Nordindien

Nordindien

Unendliche Zugfahrten zu heiligen Stätten

Caros Sicht

Den Beginn des zweiten Teils unserer Indienreise markierte eine 36 Stunden lange Zugfahrt von Hampi nach Delhi in den Norden Indiens, die abends begann und sich also über zwei Nächte erstrecken sollte. Etwas Respekt hatten wir schon vor der langen Fahrt, doch wir hatten uns mit Netflix-Downloads eingedeckt (Bücher lassen sich bei dem Lärmpegel leider kaum lesen) und würden die Zeit wenigstens gut für den Blog nutzen können. Für den Zeitvertrieb würden außerdem sicher auch wieder unsere Mitreisenden und die vielen unermüdlichen Essens- und Teeverkäufer sorgen. Leider begann die erste Nacht zwar mit einem Worst-Case-Szenario: Der Zug war überbucht, weshalb wir uns die vielleicht 80 Zentimeter breite Liege teilen mussten. Doch der darauffolgende Tag verging wie im Flug und der nette Schaffner verhalf uns in der zweiten Nacht zu einer zweiten Liege. Erstaunlicherweise erreichten wir Delhi beinahe pünktlich, ließen die Hauptstadt aber zunächst links liegen und nahmen direkt einen Anschlusszug nach Agra, die alte Hauptstadt des Mogulreiches, wo wir am Ufer des Flusses Yamuna noch einen ersten Blick auf das Taj Mahal im Abendlicht erhaschen konnten. Für die ausführliche Besichtigung klingelte der Wecker am nächsten Morgen sehr früh, da wir das Taj Mahal natürlich zum Sonnenaufgang bewundern wollten und darauf hofften, dass dann nicht ganz so viele Menschenmassen über das Gelände strömen würden. Über den Vorhof ging es durch ein für sich schon spektakulär schönes Tor in den riesigen, durch Wasserkanäle unterteilten Garten der Anlage, wo sich vor uns das Taj Mahal erhob, das leicht erhöht auf einem quadratischen Sockel steht und mit seiner 55 Meter hohen Zentralkuppel, den vier symmetrisch angeordneten Minaretten und seiner schieren Perfektion die herumwuselnden Menschen winzig klein aussehen ließ. Obwohl wir natürlich unzählige Bilder kannten und das Grabmal von der Dachterrasse unseres Hotels und am Tag zuvor zum Sonnenuntergang von hinten gesehen hatten, wurden wir von diesem Anblick doch überwältigt. Wir gingen weiter auf das Grabmal zu, das im goldenen Morgenlicht schillerte, und betrachteten aus der Nähe die unzähligen feinen Einlegearbeiten aus Edelsteinen im weißen Marmor. Im 17. Jahrhundert ließ der Mogulherrscher Sha Jahan das prunkvolle Grabmal für seine Lieblingsfrau Mumtaz Mahal errichten, die nach der Geburt ihres 14. Kindes gestorben war. Da die Moguln Muslime waren, befindet sich auf dem Plateau neben dem Taj selbstverständlich auch eine Moschee aus Sandstein, neben Marmor ein weiterer beliebter Baustoff der Mogularchitektur, und eine spiegelgleiche Abbildung derselben zur anderen Seite des Grabmals, das die Symmetrie des Bauwerks erhalten soll, selbst aber nicht als Moschee dienen kann, da es nicht nach Mekka weist. Wir betraten die Grabkammer mit Schuhüberziehern, wie man sie vom Flughafen kennt – dieser Ort wird wirklich penibel sauber gehalten – und empfanden das Innere, in dem ein feines Marmorgitter die beiden Ehrengräber schützt, als weit weniger spektakulär. Interessant ist aber, dass die Grabkammer allein mit dem mittig positionierten Ehrengrab von Mumtaz Mahal (für die es ursprünglich bestimmt war) komplett symmetrisch wäre. Diese Symmetrie wird aber durch das nachträglich ergänzte Grab von Sha Jahan, dem Auftraggeber und Ehemann, unterbrochen.

