Senegal

Senegal

Begegnungen zwischen Baobabs und brennenden Autos

Caros Sicht

Nun stand unser zweiter Grenzübergang innerhalb von drei Tagen an: Wir fuhren nach Senegal! Da wir kurz vor der Grenze übernachtet hatten, beschlossen wir, noch „schnell vor dem Frühstück“ einzureisen. Wir waren ja schließlich bewusst den Umweg zum entspannten Grenzübergang bei Diama gefahren, da der bei Rosso aufgrund von Schleppern, Taschendieben und Korruption als schlimmste Grenze Afrikas gilt. Doch schnell ging es auch hier nicht und so ganz ohne Essen im Magen kostete uns auch die Einreise über Diama einige Nerven. Zunächst einmal mussten wir – noch in Mauretanien – Eintritt für einen Nationalpark bezahlen, durch den die schlecht ausgebaute Wellblechpiste nach Diama eben führte. Dafür sichteten wir sogar ein paar Warzenschweine am Wegesrand des ansonsten unspektakulären Parks und ruckelten weiterhin guter Dinge über die holprige Piste auf die Grenze zu, wo unsere Geduld jedoch bald an ihre Grenzen kam. Dass man für jeden Stempel in ein anderes Gebäude musste, kannten wir bereits von der Grenze zwischen der Westsahara und Mauretanien und das war natürlich etwas unübersichtlich. Doch der eigentliche Stressfaktor war, dass jeder Schritt einen Geldbetrag erforderte – meistens in der Währung, die man gerade nicht hatte und dann zu schlechten Kursen bei parat stehenden Geldwechsler*innen schwarz umtauschen musste. Oder man zahlte natürlich in Euro, dann aber den doppelten Preis. Wir zahlten dafür, dass uns eine Schranke an der mauretanischen Grenze geöffnet wurde, für die Überquerung einer 30 Meter langen Brücke, für eine „Community Tax“ (was das war, blieb komplett im Dunkeln) und für ein „Passavant“ für die Einfuhr von Friz – denn im Gegensatz zu den anderen Grenzen Senegals wird das Carnet de Passage, das Zolldokument für Autos, aus unerfindlichen Gründen an dieser Grenze nicht gestempelt. Man bekommt lediglich ein für fünf Tage gültiges „Passavant“ und muss in dieser Zeit in die Hauptstadt Dakar fahren, um es dort stempeln zu lassen. Letztendlich waren das alles keine hohen Beträge und wir machten den Fehler, immer den Kampf um eine Quittung auszufechten (den wir fast nie gewannen). Für den eigenen Seelenfrieden wäre es wohl einfacher gewesen, diese Form der Korruption einfach zuzulassen und die Zahlungen als Ersatz dafür zu sehen, dass Senegal keine Visagebühren verlangt – und unbedingt vorher zu frühstücken! 😉

Die Straße zum Grenzübergang nach Senegal
Die Straße zum Grenzübergang nach Senegal
Das Highlight des "Nationalparks"
Das Highlight des "Nationalparks"
Das Highlight des "Nationalparks"
Na, auch auf dem Weg zur Grenze?
Na, auch auf dem Weg zur Grenze?

Da wir nach vier Tagen Fahrt durch die Wüste zwar einen Sandkasten, dafür aber keinen Tropfen Wasser mehr im Auto hatten, beschlossen wir, uns die Stadt Saint-Louis für den Rückweg aufzuheben und zunächst den bei Afrikareisenden legendären Campingplatz „Zebrabar“ im Nationalpark Langue de Barbarie aufzusuchen. Hier wollten wir unsere Servolenkung reparieren, unsere Wassertanks füllen und hoffentlich ein paar andere Reisende kennenlernen. Der Campingplatz, der sehr liebevoll gestaltet ist und direkt an einem schönen Strand liegt, gefiel uns sehr gut, doch leider erfolgte statt dem erhofften netten Austausch ein Redeschwall des einzigen anderen Gastes: Ein erfahrener Afrikareisender, der natürlich alles schon gesehen, jedes Auto schon besessen und bereits alles erlebt hatte. Leider ging dieser Typ mit einem so selbstgefällig starren Blick durch die Welt, dass diese vielen Erfahrungen in Afrika bei ihm vor allem dazu geführt hatten, dass er seine teilweise äußerst rassistischen Theorien immer wieder bestätigt sah. Unser Kontra zog komplett an ihm vorbei, bei Gegenargumenten wechselte Ralf, wie wir ihn tauften, einfach das Thema, denn natürlich hatte er zu allen möglichen Themen etwas in seinen Worten „Provozierendes“ (meist Uninformiertes oder Unreflektiertes) zu sagen. Wir verbrachten die beiden Tage also vor allem damit, ihm aus dem Weg zu gehen, schafften es aber nebenbei jemanden zu finden, der das Loch im Servolenkungsschlauch mithilfe einer ähnlich gebogenen alten Bremsleitung reparierte. An ein neues Ersatzteil war hier nicht zu denken, was wir in Senegal noch ein paar Mal zu spüren bekamen.

