Nepal
Auf Jobsuche im Himalaya

Janniks Sicht
Immer noch beeindruckt von unseren Erlebnissen in Varanasi fanden wir uns eine Nachtzug- und eine Busfahrt später schon an der nepalesischen Grenze wieder, die wieder einmal ein neues Grenzübergangserlebnis zu bieten hatte. Denn zwar war der Grenzübergang hier sehr entspannt, allerdings war es für uns wohl das erste Mal, dass die Immigrationsbüros zwei Kilometer auseinanderlagen, weshalb eine kleine Wanderung nötig war, um letztlich alle Stempel im Pass zu haben. Natürlich wird hier aber auch dieser Nischenmarkt dankbar aufgegriffen, weshalb eine Riege Rikschafahrer ihre Dienste anbieten, um den Grenzübergang ohne Anstrengung zu bewältigen. So waren wir nun also in Nepal angekommen. Wir hatten lange überlegt, ob wir den Abstecher nach Nepal überhaupt machen wollten, denn klar war, dass wir nur knapp zwei Wochen Zeit hatten und auch die Himalayaregion Indiens reizte uns. Letztlich aber überwog die Lust, ein weiteres Land zu entdecken und, da Nepal von Varanasi aus zum Greifen nah war, wollten wir uns diese Gelegenheit auch nicht entgehen lassen. Den ersten Tag in Nepal verbrachten wir im wenig aufregenden Städtchen Siddhartanagar in Erwartung unseres Nachtbusses, der uns in die Hauptstadt Nepals Kathmandu bringen sollte. Zwar erlebten wir hier einen Tag lang nichts, aber ironischerweise war es dieses Nicht-Erleben, das uns gar nicht so schlecht gefiel. Denn schon direkt hinter der Grenze war deutlich zu spüren: In Nepal ticken die Uhren anders. Alles war entschleunigt, kein Hupen, wenig Verkehr. Nach den sehr spannenden, aber auch sehr intensiven, Monaten in Indien kam uns das ganz gelegen. Allerdings brauchte es nur eine Nachtbusfahrt, um sich das Verkehrssystem Indiens wieder zurückzuwünschen. Denn die Straßenverhältnisse waren auf unserer ersten Fahrt sehr schlecht, was noch kein allzu großes Problem gewesen wäre, wäre unser Bus nicht eine Reisebusvariante dieser smarten Gefährte gewesen:
Und so hüpften wir also in unserer ersten Nacht in Nepal Stück für Stück Kathmandu entgegen und vermutlich könnt ihr euch vorstellen, wie ausgeschlafen wir dort ankamen. Dennoch waren wir aber direkt von der atemberaubenden Lage dieser Stadt begeistert. Zwar war die Sichtweite durch leichten Nebel etwas begrenzt, aber dennoch konnte man erahnen, in welch schöner Umgebung man sich befand. Dementsprechend wollten wir natürlich los, die Stadt erkunden und die doch recht kurze Zeit in Nepal nutzen (auch ein seltsames Phänomen: Die Zeit, die wir sonst für unseren Urlaub zur Verfügung hatten, kommt uns hier im Verhältnis kurz vor). Doch das war uns zumindest noch nicht vergönnt, denn auch uns holte irgendwann der berühmt berüchtigte „Ernst des Lebens“ wieder ein und so verbrachten wir die ersten Tage auf der Dachterrasse unseres Hotels am Laptop und schrieben Lebensläufe und Bewerbungen. Die Bewerbungsphase für die Schulen in Baden-Württemberg hatte begonnen und es war klar, dass wir die nächsten zwei Wochen immer wieder online sein mussten, weshalb wir unseren Nepal-Aufenthalt um den Bewerbungsprozess herumbauen mussten. Nachdem unsere Unterlagen alle bereit waren, verschaffte uns das Land Baden-Württemberg zum Glück zwei zusätzlich freie Tage, da die Bewerbungsplattform streikte und der Start der Bewerbungsphase ironischerweise auf ein Wochenende gelegt wurde, sodass kein technischer Support erreichbar war. Nach mir die Sintflut, dachten sich die Mitarbeitenden da vermutlich auch, als sie sich ins Wochenende verabschiedeten. 😉 So kamen wir also endlich dazu, das wunderschöne Kathmandu zu erkunden, das gefühlt zur Hälfte aus wunderschönen Tempeln und Schreinen besteht (unser Favorit: Der „Zahnschmerz-Schrein“, ein Holzblock, in den man bei Zahnschmerzen einen Nagel einschlagen muss). Im Zentrum der Stadt bewunderten wir die Tempel- und Palastanlagen rund um den Durbar Square (Hanuman Dhoka). Mitten in der Stadt sorgt diese Ansammlung unzähliger Tempel- und Palastbauten für ein einzigartiges Flair – Touristen hetzen herum, Nepales*innen kommen zum Beten oder sie treffen sich auf den Treppen der Tempel. Bei dem verheerenden Erdbeben, das Nepal 2015 traf, wurden große Teile der Anlage beschädigt und die Aufbauarbeiten laufen bis heute, weshalb uns leider große Teile nicht zugänglich waren. Die Auswirkungen des Erdbebens sind bis heute deutlich sichtbar. In der ganzen Stadt wird gearbeitet, viele Häuser müssen auch heute noch mit Holzbalken vor dem Einsturz bewahrt werden.
