Vom Senegal nach Deutschland
Durch Sandstürme, Surfkurse und Werkstätten nach Hause

Caros Sicht
Nachdem wir an der senegalesisch-mauretanischen Grenze alle Stempel, Visa, Versicherungen und Passavants beisammen, Geld gewechselt, Brückengebühren beglichen und gefrühstückt hatten, wurde uns immer mehr bewusst, dass es nun Schritt für Schritt tatsächlich zurück nach Hause gehen sollte, denn der Grenzübergang und die Wellblechpiste im mauretanischen Nationalpark bei Diama ließen Erinnerungen an unsere Einreise wach werden und alles fühlte sich irgendwie nach Heimfahrt an. Doch noch lagen sechs Wochen unserer Reise vor uns, in denen wir uns die doch recht lange Strecke von 5500 Kilometern einteilen konnten. Was folgte, war ein Reiseabschnitt, der sich von unserer restlichen Reise vor allem deshalb unterschied, weil wir nur wenige Stopps einlegten und dafür (mal mehr, mal weniger freiwillig) länger an diesen verweilten. Das bot uns nicht nur die Möglichkeit mit dem Kitesurfen auf dieser Reise noch eine ganz neue Sportart kennenlernen und Friz‘ Motor auf Vordermann zu bringen (dazu später mehr), sondern verschaffte uns auch Zeit und Muße, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen und uns innerlich auf das Leben daheim einzustellen. Aber der Reihe nach. Zunächst galt es, die Strecke durch Mauretanien zu überbrücken, die wir bereits aus der anderen Richtung kannten und, aufgrund der enormen Hitze im Inland, wieder auf direktem Wege und möglichst zügig über die Küstenstraße durchquerten. Wieder hielten wir uns also keine zwei Tage in dem Wüstenstaat auf, in denen er auf uns aber irgendwie einen netteren Eindruck machte als auf der Hinfahrt. Auf der Suche nach Handyguthaben für eventuelle Pannen (Friz‘ Getriebe bereitete uns natürlich weiterhin Sorgen) trafen wir auf unglaublich hilfsbereite Menschen und auch die Polizisten an den Kontrollposten, an denen wir wieder ein fiche nach dem anderen loswurden, waren immer sehr freundlich zu uns. Als wir am frühen Abend weiter fuhren als geplant, um einem kleinen, aber dafür sehr heißen Sandsturm zu entkommen, wurde es jedoch etwas weniger lustig. Wir verschätzten uns mit dem Einbruch der Dunkelheit und fuhren, da wir absolut keine Lust hatten, auf der Suche nach einem Schlafplatz mit unserem halb funktionsfähigen ersten Gang im Sand stecken zu bleiben, eine ganze Weile im Dunkeln durch die Wüste, was alles andere als spaßig war. Die Beleuchtung der LKWs war häufig eher dürftig bis gar nicht vorhanden und die Dromedare, die uns tagsüber immer sehr erfreuten, waren natürlich auch nachts unterwegs, aufgrund der fehlenden Straßenbeleuchtung aber erst spät zu sehen. Wir waren also sehr froh, als wir irgendwann bei einer asphaltierten Tankstelle ankamen, wo wir schnell alle anderen Anwesenden kennenlernten, von unserem LKW-Nachbarn Dosenfisch und Cola angeboten bekamen und trotz heißem Wüstenföhn (dem wir trotz der Strapazen nicht entkamen) gut einschliefen und am nächsten Morgen schon die nächste Grenze erreichten.
Obwohl wir die Grenze bereits von der Hinfahrt kannten, stellten wir uns mal wieder so blöd an, dass irgendwann sogar einer der marokkanischen Grenzpolizisten auf der Seite der Westsahara kurzerhand entnervt unsere Dokumente schnappte und zumindest den Zoll für uns erledigte. Doch nach drei Stunden fuhren wir bereits unsere ersten Kilometer in der Westsahara und gefühlt wurde es auf einen Schlag direkt ein bisschen kühler. Wir steuerten einen Ort an einem wunderschönen Strand an und empfanden es als den größten Luxus, dass wir nach Wochen mal wieder abends unsere Fleecejacken und Bettdecken brauchten und morgens nicht schon um 7 Uhr von der Hitze aus dem Bus getrieben wurden.
