Südindien
Von der Einsamkeit ins Chaos

Janniks Sicht
Jetzt war es also soweit: Wir ließen Friz zurück, schulterten unsere Rucksäcke und machten uns mit dem Flieger auf nach Indien. Dabei hatten wir ziemlich gemischte Gefühle. Die Enttäuschung darüber, es nicht wie ursprünglich geplant mit dem Auto nach Indien geschafft zu haben und die Aussicht darauf, unser Zuhause der letzten vier Monate zu verlieren, konkurrierten mit der Vorfreude auf Sonne, fantastisches Essen, die neuen Erfahrungen, die uns das Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln bringen würden und natürlich darauf, das wahnsinnig spannende Land Indien näher kennenzulernen. Für die erste lehrreiche Lektion mussten wir aber nicht einmal nach Indien, vielmehr erwartete uns diese schon in Kuwait, wo wir zwischenlanden mussten. Offensichtlich diente dieser Flughafen nicht nur uns als Zwischenstation, sondern verbindet offensichtlich vor allem Zentralasien mit dem Rest der Welt. Und so wurden wir Zeug*innen des wohl besten Reiseproviant-Lifehacks, den wir je erlebt hatten. Zunächst dachten wir „Wow, usbekische Reisegruppen gehen wirklich die Extrameile, um zu ihrem Tee zu kommen“, als wir eine eben solche mit einem Wasserkocher entdeckten. Bis wir aber feststellten, dass sich ein solcher Wasserkocher nicht nur im Gepäck dieser Reisegruppe befand, sondern vielmehr zur Standardausstattung des usbekischen und kirgisischen Handgepäcks gehört. Und noch begeisterter waren wir, als wir feststellten, dass der Wasserkocher nicht etwa der Teezubereitung dient (wir waren wohl noch etwas Türkei-biased), sondern dem Aufkochen der 5-Minuten-Terrinen, die sich natürlich ebenfalls im Handgepäck befanden. Also, beim nächsten Trip: Wasserkocher nicht vergessen! Wir hatten leider natürlich keinen dabei und mussten unsere Wartezeit also ohne Zwischensnack überbrücken. Zum Glück war es nicht allzu lange, wir nahmen unseren nächsten Flug und landeten schließlich in Mumbai. Und nachdem wir den vierstündigen (!) Einreiseprozess schließlich hinter uns gebracht hatten, konnten wir auch endlich unsere Neugier stillen und Mumbai erkunden. Von Mumbai hatten wir natürlich schon viel gehört und die Beschreibung der Stadt sieht meist so aus: Laut, dreckig, viel Verkehr und viele Menschen. Und tatsächlich kann man von Mumbai vieles behaupten, aber entspannt ist es nicht, und für uns veränderte sich in sehr kurzer Zeit sehr viel. Wir tauschten die Ruhe der Natur, die wir jetzt vier Monate fast jeden Tag genießen konnten, gegen eine Stadt, in der sich kaum ein ruhiges Plätzchen finden lässt. Wir tauschten das Leben zu zweit gegen einen Schlafsaal. Und wir tauschten die Unabhängigkeit, die uns das Reisen im Van brachte, gegen die Abhängigkeit von TukTuks und Zügen (deren Buchungssystem uns zu Beginn zur Verzweiflung trieb). Dementsprechend viel gab es zu verarbeiten, aber eigentlich gefiel uns Mumbai schon von Beginn an sehr gut. Klar ist es hektisch und voll, aber was soll man von einer Stadt von solcher Größe erwarten? Gleichzeitig waren alle unglaublich freundlich, die Geschichte der Stadt und ihren Sehenswürdigkeiten ist wahnsinnig interessant und das Essen fantastisch. So erkundeten wir Mumbai also vier Tage lang, genossen es über die Märkte zu laufen, besichtigten die wichtigsten Bauwerke der Stadt und besuchten einige Tempel. Was uns aber immer wieder aufs Neue überraschte, waren die Menschenmengen, die einen erwarteten, wohin man auch ging. Egal ob im Museum, am Gateway of India oder in Tempeln – überall war es unvorstellbar voll! Dies verschafft uns auch eine Nebentätigkeit, die uns seither begleitet: Fotomodell. Als wir das Gateway of India anschauten, kam eine Familie und fragte, ob sie ein Foto mit uns machen dürften. Wir waren zwar etwas verdutzt, stimmten aber natürlich zu – und fanden uns urplötzlich in einer Menschentraube wieder und verbrachten die nächste halbe Stunde damit, Selfies und Erinnerungsfotos zu schießen. Die Frage „Hello, one selfie please?