Am Ende unserer Besichtigungstour des Durbar Squares wurde uns dann eine ganz besondere (und leider auch ganz besonders zweifelhafte) Ehre zuteil. Wir bekamen nämlich die Kumari Devi zu Gesicht, eine leibhaftige Göttin! Die „Göttin bis zum ersten Blutstropfen“ gilt bis zu ihrer ersten Menstruation als echte leibhaftige Göttin und lebt in einem Tempel am Rande des Durbar Squares. Alle paar Jahre wird einem Mädchen der Shakya-Kaste diese „Ehre“ zuteil. Man sollte auch annehmen, dass es Schlimmeres gibt als so ein Leben als Göttin zu führen, schließlich steht man ja dann über dem Menschen (zumindest ist so meine naive Vorstellung des Gottes-Konzepts…). Doch besonders erstrebenswert scheint es nicht zu sein, hier „auserwählt“ zu werden, denn dieses vermeintliche Privileg führt die Mädchen offensichtlich bis auf den Kontakt mit wenigen Angestellten in die vollständige Isolation. Ihre Kindheit verbringen sie im Tempel, wo sie sich einmal am Tag den Menschen offenbaren, und strikten Verhaltensregeln folgen müssen (Mensch erzieht Gott – da scheint mir auch wieder etwas in der Kausalkette nicht ganz schlüssig zu sein…). Schließlich aber endet ihr Gottesdasein mit der einsetzenden Menstruation (auch mal wieder ein interessantes Produkt des Patriarchats – offensichtlich ist eine Frau nicht „rein genug“ für diese „Ehre“) und damit auch jegliche privilegierte Stellung der jungen Göttinnen. Bei den meisten führt dies zu einem rasanten Abstieg in der gesellschaftlichen Hierarchie, da die Mädchen während ihres Göttinnen-Daseins beispielsweise bis vor kurzem keine Schulbildung genießen durften. So enden viele ehemalige Göttinnen offensichtlich völlig verarmt und vereinsamt, ganz davon abgesehen, dass diese Art des Heranwachsens vermutlich auch für die psychische Entwicklung der Kinder nicht gerade optimale Bedingungen bietet.
In den nächsten Tagen machten wir uns an die Besichtigung der wichtigsten Tempel Nepals – dem buddhistische Stupa von Bodhnath und dem hinduistischen Pashupatinath-Tempelkomplex. Der Stupa von Bodhnath, der mit bunten Gebetsflaggen und orangenen Blumen geschmückt ist, begeistert uns nicht nur seiner beeindruckenden Größe und seines malerischen Aussehens wegen, sondern auch die Stimmung um den Stupa herum machen diesen Ort sehr besonders. Unzählige Menschen laufen im Uhrzeigersinn um den Stupa herum, drehen an Gebetsmühlen, beten oder verbringen einfach ein bisschen Zeit dort. Dem Stupa von Bodhnath ganz ähnlich, jedoch nicht mitten in der Stadt, sondern auf einem Hügel gelegen, war der Stupa von Swayambhunath, dem wohl bekanntesten Wahrzeichen Kathmandus, dessen Lage uns einen fantastischen Sonnenuntergang bescherte.