Im Anschluss ging es für uns weiter in die Stadt Dakhla. An diesem Kitesurf-Hotspot in der schönen Lagune mit seinen perfekten Windbedingungen wollten wir in den nächsten Tagen einen Kurs machen. Aus geplanten vier Tagen wurden aus mehreren Gründen letztlich zwei Wochen. Der erste Grund zeigte sich schon beim Einfahren in die traumhafte Lagune: Wir sahen im Gegensatz zur Hinfahrt, auf der sich die Surfer in der Lagune getummelt hatten, kaum einen Kite auf dem Wasser. Auch im Kitesurfparadies kann man offensichtlich mal Pech mit den Windbedingungen haben. Als nächstes kam uns eine aggressive Hündin am unter Camper*innen berühmten Parkplatz des Hotels PK25 in die Quere, die Jannik aus dem Nichts anfiel, dabei drei üble Bisswunden hinterließ und damit dafür sorgte, dass Jannik zwei Tage nicht ins Wasser durfte. Im Krankenhaus verwies uns der Arzt an das Bureau Municipale d’Hygiene, wo Jannik eine Tollwut-Impfung bekommen sollte. Da der Arzt leider dessen genaue Adresse nicht kannte, wurde einfach irgendein anderer Krankenhausbesucher angesprochen und verpflichtet, uns dort hin zu begleiten. Der nahm seine unverhoffte Aufgabe sehr ernst und kümmerte sich im Bureau dann auch noch darum, dass der richtige Arzt auftauchte. Nun hatten wir zwei Tage Zeit, das absurde Szenario auf dem Parkplatz des PK25 zu beobachten. Die Tatsache, dass man hier umsonst bei relativer Windstille parken und sogar eine Dusche nutzen kann, zieht zur Hochsaison hunderte von Dauercamper*innen (vor allem aus Europa) an, von denen ein paar das ganze Jahr hier leben, wobei sich zwischen einigen Nachbar*innen mittlerweile Feindschaften und Spannungen entwickeln zu haben schienen, die sich direkt bei unserer Ankunft in einer Schlägerei zwischen zwei verfeindeten Familien entluden. Unsere Besuche in der Stadt waren da schon deutlich weniger spannend, da aufgrund des islamischen Opferfestes (Eid ul-Adha) vier Tage lang fast alles geschlossen hatte. Zu den Feierlichkeiten gehört die Schlachtung eines Schafbocks, dessen Fleisch im Kreise der Familie und engen Freund*innen gegessen und anteilig an Bedürftige abgegeben wird. Dies hatte zur Folge, dass in ganz Dakhla an Wasserquellen und Hauseingängen frisch geschlachtete Schafskörper ausgenommen und ausgewaschen wurden und an jeder Straßenecke die Köpfe der Tiere verbrannt wurden.
Nach der ungeplanten Verzögerung konnte es drei Tage später dann aber endlich losgehen mit unserem Kitesurfkurs beim netten Surflehrer Simo und was wir zuallererst deutlich spürten, war, dass wir bis auf ein paar Wanderungen nun fast ein Jahr kaum Sport gemacht hatten. Bereits nach zwei Stunden Kurs spürten wir jeden Muskel. Und während Jannik schon am dritten Tag auf dem Board stand und die ersten Meter fahren konnte, machte ich eher die Erfahrung, wie frustrierend ein Lernprozess auch sein kann (etwas, das man als (Sport-)Lehrkraft ja auch nie vergessen sollte ;)). Der Kite schien zu machen, was er wollte, und jeglicher wage Rettungsversuch endete zu Beginn damit, dass ich die Kontrolle komplett verlor, abdriftete und dabei literweise Wasser schluckte. Doch Schritt für Schritt begann es auch mir richtig Spaß zu machen und, als der Kurs zu Ende ging, beschlossen wir, die perfekten Bedingungen in Dakhla, die wir so wohl nirgends in kommenden Urlauben in Europa vorfinden würden, noch für ein paar weitere Tage auszunutzen. Simo konnte uns zu einem guten Preis einen Haufen gebrauchtes Equipment verkaufen und so hatten wir in den letzten Reisewochen zwar kaum noch Platz, um uns im Bus einmal um uns selbst zu drehen, aber dafür die Möglichkeit noch ein paar Tage auf eigene Faust weiter zu üben. Dabei verhalf uns Simo noch zu einem wunderschönen einsamen Stellplatz am Strand, an dem wir „vor der Haustür“ loskiten konnten. Schließlich verließen wir die Kitesurf-Hochburg schweren Herzens. Wir waren in der Zwischenzeit schon richtig routiniert geworden im Kite aufpumpen, Schnüre entwirren, starten und landen und das Fahren machte richtig Laune. Aus vier Tagen waren zwei Wochen geworden, die in Nullkommanichts vergangen waren und an deren Ende Jannik sich sogar schon an kleine Sprünge wagte und ich bei guten Bedingungen endlich sicher auf dem Brett stand (und gut an meiner Frustrationstoleranz gearbeitet hatte). Doch wir hatten die maximale Zeit ausgereizt und mussten es zu einem Termin in unserer Werkstatt in Agadir schaffen, wo wir ein paar Tage darauf verwenden wollten, unseren Motor, der sehr viel Öl verbrauchte, auf Vordermann bringen und eventuell das Getriebe reparieren zu lassen.