Taj Mahal
Taj Mahal
Taj Mahal
Taj Mahal
Taj Mahal
Auch aus der Nähe noch schöner als erwartet
Auch aus der Nähe noch schöner als erwartet
Taj Mahal
Taj Mahal
Taj Mahal

Wir verbrachten noch ein bisschen Zeit auf dem Gelände und beobachteten, wie das Taj Mahal in der aufgehenden Sonne in immer wieder neuer Pracht schimmerte, bevor wir uns mit dem Agra Fort dem zweiten, neben dem Taj etwas verblassenden Highlight der Stadt widmeten. Das Fort, das aufgrund des verwendeten Sandsteins auch „Rote Festung“ genannt wird, wurde im 16. Jahrhundert vom Mogulherrscher Akbar (Sha Jahans Großvater) erbaut und diente über Generationen hinweg als Machtzentrum des Mogulreiches, weshalb die Festung architektonisch von den nachfolgenden Herrschern immer weiter ergänzt wurde (Taj Mahal-Auftraggeber Sha Jahan ergänzte beispielsweise viel aus seinem Lieblingsbaustoff weißem Marmor). So finden sich in dem Fort heute verschieden gestaltete Paläste, eine große offene Audienzhalle, Pavillons, Moscheen und – besonders spannend – der Musamman Burj, ein wunderschön mit Einlegearbeiten und Marmorgittern verzierter Turm mit Blick auf das Taj Mahal, in dem Sha Jahan bis zu seinem Tod von seinem eigenen Sohn gefangen gehalten wurde und das Grabmal seiner Frau nur noch aus der Ferne betrachten konnte. Um die Besichtigung des Forts zu vervollständigen, kämpften wir uns Meter für Meter durch das Getümmel des angrenzenden Kinari Bazaars und besuchten die riesige Moschee Jami Masjid, die ursprünglich mit dem Fort verbunden gewesen war, bis die Briten die Gebäude durch eine Bahnstrecke trennten. Hier bekamen wir im Schatten einer Säule eine kleine Verschnaufpause vom Trubel der Stadt und beobachteten das muslimische Waschritual, für das das Wasser hier nicht, wie wir es aus der Türkei kannten, aus dem Wasserhahn kommt, sondern mithilfe kleiner bunter Plastikeimerchen aus einem großen Becken geschöpft wird. Da wir wider Erwarten, aufgrund eines kleinen Corona-Rückfalls, etwas länger in Agra verweilten als geplant, hatten wir noch Zeit uns Sikandra, das Mausoleum Akbars, und Itimad-du-Daulah, das Grabmal eines Mogul-Wesirs, das als „Baby Taj“ bekannt ist, anzuschauen. Beide Grabmäler sind unglaublich schön und prunkvoll und könnten selbst die Highlights der Stadt sein, wenn es das alles überstrahlende Taj Mahal nicht gäbe.

Die Rote Festung von Agra
Die Rote Festung von Agra
Ausbesserungsarbeiten am Fort
Ausbesserungsarbeiten am Fort
Im Fort
Gefängnis mit Blick: Hier verbrachte Sha Jahan seine letzten Lebensjahre
Gefängnis mit Blick: Hier verbrachte Sha Jahan seine letzten Lebensjahre
Das Fort von Agra
Die weniger prunkvolle Seite Agras
Die weniger prunkvolle Seite Agras
Waschritual vor der Jami Masjid in Agra
Waschritual vor der Jami Masjid in Agra
Professionelle Fahrradrikschafahrerin
Professionelle Fahrradrikschafahrerin
Frühstück auf der Hotelterrasse
Frühstück auf der Hotelterrasse
Verhaftet wegen zu guten Photoshopskills
Verhaftet wegen zu guten Photoshopskills
Der Torbau des Akbar-Mausoleums
Der Torbau des Akbar-Mausoleums
Professionelle Untersuchung des Torbaus des Akbar-Mausoleums
Professionelle Untersuchung des Torbaus des Akbar-Mausoleums
Itimad-du-Daulah, oder: "Baby-Taj"
Itimad-du-Daulah, oder: "Baby-Taj"
Itimad-du-Daulah
Itimad-du-Daulah
Fast so schön wie der berühmte Nachfolger: Das "Baby-Taj"
Fast so schön wie der berühmte Nachfolger: Das "Baby-Taj"

