Der Süden Marokkos
Meisterwerke der Natur, der Menschheit und der Filmindustrie

Janniks Sicht
Nach unserem kleinen Sandsturm in der Erg Chebbi, blieben wir zwar in der Wüste, wechselten aber deren Daseinsform: Hammada statt Erg, aus Sand mach Stein. Und der große Vorteil der Steinwüste fiel uns natürlich direkt ins Auge: Es gibt keinen Sand, der durch die Luft gewirbelt werden kann (stattdessen zwar Staub, den nahmen wir aber gerne in Kauf)! Wir fühlten uns also fast wie im Wellness-Urlaub, als wir unser Abendessen entspannt draußen ganz sandfrei genießen konnten. 😉 Gelandet waren wir nun im Djebel Saghro, einem kargen Wüstengebirge, das dem Film Babel als Kulisse diente. Zwar mochten wir die Wüstenlandschaft der Erg Chebbi sehr, doch eigentlich faszinierte uns die Steinwüste fast mehr. Die Weite der Landschaft ist schier unglaublich und glänzt durch absoluten Reizentzug – es gibt einfach nichts. Und das kilometerlang. An unserem Stellplatz begegnete uns über drei Tage hinweg keine Menschenseele und wir waren auch am Ende noch fasziniert von der Landschaft. Spannend ist diese ohnehin: Die heute trockenste Gegend Marokkos war dies vor einiger Zeit ganz und gar nicht, denn das Gebiet war einst Meeresboden und die Tafelberge, die hier verstreut zu finden sind, sind versteinerte Korallenriffe. So findet man in diesem Gebiet auch zahlreiche Fossilien, weshalb Stände, die Fossilien zum Kauf anbieten, auch das Straßenbild der Hauptverkehrsadern seit Merzouga prägten.
An diesem schönen Ort blieben wir drei Tage bevor wir uns nach Zagora aufmachten, um über das Drâatal nach Marrakech zu gelangen. Das Valée du Drâa ist die längste Flussoase Marokkos und gilt zugleich auch als die schönste. Da das Tal eine permanente Wasserversorgung gewährleisten konnte, war das Drâatal einst ein wichtiger Abschnitt der Handelskarawanenroute von Marrakech nach Timbuktu. Dementsprechend freuten wir uns schon sehr auf das Oasengefühl nach einiger Zeit in zwar spektakulären, aber auch sehr kargen Landschaften. Leider waren wir aber etwas enttäuscht, als wir durch das Tal fuhren, denn statt sattgrünen Dattelpalmen – die Dattelplantagen des Vallée du Drâa liefern einen Großteil der marokkanischen Datteln – wirkten die Datteln meist eher etwas verdorrt, was wir uns durch den Wassermangel, unter dem zu dieser Zeit nicht nur Marokko, sondern auch Spanien litt, erklärten. Es kann aber auch sein, dass wir einfach nur zur falschen Zeit dort waren, schließlich haben sich auch Dattelpalmen mal eine Pause von der Dattelproduktion verdient. Doch nichtsdestotrotz war die Fahrt sehr schön, wenn auch weniger oasengemäß. Was uns dennoch faszinierte, waren die zahlreichen kleinen Lehmdörfer, durch die die Straße führte, von denen fast alle mit sehr schönen Kasbahs aufwarten können (außerhalb der Städte gelegene Burgen oder Festungsanlagen, von denen es in Marokko zahlreiche gibt).