Trotz langer Fahrt erreichten wir pünktlich die kleine, von Karosserie-Werkstätten umgebene Garage mit der in den Farben der Deutschlandflagge gestrichenen Wand, wo wir von dem Besitzer („le patron“) und zu unserer Überraschung nicht vom Mechaniker Choued, der unsere Dieselpumpe repariert hatte, sondern von Mohammed empfangen wurden. Pünktlichkeit und gutes Zeitmanagement waren ab dann aber wahrlich nicht mehr die Kenngrößen, mit denen sich dieser Werkstattaufenthalt beschreiben lässt. Aus angekündigten fünf bis sieben Tagen wurden zwei Wochen, die wir fast ausschließlich im Werkstattviertel verbrachten – bis auf drei Tage im Zimmer einer Ferienunterkunft, in der wir zum ersten Mal seit Dakar vor fast acht Wochen wieder richtig Wäsche waschen konnten. Wir konnten uns definitiv schönere Übernachtungsplätze als die Werkstattstraße vorstellen und so ganz ohne die Möglichkeit zu duschen wurden die Tage und Nächte bei brütender Hitze im Bus doch recht lang. Mohammed war zwar richtig nett und wirkte sehr professionell, doch er schien es nicht besonders eilig zu haben. Ersatzteile wurden grundsätzlich dann bestellt, wenn sie schon ausgebaut waren, und um die meisten Dinge kümmerte er sich „demain, in schāʾa ʾllāh“ – „morgen, so Gott will“. Und Gott schien bei Weitem nicht immer zu wollen. Wir versuchten, das Beste daraus zu machen, und fanden in eine Routine hinein, die morgens immer mit einem omelette tomates und marokkanischem Tee im Stammcafé begann und im besten Fall damit weiterging, dass man Mohammed beim Schrauben über die Schulter schauen konnte. Im häufigen Fall seiner Abwesenheit nutzten wir die Zeit zum Blog schreiben, für erste Planungen für unsere Heimkehr, die dadurch schlagartig greifbarer und realer wurde, und für einen Besuch in der Innenstadt Agadirs. Dort sahen wir deutlich die Folgen des verheerenden Erdbebens, das die ursprüngliche Altstadt im Jahr 1960 vollkommen zerstört und 15000 Menschen in den Tod gerissen hatte: Die Innenstadt besteht nun fast ausschließlich aus (damals) neu aufgebauten zweistöckigen, modernen Häusern. Immer wieder saßen wir auch beim benachbarten Karosseriebauer Hassan, der uns wie bereits im Mai mit leckerer Tajine und Tee verwöhnte und uns half, eine eigene Tajine (der traditionelle Schmorkochtopf aus Lehm) auszusuchen, die seinem Kennerblick standhielt. Auch die vielen anderen Mechaniker aus dem Viertel waren unheimlich nett, weshalb wir uns trotz der wenig idyllischen und hygienischen Wohnsituation wohl und willkommen fühlten. Doch als Friz‘ Motor an Tag 13 dann tatsächlich etwas röchelnd startete und wir nach einem weiteren Tag voller Besuche bei den Dieselpumpen-, Auspuff- und Kupplungsseil-Experten Agadirs endlich aufbrechen konnten, waren wir nicht nur sehr erleichtert, dass bei der Reparatur letztlich alles gut gegangen zu sein schien, sondern freuten uns vor allem sehr darauf, endlich wieder in der Natur übernachten zu dürfen und nicht vom Geräusch von Eisenhammern geweckt zu werden.