Der Norden Senegals
Der Norden Senegals
Nationalpark Langue de Barbarie
Nationalpark Langue de Barbarie
Zebrabar
Zebrabar
Eine funktionierende Servolenkung wäre schon nicht schlecht...
Eine funktionierende Servolenkung wäre schon nicht schlecht...
Senegal begeistert (vor allem Jannik) direkt mit wunderschönen Vögeln. Hier: Der Senegalracke
Senegal begeistert (vor allem Jannik) direkt mit wunderschönen Vögeln. Hier: Der Senegalracke
Ein Senegaltoko
Ein Senegaltoko
Ein Schwarzmilan (so klassifiziert ihn zumindest die Google Bildersuche ;) )
Ein Schwarzmilan (so klassifiziert ihn zumindest die Google Bildersuche 😉 )

Auf dem Weg nach Dakar, wo wir in den nächsten Tagen unser Carnet de Passage würden stempeln müssen, machten wir Halt an einem schönen Strand und erholten uns von Ralfs Äußerungen. Immer wieder kamen freundliche Bewohner*innen des nahegelegenen Dorfes vorbei und wir quatschten ein bisschen auf unserem leider noch immer sehr gebrochenen Französisch. Unsere mangelnden Sprachkenntnisse schienen sie aber nicht weiter zu stören und bald platzierte sich eine große Gruppe Kinder gegenüber unserer Schiebetür und lachte sich schlapp darüber, was wir so machten. Und das zurecht, denn außer Lesen, Baden und Blogschreiben machten wir an diesen beiden Tagen tatsächlich nicht viel. Am zweiten Abend wurden wir von Fatima, einer sehr sympathischen Anfang Zwanzigjährigen aus dem Dorf, zu sich nach Hause eingeladen. Sehr gerührt folgten wir ihr und ihren Schwestern und Cousinen in ihr Wohnzimmer, wo wir bei gezuckerter Milch mit der Familie zusammensitzen durften. Leider stießen wir mit den paar Brocken Wolof, die wir zuvor eingeübt hatten, hier auf keine große Begeisterung. Die Familie gehört zur Volksgruppe der Fulbe, die Pulaar sprechen. Die ethnische Vielfalt in Senegal zeigt einmal mehr die Willkür der kolonialen Grenzziehung und des Konzeptes des Nationalstaats. Häufig erschien uns das Gefühl der Zugehörigkeit zur eigenen Ethnie auch über Landesgrenzen hinweg nach Gambia, Mali oder Guinea viel stärker als ein senegalesisches Nationalgefühl. Doch die Grenzen zwischen den Ethnien scheinen aufgrund von Mischehen und dem in Senegal sehr friedlichen Zusammenleben zu verschwimmen und viele Senegales*innen können sich auf mehreren der vielen Sprachen verständigen. Als wir mit Fatima über ihren Job als Schneiderin sprachen, nahm sie uns kurzerhand mit in ihr Zimmer, wo sie uns ihre Werke zeigte, und mich aufforderte, ein paar ihrer Outfits anzuprobieren, die sie mit Glitzer-Stöckelschuhen und großem Hut vervollständigte. Nachdem Fatima und ihre Mutter uns dann auch noch mit einigen selbstgenähten Kleidungsstücken beschenkt hatten (dass wir sie bezahlten, kam nicht infrage), wurde uns deutlich gemacht, dass wir nun gehen mussten, da der Vater bald nach Hause kam. Doch wir bekamen abends noch einmal Zeit, uns (im leider sehr begrenzten Rahmen unserer sprachlichen Möglichkeiten) ausführlich mit Fatima und ihrem jüngeren Bruder zu unterhalten, als die beiden uns mit senegalesischem Tee am Bus überraschten. Sie zeigten uns die Musik senegalesischer Künstler und erzählten von ihrem Aufwachsen und ihren Zukunftsplänen. Die beiden wollen – wie so viele, die wir auf unserer Reise durch Senegal und Gambia noch trafen – unbedingt nach Europa. Sie schilderten die prekäre wirtschaftliche Situation in Senegal (der Bruder arbeitet beispielsweise trotz seines Abiturs als Kuhhirte) und ihre Ambitionen, in Europa Geld zu verdienen, um die Familie zu unterstützen. Wir ärgerten uns in diesem Moment sehr über unser schlechtes Französisch. Hätten wir die beiden doch so gerne besser verstanden und selbst mehr dazu gesagt. Vielleicht, wie prekär die Situation westafrikanischer Einwander*innen in Europa sein kann, wie gefährlich die Reise dorthin und wie schwierig es ist, zu bleiben und tatsächlich Geld verdienen zu können. Doch selbst, wenn wir das hätten äußern können, hätte es nichts daran geändert, dass uns der Weltschmerz hier mit voller Wucht traf – uns, die für wenig Geld und ganz ohne Visum nach Senegal reisten, während die beiden, die uns hier rührend willkommen hießen, kaum eine Chance haben, ihre Heimat, in der die Unterbeschäftigungsquote bei 80% liegt, zu verlassen, um ihren Traum von einer finanziell sicheren Zukunft zu verwirklichen. Wir spürten eine Art von Starre, die sich auch in den kommenden Wochen immer wieder einstellte, wenn uns die globalen Ungerechtigkeiten so unmissverständlich vor Augen geführt wurden und wir uns in dem unauflösbaren Dilemma wiederfanden, unsere Rolle als privilegierte Reisende aus dem „globalen Norden“ in Afrika zu finden. Natürlich wollten wir Land und Leute kennenlernen, uns sicher fühlen und manchmal auch einfach unsere Ruhe haben. Und gleichzeitig fühlte es sich jede Forderung dieser Art so falsch an, wenn man sich vor Augen führte, wie die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents seit der Kolonialzeit und die daraus resultierende globale Ungleichheit dazu führt, dass die Menschen hier häufig eben nicht jenes Privileg haben, in Sicherheit zu sein, andere Länder bereisen und auch einfach mal die Augen vor allem verschließen zu können.

