmen. Gründe für diese Entscheidung gab es zwei: Zum einen wirkte unser geliebter Bus nicht nur wie ein riesiges ungeschicktes Plüschsofa neben all den Wüstenschiffen und Landrovern, die hier sonst herumfuhren, sondern ist tatsächlich einfach nicht wüstentauglich. Zum anderen klangen die Gebiete nach einer ausführlichen Lektüre der Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes zunächst einmal eher abschreckend. Besonders in den Grenzgebieten zu Algerien und Mali bestehen demnach Anschlags- und Entführungsrisiken, in gewissen Bereichen sei mit Minen zu rechnen und die politische Lage sei aus unterschiedlichen Gründen grundsätzlich nicht sehr stabil. In der Westsahara ist dies größtenteils auf einen Konflikt zurückzuführen, der (wie meist in Afrika) in der Kolonialzeit seinen Ursprung hat und den ich hier (sehr verkürzt) versuchen will, darzustellen: Die Grenze zwischen Marokko und dem Gebiet der Westsahara wurde im Jahre 1884 gezogen, als die europäischen Mächte den afrikanischen Kontinent bei der Berliner Kongokonferenz unter sich aufteilten, wobei das heutige Gebiet der Westsahara an Spanien und ein Großteil der Gebiete Marokkos an Frankreich ging. Nach der Unabhängigkeit Marokkos von Frankreich im Jahre 1956, wurde die vermeintlich wertlose und damit für Marokko zunächst uninteressante Westsahara zur spanischen Provinz erklärt – bis man hier das größte Phosphatvorkommen der Welt entdeckte und das Gebiet plötzlich sehr interessant wurde. Sowohl Mauretanien als auch Marokko stellten bald Ansprüche und Spanien stimmte einem Referendum zu, bei dem die hier lebenden Sahraouis selbst über ihre nationale Zugehörigkeit entscheiden sollten. Dieses wurde aber nie umgesetzt und Spanien blieb. Als Reaktion darauf bildete sich 1973 die Polisario, eine linksgerichtete, von Algerien unterstützte Befreiungsarmee. Kurz darauf, im Jahre 1975, machten beim sogenannten „Grünen Marsch“ 350.000 Marokkaner*innen ihren Anspruch auf das Gebiet geltend – nur mit dem Koran und der marokkanischen Flagge bewaffnet. Durch diesen symbolischen Akt legitimiert schaffte die marokkanische Armee nur wenige Wochen später auch militärisch Fakten. Während Spanien seine Truppen überstürzt abzog, richteten die Polisario ihren Befreiungskampf nun gegen die neue Besatzungsmacht Marokko. Bis zum Waffenstillstand 1991 kam es zu heftigen Gefechten, die viele Opfer forderten und viele Sahraouis zwangen, nach Algerien zu flüchten. Noch heute kontrolliert die Polisario fast ein Drittel der Westsahara, während der Westen und Norden von Marokko besetzt ist. Ein Referendum, das über die Zukunft der Westsahara entscheiden soll, ist weiterhin in Planung und soll von der UN-Mission MINURSO organisiert werden. Doch die Frage, wer hier abstimmen darf, birgt weiterhin Konfliktpotenzial und zieht das Vorhaben in die Länge. Während Deutschland, wie die meisten Staaten, dieses Referendum abwartet, erkennt unter anderem Spanien die Souveränität Marokkos über die Westsahara seit 2022 an, da Marokko dies zur Bedingung seiner Hilfen bei der Zurückhaltung von Migrant*innen gemacht hatte.