Bis uns unsere Fähre von der spanischen Exklave Ceuta nach Festlandspanien bringen sollte, blieben uns nun also nur noch fünf Tage in Marokko, in denen wir die fast 1000 Kilometer entlang der Küste bis nach Ceuta fahren mussten und dabei noch ein paar interessante Zwischenhalte in den schönen Küstenstädten Marokkos machen konnten. Zunächst fuhren wir in die Hafenstadt Essaouira mit seiner charmanten Medina, die heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt und im 18. Jahrhundert angelegt wurde, als die Stadt (damals noch Mogador) ein wichtiger Handelshafen war. Hier wollten wir nach einem Stadtbummel in den schönen blau-weißen Gassen die Chance nutzen, unsere neu erlernten Fähigkeiten in Marokkos zweiter Kitesurf-Hochburg unter anspruchsvolleren Bedingungen als in Dakhla auf die Probe zu stellen. Und leider merkten wir doch sehr schnell, dass das tatsächlich eine ganz andere Hausnummer war. Der Wind war sehr böhig, die Wellen hoch und, während Jannik sich trotzdem einigermaßen gut schlug, blieb ich meist nicht lange auf dem Board stehen. Naja, einen Versuch war es wert, doch der nächste Kitesurf-Urlaub wird uns besser wieder in einfachere Gefilde führen.
Nach einer anstrengenden Fahrt über volle Landstraßen erreichten wir am nächsten Tag mit Rabat die am Atlantik gelegene Hauptstadt Marokkos und neben Marrakesch, Fès und Meknès eine der vier Königsstädte. In der Zeit des französischen Protektorats war Rabat Amtssitz des Generalresidenten und blieb nach der Unabhängigkeit die Hauptstadt des Landes. Die Stadt erschien uns sehr vielseitig und lebendig. Wir erreichten die sehr steril saubere, aber natürlich sehr schöne Altstadt der Kasbah des Oudaïas, die die repräsentative Rolle der Stadt (in der schließlich der König Marokkos residiert) deutlich machte, über eine wuselige Strandpromenade, auf der Familien flanierten und in blinkenden, elektrobetriebenen Plastikautos herumfuhren und sich Männergruppen im „Turmspringen“ maßen. In der an die Kasbah grenzenden Medina landeten wir schnell auf dem Souk, der sich beinahe in der ganzen Medina erstreckte und auf dem dicht gedrängt nur Anwohner*innen unterwegs zu sein schienen – entsprechend beschränkte sich das Angebot vor allem auf Haushaltswaren, Kosmetikartikel und Alltagskleidung, doch irgendwie war es nett, einfach ein bisschen zuzuschauen und uns vorwärts schieben zu lassen.
Ganz anders sah das in der Medina des Künstler*innenstädtchen Asilah aus, das wir als nächstes ansteuerten. In der blitzsauberen von einer Stadtmauer eingegrenzten Altstadt schienen ausschließlich Tourist*innen und Verkäufer*innen unterwegs zu sein. Jeder Laden war eine kleine Kunstgalerie, die sich darauf verstand, die immer gleichen Souvenirs, die wir bereits aus Marrakesch, Essaouira und Fès kannten, hübscher anzurichten und als „handmade product“ zu verkaufen. Selbstverständlich gab es auch hier Ausnahmen, denn Asilah hat tatsächlich eine Künstler*innenszene, die jedes Jahr das Asilah Arts Festival („The Cultural Moussem of Asilah“) ausrichtet, bei dem die Hausfassaden der Medina zu Leinwänden werden und von Künstler*innen bemalt werden. Und natürlich ist die direkt am Atlantik gelegene Medina mit ihren Wandmalereien und verwinkelten Gassen unbestritten wunderschön und erklärt die hohe Bedeutung des Städtchens für Marokkos Tourismus.