Schon am ersten Stellplatz merkten wir: Alleine werden wir wohl nicht viel sein
Schon am ersten Stellplatz merkten wir: Alleine werden wir wohl nicht viel sein
Besuch an unserem Bus
...und die Momente nach dem Foto
...und die Momente nach dem Foto
Zwschenstopp nach Dakar
Küste Senegals
Mr. Krabs
Mr. Krabs
Küste Senegals
Auf dem Weg zu Fatimas Haus
Zu Besuch bei Fatima
Zu Besuch bei Fatima

Auf dem Weg nach Dakar kamen wir bald nur noch im Schneckentempo voran und, auch wenn uns der Verkehr nicht viel unübersichtlicher vorkam als beispielsweise der in Istanbul, machten uns die zerbeulten, klapprigen Autos nicht wirklich Hoffnung, dass Friz das heil überstehen würde. Dann riss uns – zum perfekten Timing auf der Mittelspur einer vollen Straße – das Kupplungsseil. Friz tat sich wirklich nicht leicht, seit wir in Afrika waren. Während wir ausstiegen, um die Motorhaube zu öffnen, wurden wir von ungeduldig hupenden Busfahrern und Lastwägen überholt und, selbst als uns zwei freundliche Rollerfahrer anboten, beim Schieben zu helfen, war es gar nicht so leicht, den auch von rechts überholenden Verkehr aufzuhalten, um rechts ranzufahren. Völlig fertig mit den Nerven standen wir dann aber irgendwann doch (leicht schief) am Straßenrand und ein Passant organisierte uns einen Mechaniker, der das Kupplungsseil zusammenschweißen konnte. Auch hier wurde gar nicht erst der Versuch unternommen, ein Ersatzteil zu suchen. Eine Stunde später, in der sich noch ein kommunikativer Polizist und der Sicherheitsmann eines Hotels dazugesellten und dem Mechaniker über die Schulter schauten, konnte die Fahrt endlich weitergehen. Endlich angekommen am „Cercle du Voile“, dem Segelclub Dakars, der sich mit seinen sanitären Anlagen und einer netten Bar als kleiner „Campingplatz“ mitten in der Stadt etabliert hat, fand Friz Platz neben einem riesigen Truck, in dem eine deutsche Familie reiste, und wurde rund um die Uhr von mindestens drei freundlichen „guardiens“ bewacht. Der erste Tag in Dakar reichte lediglich für einen Besuch des Zollamts am Hafen, wo wir das Carnet de Passage stempeln ließen, und einen Spaziergang durch das Viertel rund um den etwas gesichtslosen „Place de l’Independance“ mit seinen bunten Märkten, überteuerten Souvenirbuden und Nescafé-Ständen. Immer wieder  verwickelten uns die unterschiedlichsten Menschen in nette Gespräche. Wie beispielsweise der Sportlehrer Amadou, der uns ans Herz legte, den senegalesischen Tamarindsaft zu probieren und uns zu sich an die Schule zum Hospitieren einlud. Oder Mamadou, der uns zu einem Fest zu sich in sein Dorf einlud. Wir waren wieder einmal auf unserer Reise völlig überwältigt von diesem ehrlichen Interesse und der selbstverständlichen Gastfreundschaft. Schweren Herzens mussten wir diese Besuche aber leider absagen. Grund hierfür war, dass unser Aufenthalt genau auf die Proteste infolge der Festnahme des Oppositionspolitikers Ousmane Sonko fiel und uns daher dringend geraten wurde, die Stadt vor der Prozesseröffnung wieder zu verlassen. Der aus der Region Casamance stammende Politiker, der der aktuelle Bürgermeister der Povinzhauptstadt Ziguinchor ist, war bereits 2021 wegen Vergewaltigung angeklagt worden. Zwar wurde er nun von diesbezüglichen Gewaltvorwürfen freigesprochen, erhielt aber dennoch eine zweijährige Haftstrafe wegen „Verführung der Jugend“ (corruption de la jeunesse), die seine Kandidatur bei der 2024 anstehenden Präsidentschaftswahl verhindert. Er ist der führende Oppositionskandidat und damit der wichtigste Kontrahent des aktuellen Präsidenten Macky Sall, weshalb Sonko und seine Unterstützer*innen (sowie viele Beobachter*innen) die Anklage für politisch motiviert halten. Der Unmut darüber entbrannte sich in landesweiten Protesten zum Prozessauftakt und insbesondere bei der Verkündung des Urteils (da waren wir dann schon in der Casamance im Süden Senegals). Dabei kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen mit Sicherheitskräften, die sogar einige Leben forderten. Ganze Viertel Dakars wurden abgeriegelt, da die Straßenschlachten nicht mehr kontrollierbar waren, brennende Straßenblockaden unterbrachen den Überlandverkehr und es kam zu Anschlägen auf die Infrastruktur, wie Banken, Supermärkte, Tankstellen und Schulen. Neben Dakar war hier vor allem die Casamance, die Herkunftsregion Sonkos, betroffen.