Nach diesem absoluten Highlight sollte es für uns nun nach Westen in den farbenfrohen Bundesstaat Rajasthan gehen, dessen Gebiet vom siebten Jahrhundert bis zum Ende der britischen Kolonialherrschaft in Fürstentümer zergliedert war, die von verschiedenen Sippen der Rajputen beherrscht wurden. Diese konnten ihren Machtanspruch über einen so langen Zeitraum aufrechterhalten, da sie den einfallenden Moslems kriegerisch überlegen waren und ab dem 16. Jahrhundert mit den Moguln und später mit den an Macht gewinnenden Briten Bündnisse schlossen. Im Zuge der indischen Unabhängigkeit schlossen sich die Fürstentümer 1949 schließlich zusammen und bildeten von da an den Bundesstaat Rajasthan. Beginnen wollten wir mit Jaipur und seiner „rosaroten“ Altstadt, bevor es in die „Blaue Stadt“ nach Jodhpur und in die weißen Paläste Udaipurs gehen sollte. Am Bahnhof in Agra bekamen wir nur noch Tickets für die „Holzklasse“, die zwar sehr preiswert waren, uns aber die wohl unkomfortabelste und anstrengendste Zugfahrt der Indienreise bescherten und nach viereinhalb Stunden Fahrt dankbar für das Privileg, sonst das Geld für teurere Tickets aufbringen zu können, zurückließen. Zwar konnten wir glücklicherweise schon recht früh in den Zug einsteigen, doch dieser füllte sich bis zur Abfahrt und auch an den kommenden Haltestellen buchstäblich bis zum Anschlag (viele Mitreisende machten es sich auf der Gepäckablage bequem und die letzten Zugestiegenen verbrachten die Fahrt außerhalb des Zuges, indem sie sich gerade noch so an den Stangen der Türen festhielten). Auch wir mussten um unsere Sitzplätze kämpfen: zunächst gegen eine Frau, deren Gepäck auch gerne sitzen wollte, und dann gegen eine andere, die in dieser Situation gerne liegen wollte – doch wenigstens saßen wir (wenn auch eher an der Sitzkante, vor der liegenden Frau) und kamen irgendwann etwas gerädert in Jaipur an, wo uns der Hotelbesitzer Ashu und seine Familie sehr herzlich in Empfang nahmen. Spätestens in Jaipur wurde deutlich, was uns andere Reisende bereits berichtet hatten: Der Norden Indiens ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer als der Süden – und Jaipur gilt als dessen „Feuerprobe“. Die Straßen waren sehr wuselig und vermüllt. Überall liefen Straßenhunde und -kühe herum, die in den Müllhaufen nach Essbarem suchten und sich auf verglühendem Müll wärmten. Und während wir natürlich auch in Südindien häufig angesprochen wurden, hatten wir dort doch immer das Gefühl, dass die meisten Menschen vor allem aus Interesse den Kontakt zu uns suchten, woraus sich viele nette und interessante Gespräche ergaben. (In keinem Reiseland hatten wir je so viel Kontakt zur lokalen Bevölkerung wie hier.) In Agra und Rajasthan kehrte sich das Verhältnis jedoch um und wir waren phasenweise pausenlos damit beschäftigt, manchmal doch sehr energische Rikscha-Fahrer oder Verkäufer abzuwehren, die mit Smalltalk-Fragen auf sich aufmerksam machten. Auch wenn wir deren Zwangslage natürlich gut verstanden und viele Menschen sicher zu Unrecht provisorisch abwiesen oder ignorierten, hatten wir irgendwann einfach keine Kapazitäten für Verkaufsgespräche oder Ladenbesichtigungen mehr – insbesondere da vermutlich auch dem noch so gutgläubigen Edelsteinverkäufer auffallen musste, dass wir mit unseren von der Reise doch schon etwas ramponierten Klamotten wohl kaum als Kundschaft taugten. Nichtsdestotrotz begeisterte uns Jaipur auch sehr. Hinter jeder Ecke erwartete uns etwas Neues: Ein traumhafter Ausblick auf die Stadt, ein leckerer Lassi-Shop oder Chai-Stand, die Häuser der rötlich-rosa gestrichenen Altstadt und vor allem Tempel, Paläste, Festungen und Grabmäler, von denen wir nur einen Bruchteil besichtigen konnten. Neben dem beeindruckenden Amber Fort, das sich spektakulär in den Hügeln um Jaipur über einem Fluss erhebt, ist uns besonders das Jantar Mantar in Erinnerung geblieben, das vom wissenschaftsinteressierten Stadtgründer Jai Singh im 18. Jahrhundert in Auftrag gegeben wurde und aus 18 riesigen astronomischen Messgeräten besteht. Unter anderem steht hier eine 28 Meter hohe Sonnenuhr, auf der man die Zeit bis auf zwei Sekunden genau ablesen kann. Eine kleine Ruheoase ist – trotz der vielen frechen und leider sehr kränklich aussehenden Makaken – der in einem schroffen Tal am Rande der Stadt gelegene Affenpalast mit seinen in den Fels gebauten Tempeln und den von einer Süßwasserquelle gespeisten Becken.