Das wichtigste hinduistische Heiligtum Nepals, der Pashupatinath-Tempelkomplex, weckte natürlich direkt Erinnerungen an Indien, besonders an Varanasi, denn auch hier finden Leichenverbrennungen statt. Doch besonders hier zeigen sich auch deutliche Unterschiede. Waren wir in Varanasi noch sehr erstaunt, wie scheinbar unbeeindruckt die Angehörigen den Kremationen beiwohnten, war dies in Nepal ganz anders. Unvorstellbar wäre hier der Anblick der Zuckerwatte- und Chai-Verkäufer, die in Varanasi noch Teil der Szenerie waren. Besonders die Waschung eines sehr jungen Menschen durch seine zum Teil ebenfalls sehr jungen Angehörigen, war wahnsinnig ergreifend und es fühlte sich seltsam an, die Angehörigen in diesem privaten Moment zu sehen. Man fragte sich, ob dieser Moment vielleicht auch für sie eigentlich zu privat ist, um ihn mit zahllosen Fremden zu teilen und ob die beobachtenden Blicke zu einer zusätzlichen Last werden, die nur in Kauf genommen werden, um der verstorbenen Person den Weg ins Nirwana zu ebnen. Vielleicht wird der Tod hier aber auch einfach mehr als Teil des öffentlichen Lebens gesehen, als wir das gewohnt sind, und die Blicke werden gar nicht wahrgenommen, weil ihnen die Bedeutung in diesem Moment fehlt? So hielt uns dieser unwahrscheinliche Ort für einige Zeit gefangen. Deutlich weniger beeindruckt zeigten sich dabei die Makaken, die für eine unwirkliche Hintergrundkulisse sorgten.
Mit den diesen besonderen Erfahrungen im Gepäck machten wir uns auf nach Pokhara, unserem zweiten und letzten Stopp in Nepal. Gelegen an den Ausläufern des Himalayas ist Pokhara der beliebteste Ausgangspunkt für Trekkingtouren. Da wir noch nicht wussten, wann unsere Bewerbungsgespräche stattfinden würden, konnten wir nur eine kleinere Tour über das Wochenende planen. So schien der Mardi-Himal-Trek genau das richtige zu sein: Vier bis fünf Tage sollte dieser dauern und an den Fuße des Machapuchare („Fischschwanz“) führen. Mit dem Bus machten wir uns auf nach Kade, unserem Ausgangspunkt der Tour und starteten mit dem Aufstieg bei schönstem Wetter, das aber leider schon nach den ersten tollen Ausblicken einer Nebelwand wich. Etwas überrascht waren wir dann auch, als wir schon gegen Mittag unseren Übernachtungsplatz erreichten, weshalb wir noch am selben Tag die nächste Tagesetappe bewältigten und die Nacht im Forrest-Camp verbrachten. Dort erwarteten uns einige sehr einfache Gästehäuser, die einen vom Holzofen gewärmten Aufenthaltsbereich hatten. Die schlechte Isolierung sorgte zwar dafür, dass es nicht allzu warm wurde, gemütlich war es aber dennoch, und das Essen (Dhal Bhat), war nicht nur sehr reichhaltig, sondern auch unfassbar lecker. Am zweiten Tag machten wir uns auf zum High Camp, das unser Ausgangspunkt für die letzte Etappe darstellen sollte. Auch dieses erreichten wir wieder bereits gegen Mittag – offensichtlich waren die Touretappen äußerst großzügig geplant. Mit Sicherheit ist dies bei schönerem Wetter auch gar nicht schlecht, dann kann man die fantastische Aussicht, die alle Camps bieten, noch etwas genießen. Wir kamen allerdings in der Kälte bei Nebel an, was einen weiteren Aufstieg sinnlos machte. So verbrachten wir die Zeit bei einer Kanne Tee am Ofen des Gästehauses, lasen und unterhielten uns mit unseren Gastgebern. Unsere ganze Hoffnung setzten wir auf den nächsten Tag, denn hier wollten wir zum Machapuchare-View Point aufsteigen, von welchem aus man – welch Überraschung – einen herrlichen Blick zum Machapuchare haben sollte. Da die Sicht am frühen Morgen am besten ist, machten wir uns also mal wieder mit Stirnlampen gegen 4 Uhr nachts auf den Weg, um den Aussichtspunkt zum Sonnenaufgang zu erreichen – nach unserer schmerzlichen Erfahrung auf dem Olymp dieses Mal auch mit allen Kleidungsschichten, die wir dabeihatten, ausgestattet. Dank der Treppen, die die Sherpas in den Berg schlagen, war die Wanderung technisch auch wieder wenig anspruchsvoll, weshalb sie auch im Dunkeln bestens