“ begleitete uns seither und führte meist zu lustigen Begegnungen. Eine besondere war sicherlich die mit Neelam und ihrer Familie, die wir später im Chatrapati Shivati Museum wiedertrafen, wo sie Caro als Zeichen ihrer Freundschaft Ohrringe schenkte und uns zu sich nach Hause einlud. Nicht nur hier hatten wir das Glück, sehr netten Menschen zu begegnen: Am ersten Tag in Mumbai lernten wir Neil kennen, der in Mumbai studiert hatte. Er half uns nicht nur bei organisatorischen Dingen und zeigte uns einige Orte, sondern half uns mit seinen Erklärungen zum Kastensystem, arrangierten Ehen (dazu später mehr) und den Gründen für den Überschuss an Ingenieur*innen direkt zu Beginn, Indien etwas besser zu verstehen.
An unserem letzten Tag in Mumbai schlossen wir uns noch nach langem Zögern einer Tour durch das Dharavi Slum an, den die meisten von euch wahrscheinlich vom Film Slumdog-Millionaire kennen. Grund unseres Zögerns war, dass wir eigentlich keinen Armuts-Tourismus betreiben wollen, bei dem das Elend von Menschen das Interessensobjekt der sensationslüsternen westlichen Besucher*in ist. Dass wir uns letztlich doch dafür entschieden, lag daran, dass Dharavi anders ist als andere Slums und sich etwas Vergleichbares wahrscheinlich nirgends auf der Welt finden lässt. Zwar scheint Dharavi auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher Slum zu sein: Auf 2,2 km² leben mehr als eine Millionen Menschen, die Hütten scheinen heruntergekommen, 15.000 Menschen teilen sich eine Toilette, durch die Straßen fließen offene Abwasserkanäle, es gibt keine medizinischen Einrichtungen, überall liegt Müll. Doch gleichzeitig haben die Bewohner*innen Dharavis eigentlich Unvorstellbares geschafft: Zwischen den Hütten finden sich ungefähr 15.000 Minifabriken, die einen Jahresumsatz von einer Milliarde US-Dollar erwirtschaften (Also ein Slumdog-Billionaire 😉). Dies führt dazu, dass die Monatseinkünfte der 250.000 Arbeiter*innen sogar über dem Landesdurchschnitt liegen. Spezialisiert haben sich die Firmen vor allem auf die Müllverwertung und jede Kleinfabrik hat sich auf eine Tätigkeit spezialisiert. So stellt die eine aus Seifenresten von Hotels neue Seife für Wäschereien her, die andere schmilzt Plastikteile ein und formt neue daraus, wieder eine andere verwertet Leder wieder (das hier allerdings auch in großer Masse neu produziert wird) und nebenan stellt man aus eingeschmolzenen Aluminiumdosen den Schneideeinsatz für Mixer her. Dieses Wirtschaftssystem anzuschauen war tatsächlich sehr interessant und vor allem lernten wir wieder einmal viel über die Lebensweise der Menschen. Unser Guide sagte zu Beginn der Tour, er wolle uns zeigen, dass das Leben in Dharavi nicht unbedingt das Leben in Elend und Armut bedeute, sondern vor allem eine alternative Art der Lebensgestaltung. Denn entgegen unseren Vorstellungen geht es hier nicht unbedingt darum „herauszukommen“, denn auch der Wohlstand einiger Bewohner*innen (vermutlich den Besitzer*innen der Minifabriken, deren recht hohes Einkommen in der Statistik wahrscheinlich auch etwas darüber hinwegtäuscht, dass es vielen Arbeiter*innen nicht besonders gut geht) führt nicht dazu, dass sie Dharavi den Rücken kehren.