Anstehen auf indisch: Irgendwo passt mein Kopf sicherlich auch noch dazwischen
Anstehen auf indisch: Irgendwo passt mein Kopf sicherlich auch noch dazwischen
Rush hour next level
Rush hour next level
Blick über Jaipur
Blick über Jaipur
Das Wahrzeichen Jaipurs: Hawa Mahal ("Palast der Winde")
Das Wahrzeichen Jaipurs: Hawa Mahal ("Palast der Winde")
U-Turn mit Elefant
U-Turn mit Elefant
Marktstand mal anders
Marktstand mal anders
Im Stadtpalast von Jaipur
Im Stadtpalast von Jaipur
Im Stadtpalast von Jaipur
Im Stadtpalast von Jaipur
Das Pfauentor im Stadtpalast von Jaipur
Das Pfauentor im Stadtpalast von Jaipur
Das Jantar Mantar in Jaipur
Das Jantar Mantar in Jaipur
Die 27 Meter hohe Sonnenuhr Samrat Yantra
Das Jantar Mantar in Jaipur
Das Jaiprakash Yantra zeigt den Tag, die Zeit und das Tierkreiszeichen an
Das Jaiprakash Yantra zeigt den Tag, die Zeit und das Tierkreiszeichen an
Jaipur - die "rote Stadt"
Jaipur - die "rote Stadt"
Fahrradrikscha in Jaipur
Das Amber Fort
Das Amber Fort
Leider immer noch im Einsatz zur Touristenbespaßung....
Leider immer noch im Einsatz zur Touristenbespaßung....
Amber Fort
Amber Fort
Amber Fort
Probesitzen im Whirlpool
Probesitzen im Whirlpool
Amber Fort
Amber Fort
Jal Mahal ("Wasser-Palast")
Jal Mahal ("Wasser-Palast")
Der "Affentempel" von Galta Ji
Der "Affentempel" von Galta Ji
Auch im Affentempel darf eine Kuh natürlich nicht fehlen...
Auch im Affentempel darf eine Kuh natürlich nicht fehlen...
Der "Affentempel" von Galta Ji
Der "Affentempel" von Galta Ji
Heilige Kuh im Müll
Heilige Kuh im Müll
Der Baum will wohl doch auch mal ans Licht
Der Baum will wohl doch auch mal ans Licht
Ein Pickle-Stand in Jaipur
Ein Pickle-Stand in Jaipur
Wann man wohl zuletzt eine Werbung für Taschenrechner gesehen hat?
Wann man wohl zuletzt eine Werbung für Taschenrechner gesehen hat?
Spoiler: Die "Do not honk"-Strategie funktioniert nicht sonderlich gut...
Spoiler: Die "Do not honk"-Strategie funktioniert nicht sonderlich gut...