Zurück zu uns: Wir wollten also in zwei bis drei Tagen über die Nationalstraße N1 die Grenze zu Mauretanien erreichen und stellten uns auf lange Fahrtage ein. Wir fuhren bald durch eine hügelige, trockene Landschaft und sahen immer wieder Schilder, die vor querenden Dromedaren warnten, bekamen aber zunächst leider kein echtes zu Gesicht, sondern nur die beiden Betondromedare, die uns auf einer Verkehrsinsel am Ortseingang der Stadt Tan-Tan willkommen hießen: Wir waren am „Tor zur Sahara“ angelangt. Nach einem kurzen Zwischenstopp bei der schönen grünen Lagune des Khenifiss Nationalparks, ging es weiter durch karge Wüstenlandschaft entlang der spektakulären Steilküste der nördlichen Westsahara. Leider konnten wir dieses Stellplatzparadies gar nicht so richtig ausnutzen, da wir von zwei freundlichen Männern des Militärs gebeten worden waren, zu unserer Sicherheit bei einer der vielen verstreuten Tankstellen zu übernachten. Doch die Tankstelle war zum Glück auch direkt am Meer… 😉Viel blöder war, dass unser Motor auf den letzten Kilometern immer wieder Probleme gemacht hatte und schließlich – glücklicherweise genau als wir auf die Tankstelle rollten – ganz ausging. Da es mittlerweile stockdunkel war und wir todmüde waren, beschlossen wir einfach schlafen zu gehen und am nächsten Tag den ADAC zu rufen, um uns gegebenenfalls abschleppen zu lassen, doch dummerweise standen wir noch einem Lastwagen im Weg – ganz auf den Parkplatz hatte es uns nicht gereicht. Und da es leicht bergauf ging, schafften wir es auch nicht allein, Friz aus dem Weg zu schieben. Also klopfte ich bei dem Lastwagen an und fragte im Spanisch-Französisch-Hände-Füße-Mix, den wir in Marokko entwickelt hatten, ob der Fahrer uns kurz beim Schieben helfen könnte. Und wieder einmal landeten wir mitten in einer unglaublichen Begegnung. Nordin, der es wie alle Lastwagenfahrer hier gewohnt ist, auch mal selbst Reparaturen vorzunehmen und sich sehr gut auszukennen schien, ließ es sich nicht nehmen, sich einfach direkt selbst um das Problem unseres Motors zu kümmern. Stundenlang suchte er an allen Ecken und Enden nach einer Lösung, schraubte im Motorraum herum, putzte den Tankentnehmer und saugte sogar Diesel mit dem Mund an. Leider konnte er unser Problem nicht lösen, lud uns dann aber um 23 Uhr noch auf einen marokkanischen Tee ein (den hatten wir beide uns ja auch redlich verdient, nachdem er sich stundenlang um unser Problem gekümmert hatte). Nachdem er anschließend ein paar weitere Optionen durchgespielt hatte (leider weiterhin erfolglos), gab er uns noch den Tipp, am folgenden Tag den Tankwart zu bitten, einen Mechaniker anzurufen und fuhr dann – da wurde es für uns richtig peinlich – noch am selben Abend weiter bis nach El Aaiún. Er hatte hier eigentlich nur eine kurze Pause machen wollen… Wir verbrachten die Nacht mit einem sehr mulmigen Gefühl und hofften, dass der Mechaniker am nächsten Tag dafür sorgen würde, dass uns bei unserer neuen Reiseroute nun nicht Friz‘ Motor in die Quere kommen würde. Statt den ADAC anzurufen, baten wir am nächsten Morgen dann wie geheißen den Tankwart, einen Mechaniker aus der nahegelegenen Stadt Tarfaya anzurufen, und stießen zunächst auf große Skepsis. Der Tankwart und sein Mitarbeiter wollten sich das Ganze erstmal selbst anschauen und durchliefen (gemeinsam mit einem weiteren interessierten Lastwagenfahrer, der sich den Hobby-Mechanikern anschloss) dasselbe Prozedere wie Nordin am Tag zuvor – und waren erwartungsgemäß genauso erfolglos. Als gegen Mittag schließlich der Mechaniker und sein Gehilfe eintrafen, war das Problem nach ein paar Stunden Arbeit inklusive Absenkung des Tanks und ein paar ordentlichen Schlücken Diesel aber endlich gefunden und konnte schnell behoben werden. Der Übeltäter war nur ein beschädigter Kraftstoffschlauch. Wir bezahlten einen vermutlich viel zu hohen (für uns aber immer noch recht geringen) Preis, an dem offensichtlich auch die Tankwarts noch gut verdienten, aber waren einfach so erleichtert, dass Friz wieder lief wie geschmiert und es nun endlich weiter nach El Aaiún gehen konnte. Und unser Glück brach nicht ab: Auf der Fahrt trafen wir endlich auf Dromedare!