Obwohl wir Mumbai sehr mochten, freuten wir uns doch wieder auf ein paar Tage Ruhe und wollten als nächstes den Küstenabschnitt Goas ansteuern und dort Silvester am Strand verbringen. Dass wir mit dieser Idee nicht alleine waren, wurde uns aber schnell klargemacht. Goa gilt als DAS Ziel, um Silvester zu verbringen und junge Inder*innen kommen aus dem ganzen Land, um hier das neue Jahr zu feiern. Dementsprechend schlecht sah es auch aus mit Hotels und Zugverbindungen, aber da Goa eben der nächste Halt unserer Strecke war, entschieden wir, uns an Silvester eben doch ins Getümmel zu stürzen. Mit etwas Glück bekamen wir noch Zugtickets und Hotels, auch wenn wir diese zwei Mal wechseln mussten, und machten uns also auf den Weg, gespannt, was uns erwarten würde. Und das war letztlich doch ganz anders als erwartet, denn zumindest an dem Strand, an dem wir Silvester verbrachten, war es deutlich ruhiger als wir erwartet hatten, und so starteten wir doch eher gemütlich und nicht auf einer Techno-Strandparty ins neue Jahr. Die nächsten Tage hielten dann aber das, was wir uns erhofft hatten, und wir verbrachten sehr entspannte Tage faul am Strand und genossen die Ruhe (lediglich in regelmäßigen Abständen unterbrochen durch die Frage: „Selfie, please?“). Ein Abstecher führte uns dabei von Palolem nach Gokarna, einen sehr wichtigen Wallfahrtsort der Hindus. Am Strand Gokarnas soll der Gott Shiva durch das Ohr einer Kuh wiedergeboren sein. Dementsprechend heilig ist der Ort und unzählige Menschen pilgern hierher, rasieren sich den Kopf, fasten und nehmen ein Bad im Meer, bevor es in die nahegelegenen Tempel geht. Und auch diese haben es in sich: Nur ein einziger Blick auf das Shivalinga (Symbol der Gottheit Shiva) des Tempels Shri Mahabaleshwar scheint auszureichen, um sich von 100 Sünden zu befreien. Wir müssen mit unseren Sünden wohl weiterleben, denn der Zutritt zum Innersten des Tempels ist nur Hindus erlaubt. Aber immerhin konnten wir einen kurzen Blick auf Ganesh erhaschen, den elefantenköpfigen Sohn Shivas, der sich per Webcam auch den Außenstehenden im Tempel Shri Mahaganpati zeigt (Leider konnten wir nicht beobachten, wie er die ganzen Süßigkeiten, die ihm geopfert werden, auch verspeist. Ganesh liebt Süßigkeiten und hat sogar eine Lieblingssüßspeise, über die er sich besonders freut. 😉) Es war unglaublich spannend, den Prozessionen zuzusehen, und gleichzeitig zeigte sich Indien hier mal wieder anders, als wir es erwartet hatten. Wir hatten erwartet, dass hinduistische Tempel den buddhistischen sehr ähnlich sind, doch tatsächlich zeigten sich uns große Unterschiede. Während die wichtigen buddhistischen Tempel, die wir in Südostasien besichtigt hatten, golden glänzten und perfekt instandgehalten wurden, wirkten die Tempel Gokarnas – trotz ihrer enormen Bedeutung – etwas vernachlässigt und eine ästhetische Präsentation schien keine große Rolle zu spielen. Eine Theorie, die dies versucht zu erklären, besagt, dass der äußere Schein im Hinduismus keine Rolle spielt, was unsere Eindrücke bestätigen würde.