Von Jaipur ging es (diesmal wohlweislich wieder mit Sitzplatzreservierung) weiter ins entspannte, mitten in der Wüste gelegene Pushkar. Die Stadt gilt als eine von Indiens heiligsten hinduistischen Stätten, da sich an den Ufern des heiligen Sees, um den sich weißgetünchte Tempel und Ghats (ins Wasser führende Steintreppen) und das kleine Stadtzentrum Pushkars anordnen, der Überlieferung nach einmal alle hinduistischen Gött*innen versammelt hatten. Zum Jahrestag dieses Treffens während einer Vollmondphase im Herbst soll man sich hier von all seinen Sünden reinwaschen können. Nicht nur diese Chance verpassten wir, sondern auch die, den größten Kamelmarkt der Welt zu sehen, der jährlich zur gleichen Zeit in den nahegelegenen Dünen stattfindet. Doch der Ort bietet das ganze Jahr etwas für hinduistische Gläubige und interessierte Reisende: Kaum an den Ghats angekommen, wurden wir direkt von einem Priester dazu angehalten die „Pushkar Puja“ zu vollziehen, ein traditionelles Ritual, zu dem neben Gebeten und dem Ausstreuen von Rosenblättern in den See natürlich eine Spende gehört. Was ursprünglich und für die lokale Bevölkerung sicherlich ein bedeutungsvolles religiöses Ritual ist, schien sich aufgrund der vielen Tourist*innen zu einer Geldindustrie entwickelt zu haben. Letzteren wird in einem Nebensatz das Versprechen zu spenden abgenommen, um dann völlig entgeistert und vorwurfsvoll zu reagieren, wenn diese Spende nicht mindestens fünfzig Dollar beträgt. Tatsächlich wurde die Heiligkeit des Ortes in unseren Augen insgesamt etwas davon überschattet, dass Pushkar auch die Traveller-Hochburg schlechthin zu sein schien. Wir wohnten einer Kegeljonglage-Show (wohlgemerkt von Touris) bei, wurden wie in Goa von Schmuck- und Instrumentenverkäufer*innen in Small Talk-Gespräche verwickelt, es gab im Stadtzentrum fast ausschließlich europäisches und israelisches Essen und jeder Laden verkaufte die gleichen bunten Hippie-Kleider, die nach Indien aussehen sollten. Doch die Stimmung war nett und entspannt und gegen eine gute Pizza, Cappuccino und ein paar Fruchtshakes gab es natürlich nichts einzuwenden.

Pushkar
Pushkar
Kuh auf Shopping-Tour in Pushkar
Kuh auf Shopping-Tour in Pushkar
Keulenshow in Pushkar
Keulenshow in Pushkar

In Udaipur, unserem nächsten Ziel im Bundesstaat Rajasthan, verbrachten wir viel Zeit (zu unserem Leidwesen vor allem mit unseren Bewerbungen für die Zeit nach der Reise) auf den gemütlichen Dachterrassen der Stadt, von wo aus sich der Blick auf die märchenhafte Kulisse der weißen Stadt genießen ließ. Der in eine Hügellandschaft gebettete Pichola-See mit seinen beiden Inselpalästen und die weißen Fassaden die Havelis und des riesigen Stadtpalastes leuchteten vor allem im Abendlicht wunderschön. Letzterer gehörte zum Pflichtprogramm eines Udaipur-Besuchs und war, wie die ganze Stadt, geradezu märchenhaft mit seinen pittoresken Türmchen, Mosaiken, Gemälden und Buntglasfenstern. Er besteht aus mehreren mahals (Palästen), die durch schmale Gänge und Treppen miteinander verbunden sind und immer wieder fantastische Aussichten auf die Stadt boten.

Udaipur
Udaipur
Udaipur
Udaipur
Jag Niwas - Einst der Sommerpalast Jagat Singhs, heute eines der berühmtesten Hotels Indiens
Jag Niwas - Einst der Sommerpalast Jagat Singhs, heute eines der berühmtesten Hotels Indiens