Panne in Dakar - Caro mimt das lebende Warndreieck
Panne in Dakar - Caro mimt das lebende Warndreieck
Place de l'Independance in Dakar
Place de l'Independance in Dakar
Diese Nescafestände sind überall in Senegal zu finden
Diese Nescafestände sind überall in Senegal zu finden
Zwischensnack in Dakar
Markt in Dakar
Markt in Dakar
Markt in Dakar
Markt am Straßenrand

Schweren Herzen verzichteten wir also auch auf eine geplante Besichtigung des Westpoints, des westlichsten Punktes Afrikas, und der Île de Gorée, der sogenannten „Sklaveninsel“, einem symbolisch bedeutsamen Erinnerungsort für den transatlantischen Sklavenhandel, der ein Museum zur Geschichte der Sklavenverschiffung aus Westafrika beherbergt. Stattdessen ging es für uns weiter ins Sine Saloum Delta, wo wir mit einem traumhaft schönen Stellplatz direkt an einem bolong, einem der vielen Wasserarme, entschädigt wurden und drei Tage lang nichts taten, außer zu lesen, zu baden und hin und wieder den freundlichen, vorbeifahrenden Fischern zu winken.

 

Caro ist kurz Einkaufen, Jannik wird es in der kurzen Wartezeit zum Glück auch nicht langweilig
Caro ist kurz Einkaufen, Jannik wird es in der kurzen Wartezeit zum Glück auch nicht langweilig
ÖPNV
ÖPNV
An künstlerischem Enthusiasmus mangelt es auch Reifenwerkstätten nicht
An künstlerischem Enthusiasmus mangelt es auch Reifenwerkstätten nicht
Cashew- und Erdnuss-Verkäuferinnen
Cashew- und Erdnuss-Verkäuferinnen
Ziegen, überall Ziegen
Sine-Saloum-Delta
Sine-Saloum-Delta
Sine-Saloum-Delta
Sine-Saloum-Delta

Nachdem wir also drei Tage in (fast) völliger Abgeschiedenheit verbracht hatten, fühlten wir uns bereit für einen der größten Märkte Westafrikas in der Stadt Kaolack, der in engen Arkadengängen untergebracht ist. Gespannt auf die vielen Eindrücke schoben wir uns durch die engen Gänge, bestaunten die Vielfalt, kauften selbst ein bisschen ein und kamen mit vielen Verkäufer*innen oder Einkaufenden ins Gespräch. Wie in Indien strömten uns immer wieder diverse (unterschiedlich gute) Gerüche in die Nase, was an den kleinen Essens- und Gewürzständen und dem Tiermarkt lag, der im selben Gebäude untergebracht ist.