Nach Gokarna setzten wir unseren Weg nicht wie geplant entlang der Westküste nach Süden fort, sondern machten einen kleinen Umweg wieder nach Norden. Grund hierfür war, dass wir die Einladung Neelams und ihrer Familie, die wir in Mumbai kennengelernt hatten, annehmen und sie bei sich zu Hause in Ratnagiri besuchen wollten. Zwar passte dies nicht so ganz in unsere Reiseroute, aber wir hatten uns in der kurzen Zeit so gut verstanden, dass wir uns diese Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten. Und so landeten wir also in Ratnagiri und verbrachten zwei wunderschöne Tage mit Neelam und ihrem Mann Vikram, den beiden Töchtern Chitrakshi und Hridu, Vikrams Mutter, Neelams Eltern und ihrem Bruder Ritesh und seiner Frau und deren Kinder, die auf zwei Wohnungen verteilt im selben Haus leben. Die Gastfreundschaft, die uns hier erwartete, war unglaublich! Schon kurz nach Ankunft wurden wir von Neelam und ihrer Schwiegermutter mit einem fantastischen Essen verwöhnt. Etwas erstaunlich war für uns, dass Gäste in Indien offensichtlich separat essen. Wir aßen also nicht mit der ganzen Familie, sondern wir wurden bedient und die Familie aß dann später. Am nächsten Tag war auch schon alles organisiert: Sanjit, ein Freund Vikrams, holte uns morgens mit dem Auto ab und wir besuchten Strände, einen wichtigen Tempel und ein Fort in der Nähe von Ratnagiri. Alle Sehenswürdigkeiten waren hier zwar interessant, aber das spannendste waren eigentlich die Unterhaltungen über Schule, Arbeit, das Familienleben, Hochzeitstraditionen oder das Kastensystem, aus denen wir unglaublich viel mitnehmen konnten. Wir genossen den Tag in vollen Zügen und nahmen schließlich einen Nachtzug nach Kochi, aber natürlich nicht ohne ein reichhaltiges Abendessen – dieses Mal zubereitet von der Frau von Neelams Bruder – und etliche Abschiedsgeschenke. Besonders Caro wurde von Neelam und ihrer Tochter Chitrakshi mit Schmuck überhäuft, was uns dankbar, sprachlos und mit leicht schlechtem Gewissen zurückließ.
Nun wollten wir aber unsere Reise Richtung Süden fortsetzen und reisten mit dem Nachtzug nach Kochi im Bundesstaat Kerala. Das Reisen in Nachtzügen ist in Indien sehr komfortabel und sehr günstig. Wir reisten meist in offenen Achterabteilen, in denen alle ein Bett haben. Für das leibliche Wohl ist natürlich auch bestens gesorgt, ständig läuft ein Chai-Verkäufer durch die Waggons, Snacks gibt es auch immer zu kaufen und mittags und abends gibt es noch Curry oder Biryani. Und anders als in Deutschlang sind die Preise für Essen hier deutlich günstiger als im Restaurant und es schmeckt auch noch sehr gut. Das ist also der große Vorteil am Backpacking in Indien – die Zugreisen hätten wir mit Friz vermutlich verpasst. Dabei sind diese eigentlich immer ein Highlight, insbesondere weil man eigentlich nie im Zug fährt, ohne jemanden kennenzulernen. Zugfahren in Indien heißt für uns also auch: Eigentlich ununterbrochen Konversation führen. Auf der Fahrt nach Kochi startet ein Mitfahrer den Versuch uns zu überreden, ihn in seiner Heimatstadt zu besuchen, von wo aus er uns 2 Wochen mit dem Motorrad herumfahren will. Ein anderer, der gerade auf dem Weg nach Dubai ist, wo er die nächsten Jahre arbeiten wird, weil es in Indien keine Jobs für ihn gibt, bezahlt alle Chai-Bestellungen, kauft uns Frühstück und Wasser, weil wir ja Gäste in Indien sind. Auch wenn uns so etwas nun schon ein paar Mal auf unserer Reise passiert ist, werden wir uns vermutlich nie an diese unglaubliche Gastfreundschaft gewöhnen und es macht uns immer wieder sprachlos. Schon in den ersten zwei Wochen in Indien zeigte sich uns durch all die intensiven Begegnungen, warum Reisen so unglaublich gewinnbringend ist. Durch die Gespräche wird man stets