Unsere letzte Nacht in Marokko verbrachten wir schließlich an einem Stellplatz oberhalb eines schönen Strandes in der Nähe von Tanger, an dem Jannik in seiner zweiten Nacht in Marokko schon einmal übernachtet hatte, und genossen noch ein letztes Bad im Meer bei einem so wunderschönen, orangeroten Sonnenuntergang, wie wir sie nur im Norden Marokkos gesehen haben. Bevor es am nächsten Tag über die Grenze nach Ceuta gehen sollte, besichtigen wir noch die geschichtsträchtige Stadt Tanger, die aufgrund ihrer Lage „zwischen den Meeren“ an der Straße von Gibraltar einen besonderen Bezug zum europäischen Mittelmeerraum hat. Während Marokko von 1912 bis zur Unabhängigkeit 1956 französisches bzw. spanisches Protektorat war, war die Stadt zur „Internationalen Zone von Tanger“ erklärt worden, die von Frankreich, Spanien, Großbritannien, den Niederlanden, Belgien, Portugal, der Sowjetunion und Italien gemeinsam verwaltet wurde. Dies hatte zum einen zur Folge, dass der Hafen zollfrei war, was die idealen Bedingungen für Schmuggelgeschäfte bot, für die Tanger sich in dieser Zeit einen Namen machte. Zum anderen war Tanger zu dieser Zeit enorm divers, was Nationalitäten und religiöse Zugehörigkeiten anging, denn neben den muslimischen und jüdischen Bewohner*innen lebten viele, vor allem christliche, Ausländer*innen in der Stadt. Letztere waren häufig gesellschaftliche Außenseiter*innen, die in der Hoffnung auf eine tolerantere Umgebung von Tanger angezogen wurden. Nach der Unabhängigkeit veränderte sich dies erheblich. Die meisten Jüd*innen verließen die Stadt und das Gebiet ging an den Staat Marokko über, der die bisherigen Handelsverträge für ungültig erklärte und der empfundenen Freizügigkeit ein Ende bereitete. Doch noch heute existieren Cafés in der Medina Tangers, in denen sich im letzten Jahrhundert Schmuggler und Spione trafen, und die Stadt vermittelt – vielleicht auch aufgrund seiner geografischen Lage und der vielen Tourist*innen – noch immer ein Gefühl von Vielfalt und Weltoffenheit. Lange verweilen konnten wir allerdings nicht, denn es ging noch am selben Abend mit den letzten goldenen Sonnenstrahlen über die Grenze nach Ceuta und damit auf europäisches Gebiet, was sich sehr lange zog. Grund hierfür ist das große Interesse der EU, illegale Einwanderung zu verhindern. Seit 1993 hat die Stadt einen mittlerweile sechs Meter hohen Grenzzaun zu Marokko, jedes Auto wurde genauestens unter die Lupe genommen und vor der Fähre trafen wir auf einen deutschen Frontex-Polizisten, der aus Deutschland im Einsatz ist. Immer wieder haben verzweifelte Gruppen von Migrant*innen in der Vergangenheit versucht, die Grenze zu stürmen, um auf europäischem Boden Anspruch auf ein Asylverfahren zu erhalten. Zuletzt gelangten im Mai 2021 tausende Geflüchtete mit Schlauchbooten oder Schwimmhilfen über das Mittelmeer, da Marokko die Grenzkontrollen ausgesetzt hatte, um – so lautet der Vorwurf – Spanien bezüglich seiner Haltung zu Marokkos Rolle in der Westsahara unter Druck zu setzen. Diejenigen, denen eine solche Flucht gelingt, werden häufig schnell zurück nach Marokko abgeschoben oder stranden in den Auffanglagern der spanischen Exklave, die wenigstens gelangen von hier nach Festlandeuropa. Und doch bildet diese eine Landesgrenze zwischen Afrika und Europa weiterhin für viele Menschen einen letzten Hoffnungsschimmer auf ein sicheres und gutes Leben. Mit dem mulmigen Bewusstsein über die Ungerechtigkeit dessen, wie durchlässig und unproblematisch der Grenzübergang mit unserem deutschen Pass ist, rollten wir schließlich nach mehr als drei Monaten in Afrika wieder auf europäischen Boden und einen Tag später nach einer kurzen Fährfahrt über die Straße von Gibraltar unsere ersten Kilometer in Festlandspanien.