Kaolack
Kaolack
Friseursalon in Kaolack
Friseursalon in Kaolack
Kaolack
Tischkicker sieht man häufig in den Dörfern Senegals
Tischkicker sieht man häufig in den Dörfern Senegals
Spielwarenladen
Spielwarenladen
Mangosaison
Mangosaison
Müllentsorgung
Müllentsorgung

Weitere Eindrücke erwarteten uns auf unserem Weg „um Gambia herum“ entlang der einen Teerstraße, die vorbei an Erdnussplantagen, Eselskarren und den die Landschaft Nordsenegals so prägenden Baobab-Bäumen in den Osten Senegals führt. Alle paar hundert Meter tauchten Dörfer mit strohbedeckten Lehmhütten und meist mindestens einem Mangobaum direkt an der Straße auf, in dessen großzügigen Schatten sich die Dorfbewohner*innen versammelten. Nach ein paar Zwischenstopps, die häufig in einer Einladung (wie im Falle der Tramperin Aicha und der Köchin Mariam), manchmal auch in der Frage nach Geld, aber immer im Austauschen von Handynummern mündeten, erreichten wir irgendwann den Gambia-Fluss ganz im Osten Senegals. Und bei schlappen 48°C (so eine Hitze hatten wir noch nie erlebt) fuhren wir uns passenderweise an einem steilen Stück in weichem, heißem Sand fest. Stundenlang buddelten wir Friz schweißgebadet Stück für Stück aus, wobei selbst eines der Sandbleche unter den Strapazen ein bisschen anschmorte. Doch irgendwann konnten wir ihn befreien und freuten uns über ein Bad im (leider auch sehr warmen) Fluss. Entschädigt wurden wir dann vor allem durch die spannende Wildlife-Szenerie, die sich direkt vor unserem Schlafplatz abspielte: Zur Dämmerung kamen Antilopen, Paviane, andere Affen und viele Vögel ans Wasser, um zu trinken, und nach Einbruch der Dunkelheit hörten wir sogar laute Grunzgeräusche, die wir mithilfe von Youtube Nilpferden zuordnen konnten. Nichtsdestotrotz konnten wir uns nicht vorstellen, eine weitere Nacht in dieser Hitze zu verbringen, und machten uns in der Hoffnung auf etwas Abkühlung schon am nächsten Tag auf den Weg in Richtung Westen in die Region Casamance.

Durch Savannenlandschaft
Durch Savannenlandschaft
Kurze Reisebegleitung von Aicha und ihrer Freundin in Kaolack
Kurze Reisebegleitung von Aicha und ihrer Freundin in Kaolack
Auf Autos und Lastwägen wird gerne mal der Familie gedankt
Auf Autos und Lastwägen wird gerne mal der Familie gedankt
Friz unter Baobabs
Friz unter Baobabs
...die sich auch hervorragend zum Putzen der Solaranlage eignen
...die sich auch hervorragend zum Putzen der Solaranlage eignen
Kurzes Päuschen im Schatten
Kurzes Päuschen im Schatten
Bei Mariam gibt es Thieboudienne, das Nationalgericht Senegals
Bei Mariam gibt es Thieboudienne, das Nationalgericht Senegals, ein Eintopf aus Reis, Fisch und verschiedenen Gemüsesorten (den wir auch ohne Fisch bekamen)
Zwischenstopp im Dorf, wo ein Tramper Wasser holen wollte
Zwischenstopp im Dorf, wo ein Tramper Wasser holen wollte
...und auch hier warten wieder nette Bekanntschaften
...und auch hier warten wieder nette Bekanntschaften
Statt einem kühlen Bad im Gambia River durften wir ersteinmal wieder Friz befreien
Statt einem kühlen Bad im Gambia River durften wir ersteinmal wieder Friz befreien
...und zogen dabei wütende Blicke der Wartenden auf uns
...und zogen dabei wütende Blicke der Wartenden auf uns
Gambia River
Endlich dürfen wir doch baden!
Gambia River
Gambia River am Ende der Trockenzeit
Gambia River am Ende der Trockenzeit
Der Fluss ist bei 48 °C nicht nur für uns Sehnsuchtsort
Der Fluss ist bei 48 °C nicht nur für uns Sehnsuchtsort
Paviane kommen auch immer wieder vorbei
Paviane kommen auch immer wieder vorbei