El Aaiún war unter spanischer Herrschaft (damals noch Laâyoune) bis zum Grünen Marsch 1975 die Hauptstadt der Westsahara und ist aufgrund ihrer idealen Lage am Fluss Saguia el Hamra, 20 km entfernt von der Atlantikküste und in der Nähe der Phosphatvorkommen auch heute noch Provinzhauptstadt. Uns erwartete dort nach einer Schar Flamingos an der Brücke über der Lagune eine unwirkliche, fast schon pompös hergerichtete Stadt mit Palmenalleen und gefegten Straßen, die allesamt irgendwie leblos wirkten. Die erhöhte Militärpräsenz, die darin begründet ist, dass von El Aaiún aus häufig Unruhen gegen die marokkanische Besatzung ausgehen, war sofort sichtbar und auch UN-Flaggen von MINURSO waren Teil des Stadtbildes. Wir hielten uns nicht lange auf und übernachteten an der Küste im Badeort Foum el Oued auf einem bewachten Stellplatz der Gemeinde, wo wir mal wieder eine dringend nötige ausgiebige Dusche genossen (die, wie wir Wochen später von Reisefreund*innen erfuhren, zum muslimischen Opferfest (Eid ul-Adha) auch zum Schlachten und Ausnehmen des Schafs herhalten musste😉).
Nun stand, nachdem die ersten „Fahrtage“ vor allem für Reparaturen draufgegangen waren, der erste richtige Fahrtag an. Und so fuhren wir stundenlang durch die karge Wüste, vorbei an Windkraftwerken und riesigen Solarfeldern und immer wieder wunderschönen Orten an den Klippen der steil abfallenden Küste. Gegen Nachmittag erreichten wir mit Dakhla, der zweitgrößten Stadt der Westsahara, unser Tagesziel. Die Stadt liegt am Ende einer schmalen Landzunge und die Fahrt dorthin führte uns entlang einer traumhaft schönen, türkisblauen Lagune, die von weißen Dünen umgeben ist und in der sich unzählige Kitesurfer*innen tummelten. Die Stadt hat sich zu einem Hotspot für die Trendsportart entwickelt, da sie mit verlässlichem, konstantem Wind und dem flachen, ruhigen Wasser in der Lagune perfekte Bedingungen bietet, und daher können hier tatsächlich, anders als in El Aaiún und dem Rest der Westsahara, einige Einwohner*innen vom Tourismus leben. Wir beschlossen, falls auf der Heimfahrt noch Zeit bleiben sollte, hier einen Kurs zu machen und verließen die Stadt am nächsten Morgen schon wieder. Nachdem wir stundenlang durch immer gleiche Stein-/Sandwüste gefahren waren, wurde die Landschaft nun richtig paradiesisch mit weichem, fast weißem Sand und wir erreichten die Grenze zu Mauretanien.
Der Grenzübergang war – wie von anderen Reisenden prophezeit – sowohl auf marokkanischer als auch auf mauretanischer Seite enorm undurchsichtig und in unseren Augen unnötig kompliziert. Gemeinsam mit Ilka und Tobi, die auf dem Weg nach Südafrika waren, und (eher unfreiwillig) unter dem unermüdlichen Einsatz verschiedener Schlepper manövrierten wir uns aber irgendwann durch den verwirrenden Dschungel an Schaltern, Gebäuden, Röntgenscannern, Drogenspürhunden, Stempeln, Visa, Versicherungen, Passavants und den unzähligen Büchern, in die immer wieder feinsäuberlich per Hand unsere Daten eingetragen wurden. Endlich konnten wir unsere ersten Kilometer in Mauretanien antreten, über das wir vor der Planung unserer Westafrikaroute so gut wie gar nichts wussten – wie wohl die meisten Europäer*innen, bis auf ein paar Fans des berühmten, bis zu 2,5 Kilometer langen Eisenerzzuges, der den Rohstoff von den Minen in die Hafenstadt Nouadhibou bringt. Trotz dieser hohen Rohstoffvorkommen zählt der Wüstenstaat heute zu den ärmsten Ländern der Welt, da die Industrie zur Gewinnung und Weiterverarbeitung von ausländischen Firmen gestellt wird. Auch die ertragreichen Fischgründe an der Atlantikküste werden eher von ausländischen Unternehmen ausgeschöpft, die mit besserem Knowhow und Material arbeiten können. Die Gewinne aus diesem Potenzial gehen also vor allem ins Ausland. Die Ausbreitung der Wüste, die heute 80 Prozent des Landes bedeckt, und ein enormes Bevölkerungswachstum haben außerdem dazu geführt, dass die Landwirtschaft den Bedarf der Bevölkerung nicht mehr decken kann. Trotz dieser wirtschaftlichen Not leben und arbeiten viele Westafrikaner*innen aus den Subsahara-Staaten in Mauretanien, da die Bedingungen im Heimatland meist noch schlechter sind. Nicht nur in geografischer Hinsicht bildet Mauretanien einen Übergang zwischen dem arabisch geprägten Marokko und der Subsahara. Auch die ethnische Vielfalt innerhalb der Gesellschaft spiegelt diesen Übergang (und damit die Willkürlichkeit einer Grenzziehung zwischen Nordafrika und „Schwarzafrika“) wider, wobei der muslimische Glaube als vereinendes Element zu fungieren scheint: Fast 100% der Bevölkerung der „Islamischen Republik Mauretanien“ sind Muslim*innen. Neben den Bidhan (Mauren), die arabisch geprägt sind, leben eine Vielzahl subsaharischer Ethnien in Mauretanien, die sowohl im Zuge der französischen Kolonialpolitik als auch nach der Unabhängigkeit in Bezug auf Bildung, kulturelle Teilhabe und Machtpolitik stark diskriminiert wurden und bis heute werden. Insgesamt ist die Menschenrechtssituation für große Teile der Bevölkerung prekär. Obwohl die Sklaverei seit 1980 mehrfach offiziell abgeschafft wurde, werden moderne Formen der Sklaverei in Mauretanien weiterhin flächendeckend praktiziert. Dies betrifft auch viele Kinder. Zudem sind Frauen- und LGBTQ+-Rechte stark eingeschränkt.