Nach ein paar Tagen ging es – diesmal per Bus – weiter nach Jodhpur in die blaue Stadt und damit zu unserem letzten Halt in Rajasthan, wo wir ein Hotel direkt am Fuße des gigantischen Mehrangarh Forts bezogen. Nachdem wir die Aussicht auf die schöne Altstadt mit ihren tatsächlich überwiegend blau gestrichenen Hausfassaden ausgiebig bestaunt hatten, machten wir uns auf den Weg ins Getümmel des weitläufigen Marktes rund um den Glockenturm, wo wir es sehr genossen, mal nicht die Zielgruppe der Händler*innen zu sein und einfach durchstreifen und beobachten zu können. Im Mehrangarh Fort, von dem man den besten Blick auf die blaue Altstadt hat, lernten wir Hannah und Andreas kennen, mit denen wir uns für eine sehr gute Führung durch die Festung zusammenschlossen. Unser Guide leitete uns durch drei der sieben Tore der Festung, von denen eines mit riesigen spitzen Stacheln versehen ist und über einen rechten Winkel beschritten werden muss. Beides diente als Schutz vor Kriegselefanten, wobei der rechte Winkel verhindern sollte, dass die Elefanten Anlauf nehmen und die Tore mit der schieren Wucht ihrer Körper aufbrechen konnten. Besonders in Erinnerung blieben mir außerdem die Handabdrücke einiger Harems-Frauen an einer Wand, die Zeugnis einer erschreckenden Tradition sind, nach der die Frauen der rajputischen Herrscher nach deren Tod bei lebendigem Leibe auf dem Scheiterhaufen des Krematoriums mitverbrannt wurden. Auch wenn man sich dieses Fort wirklich nicht entgehen lassen sollte, waren wir nach unserer Rajasthan-Tour nun aber etwas Festungs- und Palast-übersättigt und stürzten uns nach einem traumhaften Sonnenaufgang über den blau leuchtenden Dächern Jodhpurs ins nächste 30-stündige Zug-Abenteuer in die Stadt Varanasi am heiligen Fluss Ganges im Bundesstaat Uttar Pradesh.

Jodhpur
Jodhpur
Jodhpur
Das Mehrangarh Fort über Jodhpur
Das Mehrangarh Fort über Jodhpur
Das Mehrangarh Fort über Jodhpur
Das Mehrangarh Fort über Jodhpur
Jodhpur - Die blaue Stadt
Jodhpur - Die blaue Stadt
Jodhpur - die braune Stadt ;)
Jodhpur - die braune Stadt 😉
Cricket in der blauen Stadt
Cricket in der blauen Stadt
Jodhpur
Jodhpur
Toorji Ka Jhalra in Jodhpur
Toorji Ka Jhalra in Jodhpur
Jodhpur
Markt vor dem Uhrturm Jodhpurs
Markt vor dem Uhrturm Jodhpurs
Auf dem Markt

Auch wenn ich mir auf dieser Zugfahrt meine Liege zwischenzeitlich mit zwei weiteren Erwachsenen und drei Kindern teilen musste, überall zerbrochene Tonbecher und anderer Müll in den Abteilen hin- und herrollten und die Zug-Klos entweder verstopft waren oder aufgrund undichter Wasserhähne unter Wasser standen, ging es mittlerweile doch erstaunlich gut mit dem Zugfahren und die Zeit, bis wir in Varanasi eintrafen, verging wie im Flug. Die Stadt, die von der hinduistischen Gottheit Shiva gegründet worden sein soll, gilt als eines der wichtigsten Zentren des hinduistischen Glaubens und wird daher von unzähligen Pilger*innen aufgesucht, von denen viele hierher kommen, um zu sterben und am Ufer des Ganges eingeäschert zu werden. Denn, wer in Varanasi stirbt, soll sofort die Erlösung erlangen. Bei einem Spaziergang entlang der kilometerlangen Ghats vorbei an unzähligen Schleppern, die darauf hofften, sich eine kleine Provision zu verdienen, indem sie uns zu Bootsfahrten überredeten oder in Seidengeschäfte lockten, wurden wir von unseren Eindrücken ziemlich überwältigt. Nach allem Ungewöhnlichen, das wir in Indien gesehen und gerochen haben, übertraf dies wirklich alles. Die Menschen führten in dem stark durch Schwermetalle verunreinigte Flusswasser ihre religiösen Waschungen durch, wuschen darin ihr Geschirr und tranken es, während wir fast über tote Hunde stolperten und keine hundert Meter weiter in glänzende Tücher gehüllte Tote von ihren Familien im Fluss gewaschen wurden, bevor sie öffentlich auf Scheiterhaufen an den Ghats verbrannt wurden und ihre Asche in den Ganges gestreut wurde. Besonders befremdlich empfanden wir diese Zeremonie, da sie ein bisschen auf uns wirkte, wie viele andere Menschenansammlungen bei indischen Sehenswürdigkeiten: Die Menschen wirkten entweder völlig unbeteiligt oder restlos begeistert von der Szenerie, filmten und machten Selfies, wir wurden dazu aufgefordert im Tempel zu spenden und Teeverkäufer bahnten sich lautstark ihren Weg. Dass niemand öffentlich trauerte, lag, wie wir später herausfanden, daran, dass der Geist der Toten keine negativen Energien mit in den Tod nehmen soll. Und, auch wenn uns die Stadt ein bisschen überfordert haben mag, war es doch wieder einmal unglaublich interessant, sich mit einer für uns eher abwegigen Lebensweise konfrontiert zu sehen und die eigene Perspektive und damit verknüpfte Vorstellungen und Erwartungen abzugleichen und auch immer wieder zu überdenken. Besonders beim Thema Religion stehen wir auf unserer Reise ständig vor dieser Herausforderung. Das ist zwar nicht immer bequem und teilweise richtig anstrengend, aber am Ende des Tages wohl doch einer der wichtigsten Gründe für eine solche Reise. Und zum Glück hatten wir im Anschluss mal wieder eine zweitägige Fahrt vor uns, um die überwältigenden Eindrücke aus Varanasi einsickern zu lassen und vielleicht ein bisschen zu verarbeiten. 😉 Diese sollte uns mit Nepal mal wieder in ein neues Land mit neuen Eindrücken führen, über die Jannik im folgenden Reisebericht erzählen wird.