Als wir das Vallée du Drâa hinter uns ließen, lag nur noch der hohe Atlas zwischen uns und Marrakech und die Landschaft, die uns hier erwartete, begeisterte uns um einiges mehr. Die Ausblicke waren wunderschön, am Wegesrand immer wieder ein kleines Lehmdorf – gepaart mit Bergkulisse und Palmenhainen einfach wunderschön. Wir wollten in Richtung des Tizi’n’Tichka-Passes, allerdings gab es unterwegs noch einiges abzuarbeiten. Zunächst warfen wir einen Blick auf eines der beliebtesten Postkartenmotive Marokkos, das Dorf Ait Ben Haddou. Tatsächlich war der Blick auf das Dorf mit seinem großen Eingangstor und einer gewaltigen Kasbah über den Fluss hinweg fantastisch. Der Haken: Große Teile des „Lehmdorfes“ bestehen nicht aus Lehm, sondern Pappmaschee – so auch das Tor und Teile der schönsten Kasbah. Ait Ben Haddou finden nämlich nicht nur Tourist*innen malerisch, sondern offensichtlich auch zahlreiche Filmproduzent*innen, letztere mussten aber eben noch ein wenig nachhelfen. 😉 Doch auch zuvor war die Stadt schon sehr schön, weshalb sie auch als UNESCO-Weltkulturerbe geführt wird. Aufgrund des Tourist*innen-rummels, den man schon von weitem erkennen konnte, beließen wir es bei einem Blick aus der Ferne und statteten lieber der Kasbah von Telouet einen Besuch ab. Diese ist die größte Kasbah Marokkos und dementsprechend beeindruckend war sie auch für uns, auch wenn ihr Zustand nicht unbedingt der Beste ist. Grund hierfür ist, dass die Kasbah in Besitz des Berberfürsten Mohammed El Glaoui war, der sich Ende des 19. Jahrhunderts den Status als größter Großgrundbesitzer erkämpfte. Diesen versuchte er zu halten, indem er sich den Franzosen anschloss, als diese Marokko zum Protektorat erklärten. Das Kalkül ging nicht auf, 1956 musste er sich Sultan Mohammed V. unterwerfen und sein Besitz wurde verstaatlicht. Diese Verstaatlichung sorgte dafür, dass die ehemaligen Besitztümer El Glaouis nach und nach zerfielen, weil Marokko kein Interesse daran hatte, die selbstgesetzten Denkmäler des „Staatsfeindes“ zu erhalten. Doch der unrestaurierte Zustand der Kasbah hatte auch etwas charmantes, die einstige Pracht war dennoch deutlich erkennbar und insbesondere der Blick über den Hohen Atlas sehr schön.
Über diesen Weg, auf dem uns Marokko eine weitere Facette seiner fantastischen Landschaft zeigte, erreichten wir also Marrakech, das zwar nicht Hauptstadt, aber doch die wohl modernste, bekannteste und auch berüchtigtste Stadt des Landes ist. Wir hatten das Glück auf einem Parkplatz mitten in der Stadt übernachten zu können und waren somit sofort mitten im Getümmel – und das direkt beim Wahrzeichen der Stadt, der Koutoubia-Moschee. Als erste Freitagsmoschee Marrakechs war sie ursächlich dafür, dass Marrakech zur eigenständigen Stadt wurde – ohne konnte eine Stadt diesen Status nicht erlangen. Im 12. Jahrhundert erbaut, diente sie vielen Moscheen des Landes als Vorbild, weshalb insbesondere die quadratische Form des Minaretts heute überall zu finden ist. Zwar durften wir, wie überall in Marokko, die Moschee mal wieder nicht betreten, aber auch von außen ist sie mit dem 70 Meter hohen Minarett beeindruckend. Die ganze Altstadt Marrakechs ist sehr schön und der Kontrast zwischen mittelalterlicher und moderner Architektur, zwischen traditionell gekleideten Personen und solchen in Business-Outfits, zwischen gelebter Religiosität und offener weltlicher Verruchtheit machte den Aufenthalt in dieser Stadt spannend. Tatsächlich hatte Marrakech etwas Einzigartiges, was vermutlich vor allem am Djemaa el Fna lag, dem zentralen Platz der Stadt. Eigentlich recht unscheinbar, wenn auch sehr groß (und auch recht schön), bietet er am Abend ein Spektakel, das nicht nur uns beeindruckte, sondern offensichtlich auch die UNESCO, die extra einen Titel erfand, um ihn zu schützen: „Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“. Und dieses Meisterwerk betrifft weniger den Platz selbst, sondern vielmehr das Leben, das auf ihm jeden Abend aufs Neue entsteht: Zwischen zahlreichen Essens- und Verkaufsständen tummeln sich Geschichtenerzähler, Schlangenbeschwörer, Musiker*innen mit Blechkastagnetten, Glücksspielende und mit ihnen unzählig viele Menschen. Verkauft werden neben dem Üblichen – Essen, Tee, und Keramikware – vor allem Erlebnisse und so kann man nach dem Lauschen einer spannenden Geschichte noch schnell ein Selfie mit Affe, Schlange, Papagei oder einer anderen bedauernswerten