mit eigenen Denkmustern konfrontiert, man muss sich mit Positionen des Gegenübers auseinandersetzen, die einem fremd und unverständlich sind, man wird herausgefordert und manchmal überfordert – stets geht man aus den Begegnungen aber anders heraus als man hineingegangen ist. In Indien trifft dies dank der Offenheit und Neugier der Menschen wahrscheinlich noch mehr zu als anderswo, da auch Themen, die uns eher privat erscheinen, hier unverblümt angesprochen werden (Fragen zu unserem Gehalt ist so gerne mal die zweite Frage in einem Smalltalk). Ein Thema, das uns dabei viel beschäftigte, waren die unterschiedlichen Ehe-Konzeptionen. In Indien sind arranged marriages die Regel, bei denen die Eltern eine*n potentielle*n Ehepartner*in für Ihre Kinder auswählen (bevorzugt innerhalb der eigenen Kaste, was ein maßgeblicher Grund ist, dass sich das Kastensystem hält). Wenn diese einverstanden sind (wie weit hier das Veto-Recht geht, ist vermutlich von Familie zu Familie unterschiedlich, Töchter scheinen aber auch hier eher das Nachsehen zu haben), kommt es schon kurze Zeit später zur Hochzeit. Verbreitet ist diese Art des Datings wohl insbesondere auf dem Land, wohingegen in der Stadt auch Ehen zwischen unterschiedlichen Kasten, das Kennenlernen ohne elterliche Mithilfe und nicht-eheliche Beziehungen nicht unüblich sind. Die Problematiken dieses Konzepts sind hinlänglich bekannt, prägten maßgeblich unser Denken darüber und sollten selbstverständlich nicht kleingeredet werden. Doch wir waren des Öfteren erstaunt, mit welcher Zuneigung und aus welch deutlichem Zustand des Verliebtseins die Personen über ihre Ehepartner*in sprachen, die sie zum Zeitpunkt der Eheschließung kaum kannten und mit denen sie bis dahin nur Kontakt unter der kritischen Beobachtung beider Elternpaare haben konnten. Ein besonders süßes Beispiel eines solchen Ehepaares trafen wir im Zug nach Kochi, weshalb ich auch hier darauf komme. Nun aber genug mit Exkurs und zurück zur Geschichte: In Kochi angekommen erwartete uns eine erstaunlich entspannte Stadt, die sich über Inseln und Landzungen am Arabischen Meer erstreckt. Besonders interessant ist die Architektur Kochis, die die bewegte Geschichte Indiens widerspiegelt: Neben britischen Bauten finden sich hier auch solche aus der Zeit der holländischen und vor allem portugiesischen Kolonialzeit. Zwar ist die Altstadt sehr touristisch, aber gleichzeitig hat sie auch etwas entspannter, was wir so in Indien noch nicht gefunden haben. Hier haben wir also unseren ersten sehr gemütlichen Stadtrundgang ohne viel Lärm und Verkehr und auch die Souvenirverkäufer interessieren sich mehr für das deutsche Kreuzfahrtschiff, das am selben Tag noch kommen soll, als für uns. Eine weitere Überraschung erlebten wir in Kochi, als wir uns eine Vorstellung des traditionellen Theaters Kathakali anschauten. Eigentlich waren wir äußerst skeptisch, da die Vorstellungen natürlich ausschließlich für Tourist*innen am Leben gehalten werden. Aber Kathakali spielt auch heute noch bei Tempelfesten eine große Rolle und es war trotz allem faszinierend, diese Kunstform zu sehen. Anders als im westlichen Theater sprechen die Darsteller nicht, sondern stellen die Geschichte ausschließlich pantomimisch dar, während ein Erzähler den groben Handlungsstrang in gesungener Form wiedergibt. Dies schließt auch Handbewegungen ein, wobei bestimmte Handstellungen jeweils für bestimmte Wörter oder Ausdrücke stehen. Teil dieser Darstellungen ist eine sehr aufwändige Maske, die jedes Mal aufs Neue vor der Vorstellung mittels Naturfarben, Reispapier und Stärke hergestellt werden. Dieser Verwandlung darf man ebenfalls im Vorfeld des Stücks beiwohnen und war mindestens genauso beeindruckend wie das Stück selbst.