Die heiligen Ghats in Varanasi
Die heiligen Ghats in Varanasi
Die heiligen Ghats in Varanasi
Waschritual im Ganges
Waschritual im Ganges
An den heiligen Ghats in Varanasi
An den heiligen Ghats in Varanasi
An den heiligen Ghats in Varanasi
An den heiligen Ghats in Varanasi
An den heiligen Ghats in Varanasi
An den heiligen Ghats in Varanasi
Zuckerwatte darf natürlich auch an einem heiligen Ort nicht fehlen
Zuckerwatte darf natürlich auch an einem heiligen Ort nicht fehlen
Das Krematorium von Varanasi: Je höher die Ebene, desto höher die Kaste der verstorbenen Person
Das Krematorium von Varanasi: Je höher die Ebene, desto höher die Kaste der verstorbenen Person
Holzreserven für die Verbrennungen
Holzreserven für die Verbrennungen
Die Überreste im Ganges: Blumen, Asche und Müll
Die Überreste im Ganges: Blumen, Asche und Müll
An den heiligen Ghats in Varanasi
An den heiligen Ghats in Varanasi
An den heiligen Ghats in Varanasi
Varanasi
An den heiligen Ghats in Varanasi
Masala Dosa in Varanasi
Masala Dosa in Varanasi

Der Reiseabschnitt in Kürze

Was wir am mesiten vermissten

Masala Dosa – unser Go-to-Snack aus Südindien war einfach das perfekte Frühstück, in Nordindien jedoch leider nicht sehr verbreitet.

 

Lesson learned

Für die Holzklasse in indischen Zügen braucht man gute Laune und gute Nerven. 😉

Go-to Snack

Samosas. Die leckeren, mit einer gewürzten Kartoffel-/Gemüsemasse gefüllten frittierten Teigtaschen wurden nicht nur an jedem zweiten Straßenstand, sondern zuverlässig auch bei unseren vielen Zugfahrten verkauft – der perfekte Snack!

Begleitung während der Fahrt

„Naatu Naatu“ Der diesjährige Oscar-Preisträger für die beste Filmmusik begleitete uns eigentlich schon, seit wir in Goa ein paar Bollywood-Fans beim Nachtanzen der entsprechenden Filmszene beobachtet hatten.
Wer auch einen Ohrwurm bekommen will:

2 Gedanken zu „Nordindien“

  1. Toller Bericht, faszinierende Bilder, wieder ein wunderschöner Einblick in eine so ganz andere Welt. Vielen Dank, dass ich ein wenig mitreisen durfte 🙂

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