Kreatur schießen, bevor man beim „Flaschenangeln“ den großen Gewinn einfährt, um sich im Anschluss mittels passender Brille in die virtuelle Realität flüchtet. Das Treiben ist so vielfältig, dass man es wohl stundenlang beobachten kann, ohne gelangweilt zu werden. Hinzu kommen noch die vielfältigen Gerüche, die einen umgeben und das Gesamtkunstwerk komplettieren. Als wir den Platz am nächsten Morgen wieder betraten, erkannten wir ihn kaum wieder, so ganz ohne Leben, einfach nur leer und sehr groß. Deshalb stürzten wir uns direkt wieder ins Chaos und erkundeten die zweite Hauptattraktion Marrakechs, die Souks. Die Basare Marrakechs sind nicht nur riesig, sondern auch äußerst vielfältig. Neben den klassischen Läden für Tourist*innen, wird hier immer noch gehämmert und geschnitzt, geschreinert und geschweißt. Dementsprechend spannend war es auch, die Gassen zu durchstreifen und den Händler*innen bei ihrem Tun zuzuschauen. Doch gleichzeitig ist es hier auch, wie überall in Marrakech, sehr touristisch, weshalb uns der Markt des jüdischen Viertels Mellah fast besser gefiel. Weniger Tourist*innen, dafür authentisch lebendig und spannende Architektur gibt es ebenfalls. Letztere gibt es in Marrakech natürlich zur Genüge zu bewundern, unter anderem eine der schönsten Koranschulen des Landes, der Madrasa Ben Youssef, die im 14. Jahrhundert gegründet wurde und im 16. Jahrhundert ihre heutige Gestalt erhielt. Vor allem ihr Innenhof ist einfach eine Augenweide mit seinen wunderschönen Holzschnitzereien, den feinen Keramikmosaiken und den leuchtenden Farben. Auch wenn wir hier mal wieder nicht allein waren, und die Schönheit eines solchen Ortes vielen mittlerweile vor allem als Hintergrund für das Zuschaustellen des eigenen Antlitzes und als Grund für eine weitere Veröffentlichung des eigenen Gesichts auf Instagram dient, hatten wir einigen Spaß. Zugegebenermaßen vielleicht auch gerade deshalb, denn die Beobachtung der Entstehung des perfekten Fotos bereitet durchaus auch einige Freude. 😉
Von Marrakech aus machten wir uns wieder über den hohen Atlas auf Richtung Süden. Wir wollten über den als schönsten Pass geltenden Tizi’n’Test nach Agadir, das wir nach Zwischenstopps am See Barrage Lalla Takerkoust und einem sehr schönen Stellplatz an einem Flüsschen im hohen Atlas, auch erreichten. In Agadir wollte unser T4 mal wieder etwas Aufmerksamkeit: Die Dieselpumpe leckte. Zu unserem großen Glück werden solche Probleme hier noch durch eine Reparatur (in unserem Fall vom Pumpenspezialisten, der sich auf die Reparatur von Kraftstoffpumpen spezialisiert hat) gelöst und so bekamen wir für 30 € wieder eine perfekt funktionierende Dieselpumpe und obendrauf ein deutlich leiseres Auto… 😉 Und wie das in Marokko eben so ist, wurden wir nicht nur zum Tee, sondern von Hasan, dem Karosseriebauer der Nachbarwerkstatt, auch noch zu einer Tajine eingeladen, die ein Kunde für ihn zubereitet hatte, während er dessen Auto reparierte.
So hatten wir also wieder einmal einen schönen Werkstattbesuch, allerdings hielt uns sonst nicht viel in Agadir, da wir hier auf dem Rückweg nochmal vorbeikommen wollen. Unser nächstes Ziel war die Sahara, die wir nun schnellstmöglich durchqueren wollten. Wie das aber eben so ist, scheiterten wir direkt wieder in unserer Zielstrebigkeit, da wir uns einfach nicht von einem wunderschönen Stellplatz über dem Strand von Igzira mit Blick über Meer, Strand und Felsbogen lösen konnten. So begannen wir unser Projekt Sahara-Durchquerung also doch etwas später – doch davon soll euch Caro erzählen!
Der Reiseabschnitt in Kürze
Begleitung während der Fahrt
Eigentlich eine Dauerbegleitung: Der Podcast Drinnies, dieses Mal aber insbesondere die Folge „Secrets of Marrakesch“!
Was wir am meisten vermissen werden
Die kühlen Temperaturen des Hohen Atlas.
Unvergesslichste Begegnung
Im Hohen Atlas trafen wir ein paar junge Ziegen und fanden heraus, dass Caro sich offensichtlich ganz gut zur Ziegen-Sektenführerin eignet… 😉
Go-to Snack
Berber-Omelette – eine unglaublich leckere marokkanische Variante des Omeletts, die meist mit Tomaten und Oliven in der Tajine zubereitet wird.


Einfach traumhaft!!!
Wieder mal zu schön ein bisschen bei euch dabei sein zu dürfen ♥ ♥ ♥
Besonders beeindruckend finde ich natürlich Caros neuen Job!
Die deutschen werden begeistert sein
Ups, wo sind meine deutschen geblieben
Ok, die Bilder der Ziegen wollen wohl nicht verschickt werden:(