Zwar ist Kochi das größte Ziel der Tourist*innen Keralas, doch ist der Bundesstaat ebenso für die Backwaters berühmt. Dieses Kuttanad genannte Gebiet erstreckt sich über 75 Kilometer Länge zwischen Kochi und Kollam und stellt ein Labyrinth aus Seen, Kanälen, Flüssen und Bächen dar, an deren Ufern Menschen leben, deren Leben sich auf dem Wasser abspielt – als Straßennetz, zum Waschen, Baden oder Spülen. Die meisten Besucher*innen verbringen hier ihre Zeit auf einem Hausboot. Diese sind aber wohl erstens recht laut und zweitens sehr teuer, weshalb wir uns für die ökologische Variante entschieden und mit einem gestakten Boot durch die Backwaters schipperten. Dabei wurden wir von Ellen aus England und Una aus Island begleitet. Letztere arbeitet als Assistentin des Präsidenten von Island und versüßte uns mit der ein oder anderen Anekdote die Fahrt (beispielsweise mit jener, als drei Franzosen in einem Restaurant in Island bei demjenigen mehr Butter bestellten, der ihnen wohl am ehesten Kellner-adäquat gekleidet schien, woraufhin sich der Präsident Islands natürlich ganz staatsmännisch darum kümmerte, dass die ausländischen Besucher diese auch erhielten 😉). Während wir sehr gemütlich durch das Gewirr an Kanälen fuhren, genossen wir alle die Ruhe und der Ausflug wurde somit auch direkt zu einem kleinen Wellness-Trip. Den vertieften wir im Anschluss noch mit einem kleinen Abstecher zu einem sehr schönen Strand in der Nähe Aleppeys, wo wir noch zwei Tage verbrachten, bevor wir uns von der Küste verabschiedeten.
Nun ging es für uns ins Landesinnere Indiens, wobei die Stadt Madurai unsere erste Anlaufstelle war. Madurai ist eine der ältesten Städte Südasiens und besticht durch den atemberaubenden Tempel Meenakshi-Sundareshwarar, dessen Fassade von über 33.000 Götterdarstellungen aus Stein verziert ist. Gebaut wurde der Tempel von den Pandya-Herrschern und ist eigentlich den Römern zu verdanken, die den Pandya-Herrschern durch ihren hohen Bedarf an Seide, Perlen und Gewürzen zu Reichtum verholfen. Zwar war es uns auch hier wieder nicht erlaubt, in den innersten Bereich des Tempels zu gehen, aber die äußeren Bereiche waren schon faszinierend genug und das eigentliche Highlight des Tempels ist nicht nur der Tempel selbst, sondern vielmehr das Leben, das in ihm stattfindet. Jeden Tag strömen 15.000 bis 25.000 Menschen hierher, um Meenakshi, der fischäugigen Göttin (in der indischen Poesie ist fischäugig offensichtlich der Inbegriff der Schönheit), zu huldigen. Dementsprechend stimmungsvoll geht es hier zu und beim Anblick der Warteschlangen waren wir auch nicht mehr ganz so traurig, dass wir die heiligsten Schreine nicht besichtigen konnten.