Hier machten wir uns direkt auf den Weg über die nächste Landesgrenze auf die kleine Halbinsel Gibraltar, die seit 1704 unter britischer Souveränität steht und beim Brexit-Referendum 2016 der Stimmbezirk mit dem höchsten Stimmanteil (95,5%) für den Verbleib in der EU war. Gleichzeitig stoßen die Ansprüche Spaniens auf die Halbinsel bei den Bewohner*innen auf ebenso große Ablehnung. Wir fuhren vorbei am eindrucksvollen Gibraltar-Felsen bis zum südlichsten Punkt, dem Europa Point, von wo aus die marokkanische Küste in greifbarer Nähe erscheint, und fanden es sehr spannend dieses Relikt territorialer Machtkämpfe aus dem 18. Jahrhundert, das noch heute für bilaterale Spannungen sorgt, einmal gesehen zu haben.
Danach hieß es: Fahren, fahren, fahren. Und mit einem Zwischenhalt in der Nähe Granadas und in Valencia, wo Jannik in Erinnerungen an seine Zeit im Praxissemester schwelgen konnte und wir mal wieder in den Genuss von patatas bravas kamen, erreichten wir Figueres und hatten Spanien nach zwei Tagen fast durchquert. Doch als wir dort mal wieder den Motorraum öffneten, um zu überprüfen, ob der Ölstand nach unserer Reparatur in Agadir weiterhin so stabil blieb, wurde die Fahrt jäh unterbrochen. Sehr schockiert fanden wir heraus, dass das Motoröl nun nicht mehr auf dem Messstab erschien, sondern sich im Ausgleichsbehälter der Kühlflüssigkeit ausgebreitet hatte. Sofort hatten wir die Werkstatt in Agadir im Verdacht und sahen in Friz schon den wirtschaftlichen Totalschaden aufgrund einer kaputten Zylinderkopfdichtung. Doch die spanische Werkstatt, zu der uns der Abschleppdienst des ADACs fuhr, tippte zu unserer Erleichterung auf den Ölkühler: Den zu wechseln war unkompliziert und vergleichsweise kostengünstig. Da die Panne aber mal wieder auf ein Wochenende fiel, würden wir dennoch ein paar Tage in Figueres verbringen müssen. Friz zeigte mal wieder, was er am besten konnte: uns tagelange Werkstattaufenthalte bescheren… Dieses Mal kamen wir allerdings in den Genuss eines bezahlten Hotels. Und so konnten wir dann als Trost für den kleinen Schock und die unerwartete Planänderung, wenigsten den Luxus einer ausgiebigen Dusche genießen und die schöne Stadt Figueres mit dem eindrucksvollen Dalí-Museum kennenlernen.
Als nach vier Tagen schließlich der Ölkühler ausgetauscht und Friz‘ Kühlsystem notdürftig freigespült waren, fuhren wir die restlichen Kilometer bis nach Hause innerhalb von zwei Tagen – immer wieder unterbrochen von weiteren kleinen Pannen, wie einer qualmenden Kupplung, einem ausgefallenen Lüfter oder einem kaputten Fenster. Friz schien auf den letzten Metern wirklich ein bisschen die Kraft auszugehen. Ersatzteile waren dabei schwierig zu bekommen, die Werkstätten waren zum Bersten voll oder wegen Urlaub geschlossen und die Hilfsbereitschaft vorbeifahrender Autofahrer*innen nahm ab, je weiter wir in Richtung Norden fuhren. Mit kurzgeschlossenem Lüfter, einer langen Nachtfahrt und einem (zugegebenermaßen etwas übervorsichtigen) Feuerlöscher in Reichweite überquerten wir dann aber doch schließlich erschöpft und erleichtert die Grenze nach Deutschland und präsentierten unseren Friz fast ein bisschen stolz dem Zoll. Wir hatten ihn wieder nach Hause gebracht.