Wir verzichteten auf einen Besuch in Nouadhibou, dem wirtschaftlichen Zentrum Mauretaniens, das direkt hinter der Grenze auf einer Landzunge am Atlantik liegt, und verfolgten stattdessen weiter den direkten Weg in Richtung Süden, der uns zunächst in die kleine Ortschaft Bon Lanuar führte, wo wir auf der Suche nach einer SIM-Karte von der sehr netten Mariam unterstützt wurden, die zu unserem Glück Spanisch sprach. Bezeichnend für unsere Reise durch Mauretanien waren die unzähligen, stets freundlichen Polizeikontrollen, die ein sogenanntes „Fiche“ forderten – einen handgeschriebenen Meldezettel mit unseren Daten. Diese Maßnahme liegt in der ungewissen Sicherheitslage begründet und soll den Behörden im Ernstfall einen Überblick über die Aufenthaltsorte der im Land befindlichen Tourist*innen bieten. Wir waren bei jedem Checkpoint ein bisschen aufgeregt, da einige Reisende von einem korrupten, unfreundlichen Polizisten berichtet hatten, der sich Führerschein und Pass zeigen ließ und diese erst wieder gegen Geldzahlung zurückgab. Doch wir wurden überall sehr freundlich begrüßt und mussten nirgends eine aus der Luft gegriffene Strafe bezahlen. Durch Nouakchott, die Hauptstadt Mauretaniens, fuhren wir auf direktem Wege und konnten uns daher sicherlich kein umfassendes Bild machen. Das, was wir sahen, empfanden wir dabei aber als etwas trist. Die aufstrebendere Stadt des Landes scheint tatsächlich eher Nouadhibou zu sein. Doch wir schienen einen guten Zeitpunkt erwischt zu haben, denn das angekündigte Verkehrschaos blieb aus. Die Landschaft, durch die wir anschließend fuhren, war aufgrund der besseren Agrarbedingungen deutlich dichter besiedelt als der Norden Mauretaniens, auch wenn es sich dabei vor allem um kleine, verstreute Hüttensiedlungen handelte. Auch die Vegetation veränderte sich zu unserer Freude auf den letzten Kilometern vor der senegalesischen Grenze deutlich: Hier in der Dornbuschsavannenzone sahen wir immer mehr Bäume und Sträucher und daher auch viele Ziegenherden – wir hatten die Wüste hinter uns gelassen und die Vorfreude auf Senegal stieg!
Der Reiseabschnitt in Kürze
Was wir am meisten vermissten
Die Vielfalt der marokkanischen Landschaft
Go-to Snack
Marokkanisches und mauretanisches Brot – gefrühstückt wurde auf der Fahrt, wir wollten ja vorankommen!
Begleitung während der Fahrt
Ein Interview mit der simbabwischen Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga über Schatten der Kolonialzeit und den Wandel des Patriarchats.
Unvergesslichste Begegnung
Der Tramper Said (links im Bild), den wir von El Aaiún an die Küste mitnahmen und der uns zu seinen Eltern nach Marrakech einlud, wo wir einfach zum Essen vorbeigehen sollten, wenn wir dort sind – auch wenn er dort gar nicht mehr lebt und wir nur seine Eltern antreffen würden. Damit wir wissen, wohin, mussten wir ein Foto von seinem Pass machen, auf dem die Adresse stand.