Nach Madurai stand Mysuru auf unserer To-Do-Liste, das vor allem bekannt für die Seiden- und Räucherstäbchenproduktion ist – und neuerdings als Yoga-Hochburg. Wir besuchten aber weder ein Yoga-Zentrum noch kleideten wir uns ganz in Seide ein und auch die Räucherstäbchen ließen wir eher links liegen (auch wenn wir uns auf einem Markt natürlich anschauen durften, wie sie produziert werden 😉). Wir besichtigten stattdessen die schönen Märkte Mysurus und den Mysuru Palace. Dieser Maharadscha-Palast, der 1912 fertiggestellt wurde, hat etwas Märchenhaftes und wird sehr gerne auch so inszeniert. So gibt es jeden Abend eine Lichtershow, bei der der Palast besonders angeleuchtet wird. Da wir sonst nichts vorhatten, schauten wir uns diese an, kamen uns aber schon bald etwas fehl am Platz vor. Denn vor allem wurde die Geschichte erzählt, wie die Göttin Durga den Büffeldämon Mahishasura besiegte und hierzu wurde der Palast immer wieder etwas unzusammenhängend beleuchtet. Alles in allem war das Ganze nicht besonders lohnend, aber einen gewissen Unterhaltungswert hatte es im Nahhinein doch.
Unsere nächste Station sollte die letzte Station in Südindien sein, bevor wir uns in den Norden aufmachten: Hampi. Unser Plan war, drei Tage lang die Tempelruinenstadt Vijayanagar (besser bekannt als Hampi) zu besichtigen, bevor wir uns vom Süden verabschiedeten. Unsere Abschiedstour sollte letztlich um einiges länger werden, aber dazu gleich mehr. In Hampi angekommen machten wir uns natürlich direkt an die Besichtigung. Hampi besteht aus verschiedenen Tempelruinen, die verstreut über eine Landschaft aus riesigen braunen Felsbrocken und Bananenfeldern entlang des Flusses Tungabadhra liegen. Dementsprechend schön ist also schon einmal das Setting und die Ruinen sind dann mindestens genauso beeindruckend. Den ersten Tag verbrachten wir mit einem schönen Spaziergang am Fluss, wo wir verschiedene Tempel erkunden konnten. Uns gefiel es richtig, auch wenn uns natürlich direkt Vergleiche mit Bagan in Myanmar und vor allem Angkor Wat in Kambodscha in den Sinn kamen, die uns vielleicht noch etwas mehr begeistert hatten. Dann taten wir natürlich das, was man in Hampi machen muss: Sonnenuntergang bewundern! Und am nächsten Morgen: Sonnenaufgang bewundern! Generell sind Sonnenauf- und -untergang ein großes Thema in Indien und lösen jedes Mal große Besucherströme und noch größere Begeisterung aus. Dementsprechend standen wir also auch am nächsten Morgen früh auf, freuten uns über den Sonnenaufgang, mussten uns aber direkt danach wieder schlafen legen, denn bei mir ging nichts mehr. Mich hatte ein Fieber erwischt, weshalb Caro allein loszog, um die Nordseite des Flusses zu erkundigen, während ich nur noch mein Bett besichtigen wollte. Nachdem es am nächsten Tag nicht besser wurde, fuhren wir in ein Krankenhaus, um ein tropisches Fieber auszuschließen. Das konnte auch recht schnell ausgeschlossen werden, denn der zweite Balken meines Covid-Tests war doch sehr schnell und sehr deutlich zu erkennen. Klar war also: Unseren Zug nach Delhi werden wir an diesem Tag nicht nehmen können, vielmehr werden wir noch um eine Woche in Hampi verlängern müssen. Und nun ging die Odyssee los… Nachdem unser Gästehausbesitzer uns zuvor versichert hatte, wir könnten so lange bleiben wie wir wollten, war das Gästehaus nun leider ausgebucht. Mysteriös… Also mussten wir wohl oder übel die Unterkunft wechseln (obwohl wir uns ja eigentlich isolieren sollten, aber: Wie?). Uns wurde die andere Flussseite empfohlen, da in Hampi selbst kurz vor einem langen Wochenende alles voll sei. Also setzten wir über und steuerten Hotels an, waren aber am Ende nie erfolgreich. Offensichtlich