„Wie war’s?“ – Es scheint uns unmöglich auf diese Frage zu antworten, die uns nun nach unserer Rückkehr von allen Seiten gestellt wird. Vielleicht weil die Reise in den ersten Tagen und Wochen nach dem Ankommen zu Hause erstaunlich schnell in den Hintergrund gerät; weil die Freude über das Wiedersehen mit Familie und Freund*innen überwiegt; weil direkt neue Aufgaben wie Umzug, Behördengänge und neue Jobs anstehen. Oder einfach deshalb, weil es unmöglich ist, diese Frage für das, was wir erlebt haben, zu beantworten. „Es war – alles? Schön? Interessant? Überwältigend? Unterschiedlich? Unerwartet? Unvorhersehbar?“ Es war wunderschön, oben im ausgeklappten Bett jeden Tag ohne Wecker aufzuwachen und unten schon den Espressokocher blubbern zu hören. Es war überwältigend, mit Ausblicken über spektakuläre Landschaften zu frühstücken und zu Wellenrauschen einzuschlafen. Und dann war es eben auch mal eher ernüchternd, wenn man dann auch immer wieder von den Geräuschen von Tankstellen, Shopping Malls oder vorbeifahrenden Zügen geweckt wurde, weil wir nicht immer die Lust oder die Zeit hatten, abends nach einem schönen Stellplatz zu suchen. So wie es auch manchmal anstrengend war, morgens nicht zu wissen, wo wir abends schlafen würden. Wir hatten Phasen, in denen wir völlig losgelöst von allem gereist sind und alles in uns aufsaugen konnten, und Phasen, in denen wir uns danach gesehnt haben, zu Hause zu sein. Es war unheimlich bereichernd, so viele verschiedene Menschen und kulturelle Kontexte kennenzulernen und rührend, überall mit offenen Armen empfangen zu werden. Gleichzeitig waren uns die vielen Kontakte manchmal auch zu viel und wir haben versucht, uns zurückzuziehen. Und doch konnten wir uns dabei eben auch fast immer frei entscheiden, wohin wir wollten und tun und lassen, was wir wollten. Auch wenn wir unsere Reiseroute aufgrund des weltpolitischen Geschehens immer wieder anpassen mussten und es immer wieder Herausforderungen zu meistern galt, waren die Hindernisse auf dem Weg für uns doch vergleichsweise klein. Ein Privileg, dass den meisten Menschen, die wir kennenlernen durften, nicht zuteilwird und für das viele von ihnen gefährliche Wege auf sich nehmen. Was wir sicher sagen können, ist, dass der Weltschmerz, die Frustration über den Zustand der Welt, beim Reisen nicht kleiner, sondern größer wird. Und doch sind wir sehr froh, uns für diese Reise entschieden zu haben, und dankbar, dass wir so viel erleben, so unbeschreiblich schöne Orte besuchen und uns dabei überall auf der Welt auf die Hilfsbereitschaft und Offenheit der Menschen zu verlassen durften. Diese Erinnerungen werden wir wohl in nächster Zeit noch ein bisschen sortieren müssen, um dann sicherlich noch eine ganze Weile davon zu zehren.
Der Reiseabschnitt in Kürze
Was wir am meisten vermissten
Leider sehr oft unseren Mechaniker Mohamed
Was wir am meisten vermissen werden
Das Leben auf vier Rädern
Lesson learned
Selbstgebastelte Öko-Fliegenfallen aus Papier und Honig funktionieren nicht – vor allem kommen sie nicht gegen die Horden von Fliegen an, die in der Westsahara zu unseren Mitbewohnern wurden…
Unvergesslichste Begegnung
Der Kupplungsseil-Experte: Er hat das Monopol auf Kupplungsseile in Agadir, Ersatzteile bekommt man nur bei ihm in seinem kleinen, vor Seilzügen überquellenden Laden. Wir bekamen eine „Maßanfertigung“ für Friz und durften dem Profi bei der Arbeit über die Schulter schauen.
Begleitung während der Fahrt
Nostalgische Gespräche über alles was hinter uns lag, vorfreudige über das, was wohl vor uns liegen würde und manchmal auch etwas gefrustete über das, was uns gerade passierte… 😉
Go-to Snack
Nicht das häufigste, aber sicher der meist-vermisste Snack: Erste Brezeln in Gibraltar!