Eine Straßensperre mit stark bewaffneten Polizisten veranlasste uns dazu, nochmal bei der Website des Auswärtigen Amtes vorbeizuschauen, ob sich im Zusammenhang mit Ousmane Sonkos Prozess die Sicherheitslage verändert hatte. Und tatsächlich war wohl, als wir nichtsahnend am Ufer des Gambia-Flusses gesessen hatten, ein Autokorso von Sonkos Unterstützer*innen aus der Region auf der Hauptstraße an uns vorbeigefahren, der den Angeklagten auf seiner Fahrt zum Prozess nach Dakar begleitete.  Bei dieser Protestaktion hatte es sogar bereits ein Todesopfer gegeben. Sehr verunsichert, ob wir die Casamance nun überhaupt bereisen sollten, fragten wir beim nächsten Polizeiposten nach, der wie immer nicht lange auf sich warten ließ. Und da die uns versicherten, dass die „securité“ nun wieder „très bonne“ sei, fuhren wir weiter und verbrachten ein paar ruhige (und leider unwesentlich kühlere) Tage am Ufer des Casamance-Flusses in der Nähe der Stadt Kolda. Die fruchtbare Region, die mit ihren tropischen Wäldern und Mangroven einen ganz anderen Eindruck machte als die Savannenlandschaft des Nordens, gilt als die Kornkammer Senegals. Trotz dieser wichtigen Rolle für die Nahrungsmittelversorgung des Landes fühlen sich die Bewohner*innen der Casamance, die durch Gambia schon räumlich vom Rest des Landes abgeschottet sind, von der Regierung in Dakar im Stich gelassen, weshalb insbesondere in der Basse Casamance schon lange Unabhängigkeitsbestrebungen existieren. Dieser Konflikt wurde seit den 1990er Jahren mit der Gründung des MFDC (Mouvement des forces démocratiques de la Casamance) durch Separatisten und insbesondere mit der Inhaftierung dessen Anführer auch militärisch ausgetragen und forderte in den Neunziger- und Nullerjahren viele Todesopfer. Seit 2014 herrscht ein recht stabiler Waffenstillstand, doch die Eskalation rund um den Prozess gegen Sonko zeigt, dass der Konflikt bis heute schwelt. Neben damit verbundenen Sicherheitsbedenken hatten wir ab Ziguinchor, der Provinzhauptstadt der Casamance, aber auch eine sehr schöne Begleitung: Unser Freund Hannes war zufällig auch im Senegal mit dem Rucksack unterwegs und wir schlossen uns für die Reise durch die Basse Casamance zusammen.

Luftdruck erhöhen - Qualitätskontrolle ist auch dabei!
Luftdruck erhöhen - Qualitätskontrolle ist auch dabei!
Luftdruck erhöhen - Qualitätskontrolle ist auch dabei!
Typisches Dorf in Senegal
Typisches Dorf in Senegal
Ziegen auf Dach
Tiertransport Senegal-Style
Wer braucht schon Traktoren?
Wer braucht schon Traktoren?
Ersatzreifen-Hängematte
Ersatzreifen-Hängematte
Dorf in der Casamance
Dorf in der Casamance
Stellplatz am Casamance River
Stellplatz am Casamance River
Wiedersehen mit Hannes in Ziguinchor
Wiedersehen mit Hannes in Ziguinchor

Auf unserem Weg in das touristische Strandörtchen Cap Skirring stellte sich heraus, dass die Sache tatsächlich noch nicht ausgestanden war. Nachdem am Morgen in Ziguinchor noch alles ruhig schien, waren dort ein paar Stunden nach unserer Abreise erneut heftige Proteste entbrannt, und auf halber Strecke wurden wir von einer brennenden Straßenblockade aufgehalten, die den Weg über die einzige Teerstraße nach Cap Skirring versperrte. Gemeinsam mit anderen Fahrer*innen fanden wir eine Umfahrung über eine Offroad-Piste und trafen auf der anderen Seite auf zwei Autofahrer, die in die andere Richtung mussten und uns versicherten, dass in Cap Skirring alles „très tranquil“ sei. Am nächsten Tag stellte sich nach etwas Recherche und einigen Gesprächen mit den besorgt wirkenden Bewohner*innen und französischen Touristen heraus, dass das Örtchen doch nicht so entspannt war wie angekündigt. Am Tag zuvor hatte es wohl, während wir etwas außerhalb des Ortskerns den paradiesischen Strand genossen, keine zwei Kilometer entfernt heftige Proteste gegeben, bei denen einer der Teilnehmer ums Leben gekommen war, was uns sehr bestürzte. Ein Spaziergang durch die wieder beruhigte Stadt vorbei an Überresten von Straßenblockaden und ausgebrannten Autos ließ uns das Ausmaß der Proteste erahnen. Auch wenn Tourist*innen nicht Ziel der Protestaktionen waren und wir uns weniger Gedanken um unsere eigene Sicherheit machten, wurde die Situation auch für uns als vermeintlich Außenstehende spürbar. Wir machten uns ein bisschen Sorgen, ob wir Friz so einfach aus dem Nadelöhr Cap Skirring herausbefördert kriegen, setzten dann alle weiteren Fahrten durch die Casamance frühmorgens an, um (mal mehr, mal weniger erfolgreich) möglichen Straßenblockaden zuvorzukommen, und waren ebenso wie die Bevölkerung davon betroffen, dass die Regierung zunächst viele Social Media-Dienste und bald das gesamte Mobilfunknetz abschaltete, um die Vernetzung der Protestierenden zu verhindern. Nicht zuletzt aufgrund Hannes‘ stets zuversichtlicher Stimmung und die Leichtigkeit, mit der er ohne jegliche Scheu Kontakte knüpfte, verbrachten wir in dieser aufregenden Zeit trotz allem eher schöne und lustige Tage am Cap Skirring mit seinen paradiesischen Sandstränden, netten Bewohner*innen und bunten Fischerdörfern.