hatten es sich die Besitzer hier zur Masche gemacht, am Telefon Preise zu nennen, die sich, wenn man dann da war, plötzlich verdoppelten. Wegen der „schlechten Verbindung“ hätten wir sie wohl falsch verstanden. Diese Schwerhörigkeit lies uns so aber erstaunlicherweise direkt mehrere Hotelbesitzer falsch verstehen. Erschwerend kam hinzu, dass kein Hotel erpicht darauf war, Gäste mit Covid aufzunehmen, aus Angst, dass sie ihr Hotel schließen müssen. Das war natürlich verständlich, aber ohne Gästehaus dazustehen fanden wir auch nicht besonders verlockend. Abgerundet wurde die ganze Tortour vom Krankenhaus, das uns ständig anrief, weil sie wissen wollten, wo wir jetzt in Isolation gehen, aber auf unsere Aussage, dass uns kein Hotel aufnimmt, auch nicht reagierten. Schließlich fanden wir nach achtstündiger Suche ein Gästehaus, in dem wir bleiben konnten und wurden dort am nächsten Tag von einem Medical Team besucht. Alles war natürlich sehr wichtig, mein Fieber wurde gemessen (Es stellte sich heraus, dass Caros PCR-Test offensichtlich verlorengegangen ist, weshalb nun nur noch ich in Isolation war) und ich wurde mit einem Medikamentenmix versorgt, den ich unbedingt nehmen sollte. Nachdem sich herausstellte, dass der Mix aus einem Antibiotikum und Allergietabletten bestand, entschied ich mich allerdings für einen kleinen Akt des Ungehorsams. 😉 So verbrachten wir also eine Woche in diesem Gästehaus und wurden zusätzlich gepeinigt, da das Restaurant unseres Gästehauses das mit Abstand schlechteste Essen unserer Reise zubereitete – und in den anderen Restaurants im Umkreis war es unwesentlich besser. Richtig wohl fühlten wir uns also nicht, aber die Zeit verging schneller als wir befürchtet hatten. Wieder in Freiheit galt es natürlich zunächst die restlichen Tempelruinen Hampis zu besichtigen, bevor wir uns in den Norden aufmachten – unser 36-Stunden Zug nach Delhi wartete!
Der Reiseabschnitt in Kürze
Begleitung während der (Zug-)Fahrt
Für Ablenkung während der Fahrt sorgten tagsüber Gespräche mit interessierten Mitreisenden und nachts deren Schnarchkonzert. 😉
Zum ersten Mal...
Hatte ich das Vergnügen mit Covid – und ich hätte darauf verzichten können…
Was wir am meisten vermissten
Zwar war es schön, mal wieder mit dem Rucksack unterwegs zu sein, aber Friz fehlte uns dennoch ziemlich – nach vier Monaten hatten wir uns an unser Zuhause auf vier Rädern schon sehr gewöhnt.
Lesson learned
Keine Lücken lassen! Das queuing haben die Briten offensichtlich nicht in Indien gelassen. Lässt man auch nur den kleinsten Abstand zur vorderen Person, wird dies zwangsläufig so interpretiert, dass man ja wohl absolut kein Interesse daran haben kann, den Schalter auch irgendwann zu erreichen. 😉
Go-to Snack
Masala Dosa: Ein typisches südindisches Gericht, am ehesten vielleicht vergleichbar mit einem sehr dünnen Pfannkuchen gefüllt mit einer würzigen Kartoffelmasse und etwas Gemüse und abgerundet durch ein Curry und ein fantastisches Kokos-Chutney.
Unvergesslichste Begegnung
Unvergesslich wird für uns wahrscheinlich unser Krankenhausbesuch in Hampi bleiben: Während wir eher geschlossene Türen der Behandlungszimmer erwartet hatten, stand unsere während unserer Untersuchung offen und die Wartezeit vertrieb man sich damit, den Untersuchungen der anderen beizuwohnen – hatte man einen schlechten Platz erwischt, musste man sich etwas zur Seite lehnen, um noch ins Behandlungszimmer schauen zu können.


Wieder so genial geschrieben und so tolle bunte Bilder, Jannik!!!
Was soll ich sagen, ohne mich zu wiederholen? Wie immer ein toller, anschaulicher und super interessanter Reisebericht. Ich wünsche Euch weiterhin viel Spaß und viel zu Entdecken