Unser Weg nach Cap Skirring ist durch Straßenblockaden versperrt (Rauchschwaden im Hintergrund)
Unser Weg nach Cap Skirring ist durch Straßenblockaden versperrt (Rauchschwaden im Hintergrund)
...und wir versuchen herauszufinden, wie man sie umfahren kann
...und wir versuchen herauszufinden, wie man sie umfahren kann
Cap Skirring
Cap Skirring
Cap Skirring
Stellplatz in einem verlassenen Hotel: Hannes bewohnt Zimmer 23
Stellplatz in einem verlassenen Hotel: Hannes bewohnt Zimmer 23
Die SItzgruppe des Hotels hat auch schonmal bessere Zeiten erlebt
Die SItzgruppe des Hotels hat auch schonmal bessere Zeiten erlebt
Kurzer Ausflug nach Guinea-Bissau
Kurzer Ausflug nach Guinea-Bissau
Am Tag nach den Protesten in Cap Skirring
Am Tag nach den Protesten in Cap Skirring
Straßenblockaden in Cap Skirring
Straßenblockaden in Cap Skirring
Die nächste Bank ist eine Stunde Fahrzeit entfernt
Die nächste Bank ist eine Stunde Fahrzeit entfernt
Einkauf im Gemüseladen
Einkauf im Gemüseladen
Fischereihafen in Cap Skirring
Fischereihafen in Cap Skirring
Pirogen
Pirogen
Super Tonic hilft einfach gegen ALLES!
Super Tonic hilft einfach gegen ALLES!

Nachdem wir Hannes bei seiner Pirogge zur Île de Carabanne abgesetzt und uns verabschiedet hatten, verbrachten wir noch zwei Tage am Pointe-Sainte-George, einem Dorf, das an einer Stelle direkt am Casamance-Fluss liegt, an der man häufig Delfine und Seekühe sichten kann. Bei unserer Tierbeobachtung hatten wir diesmal leider kein Glück, doch die Gegend wartete noch mit einem weiteren Highlight auf: Dem berühmten uralten Kapokbaum („fromager“), auf den in 35 Metern Höhe eine Plattform gebaut wurde, die man mit einer Strickleiter erklimmen kann. Schon der Weg dorthin durch einen kleinen tropischen Wald war wunderschön und Jannik, der in Nullkommanichts auf die Plattform geklettert war, rief mich begeistert über die schöne Aussicht zu sich nach oben. Obwohl ich bislang nicht wirklich mit Höhenangst zu kämpfen gehabt hatte, war der Weg nach oben über eine wackelige Strickleiter ohne Sicherung für mich eine größere Herausforderung. Dass ein paar Stufen in der Mitte durchgebrochen waren, machte die Sache nicht wirklich einfacher, doch irgendwann kroch auch ich auf die hölzerne Plattform und konnte (eher auf den Planken liegend, aber immerhin :D) die wunderschöne Aussicht genießen, die sich uns von dieser uralten Baumkrone aus bot.

Am Fuße des Fromagers
Am Fuße des Fromagers
...und auf dem Weg nach oben
...und auf dem Weg nach oben
Der Weg nach oben
...um diesen Ausblick zu genießen!
Fromager
Erstmal vom Weg nach oben erholen
Erstmal vom Weg nach oben erholen
Pointe-Sainte-George
Pointe-Sainte-George
Pointe-Sainte-George
Pointe-Sainte-George

Vorbei an qualmenden Überresten von Straßenblockaden und viel Militär mit scharfem Geschütz ging es nun in die Stadt Kafountine , unserem letzten Halt in der Casamance, bevor wir die Grenze nach Gambia überqueren wollten. Wieder einmal blieben wir an einer Straßenblockade von Protestierenden hängen, deren Solidarisierung mit Sonko ihre persönlichen Interessen allerdings offensichtlich nicht überstieg: Gegen ein paar Francs von einigen ungeduldigen Mopedfahrern mit Kühltruhen voller Eis für den Fischtransport auf dem Gepäckträger bauten sie die Blockade gerne wieder zur Seite. An brennenden Bäumen und den Protestierenden, die teils maskiert und mit Macheten bewaffnet waren, vorbeizufahren, hinterließ zwar ein mulmiges Gefühl, das sich aber schnell verflüchtigte, als wir bald darauf ein kleines, gemütliches Campement einer deutschen Künstlerin in Kafountine erreichten, in dessen mit verschiedensten Pflanzen und Bäumen zugewuchertem Hof wir Friz zwischen Hühnern, Hunden, Geckos und einer Truthenne parkten. Die Stadt an der Atlantikküste im Norden der Casamance ist ein Zentrum der Fischerei und bietet daher bei den entsprechenden Bedingungen abends ein sehr beeindruckendes Spektakel, wenn die bunten Piroggen mit dem Fang des Tages einlaufen. Der gefangene Fisch wird in bis zu 50 Kilogramm schweren Kisten von Fischträgern auf dem Kopf von den Piroggen zu den Lastwägen und Fabriken an der Strandpromenade getragen. Und als wäre das nicht beeindruckend genug, legen diese die Strecke auch noch rennend zurück, da sie pro Kiste bezahlt werden. Wer gut trainiert ist, kann hier an einem Abend verhältnismäßig viel Geld verdienen, doch die körperliche Belastung ist enorm. Wie gebannt beobachteten wir die hochkonzentrierten Fischträger und die Kinder, die hinter jedem Fischträger herrannten, um die einzelnen Fische aufzufangen, die aus den übervollen Kisten fielen, und sie in ihren eigenen Eimerchen zu sammeln. Am Strand kamen wir auch an der Werft der Stadt vorbei, wo wir bei jedem Schritt des Baus der wunderschönen, bunten Piroggen zuschauen konnten, mit denen die Fischer täglich ausfahren – und mit denen auch viele Menschen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Europa aufbrechen. Wir sahen Männer, die die ersten Holzplanken zusammen hämmerten, andere, die die Ritzen mit Dichtmasse füllten und wieder andere, die liebevoll die bunten Muster auf die fertigen Boote pinselten. Eine lustige Gruppe Schiffsbauer verwickelte uns in ein nettes Gespräch und überredete Jannik dazu, selbst einmal Hand anzulegen. Und nach diesen spannenden letzten Tagen in der Casamance ging es schließlich ohne weitere Zwischenfälle auch schon weiter nach Gambia, worüber Jannik im nächsten Reisebericht erzählen wird.

Mal wieder warten wegen Straßenblockaden
Mal wieder warten wegen Straßenblockaden
Straßenimpressionen
Kafountine
Kafountine
Kafountine
Besuch an unserem Stellplatz in Kafountine
Besuch an unserem Stellplatz in Kafountine
Im Fischereihafen von Kafountine
Im Fischereihafen von Kafountine
Kafountine
Kafountine
Kafountine
Kamera-Entdeckungstour
Kamera-Entdeckungstour
Kafountine
Kafountine
Kafountine
In der Piroggenwerft von Kafountine
In der Piroggenwerft von Kafountine
In der Piroggenwerft von Kafountine
Jannik muss es auch unbedingt probieren
Jannik muss es auch unbedingt probieren
Mitglied der Baye-Fall-Bewegung
Mitglied der Baye-Fall-Bewegung
Kafountine
Kafountine
Fischträger in Kafountine
Fischträger in Kafountine
Fischträger in Kafountine
Fischträger in Kafountine
Fischträger in Kafountine
Kafountine
Kafountine

Der Reiseabschnitt in Kürze

Was wir am meisten vermissten

Autoteile & Mülleimer

Go-to Snack

Die mit verschiedenen vegetarischen Aufstrichen aus Linsen und Bohnen belegten Baguettes, die es morgens an jeder Ecke zu kaufen gab.

Begleitung während der Fahrt

Ein wahnsinnig kluges und interessantes Interview mit der Journalistin Hadija Haruna-Oelker im ZEIT-PodcastAlles gesagt?“ über Rassismus in Deutschland, Intersektionalität und die Frage nach Gerechtigkeit

Unvergesslichste Begegnung

Die Begegnung mit einem über 80-jährigen Amerikaner, der seit fast 15 Jahren mit seinen drei Harleys auf einem riesigen Segelboot von 1894 unterwegs ist, das er als „pirate boat“ vermarktet und das offiziell wegen Kokainschmuggels in Teneriffa festgesetzt ist.

1 Gedanke zu „Senegal“

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