machbar ist. Gemeinsam mit einigen anderen warteten wir oben angekommen schließlich frierend auf die Sonne, und wurden für einige Minuten tatsächlich mit fantastischen Ausblicken auf den 6997 Meter hohen Berg belohnt, bevor sich die Wolkendecke aber auch schon bald wieder schloss. So kehrten wir um und da wir noch fit waren und die Sicht weiterhin schlecht, beschlossen wir die Nacht nicht wie geplant nochmals im High Camp zu verbringen, sondern noch am selben Tag nach Pokhara zurückzukehren. Dorthin sollte uns ein Bus von unserem Zielort Lumle bringen. So wanderten wir also gemütlich durch die schöne Berglandschaft, bis uns ein entgegenkommender Bauer erzählte, dass der letzte Bus in Lumle bereits in einer Stunde fuhr, wir hatten aber noch eine Strecke vor uns, für die wir eigentlich über zwei Stunden brauchen würden. Und so versuchten wir uns also ein paar Kilometer im Trailrunning (nachdem wir schon ein paar Höhenmeter in den Knochen hatten, eher weniger spaßig), merkten aber auch da irgendwann, dass wir den Bus nicht erreichen würden. Unsere letzte Hoffnung (oder eher: vorletzte – Verspätungen im ÖPNV waren ja auch wahrlich keine Seltenheit… 😉) überholte uns schließlich holpernd und brummend und nach kurzer Nachfrage und verwundertem Blick des Fahrers verbrachten wir die wohl unbequemste Fahrt unserer Reise auf einem Traktor, dessen Anhänger mit Holz beladen war, und fragten uns ständig, ob laufen wohl gerade nicht die weniger anstrengende Option gewesen wäre. Schneller waren wir trotzdem und wir erreichten die Bushaltestelle nur fünfzehn Minuten zu spät. Allerdings wurde unser Vertrauen in das unpünktliche Bussystem maßlos enttäuscht und wir mussten dennoch ein Taxi zurücknehmen. Das hätten wir auch entspannter haben können… 😉
Nachdem wir nun nur drei statt der geplanten fünf Tage in den Bergen waren, hatten wir also noch etwas Zeit in Pokhara. So konnten wir auch die Sehenswürdigkeiten in der Umgebung anschauen, liehen uns einen Roller, erkundeten die Gegend und führten zwischendurch ein paar Bewerbungsgespräche. Letztere bereiteten uns (und nicht nur uns) dabei noch einiges an Kopfzerbrechen, denn wie sich herausstellte, war es nicht so einfach, Bewerbungsgespräche online zu führen, wie wir uns das in unserer jugendlichen Naivität (und mit den Erfahrungen des digitalen Unterrichts, der doch als dem Unterricht in Präsenz gleichwertig zu betrachten war?) vorgestellt hatten. Wir hatten durchaus damit gerechnet, dass die Schulleitungen keine Gespräche online führen wollten und hätten das sehr gut verstehen können. Was uns aber dann doch etwas unvorbereitet traf waren die damit verbundenen bürokratischen Hürden. Wir durchschauen es bis heute nicht so ganz, waren aber dankbar, dass einige Schulleitungen bereit waren, diese zu überwinden. So hatte auch dieser Teil unserer Reise irgendwann ein positives Ende und wir wissen, dass wir das ausgegebene Geld danach auch irgendwann wieder verdienen können. 😉
Unsere Zeit in Nepal neigte sich nun wieder dem Ende zu und es erwartete uns wieder eine zweitägige Bus- und Zugfahrt, die uns nach Zwischenstopps an der Grenze und in Gorakhpur schließlich zu unserem letzten Ziel in Indien führte: Delhi. Obwohl wir in der bisher hektischsten Stadt Indiens nur vier Tage verbrachten, bevor wir wieder ins Flugzeug zurück nach Georgien stiegen, füllen die Erlebnisse einen weiteren Blogeintrag, der in Kürze folgen wird. 😉
Der Reiseabschnitt in Kürze
Begleitung während der (Bus-)Fahrt
Schlaflosigkeit
Lesson learned
Never fight German bureaucracy!
Was wir am meisten vermissten
Die indischen „superfast trains“. Zwar hätten wir nicht gedacht, dass wir mal die Geschwindigkeit der indischen Züge vermissen würden, doch im Vergleich zur Reisegeschwindigkeit in Nepal (ca. 9 Stunden für 200 km) machen sie ihrem Namen dann doch alle Ehre.
Go-to Snack
Nicht nur auf der Trekkingtour im Himalaya war Dhal Bhat eine leckere Stärkung. Die nepalesische Variante des indischen Thalis besteht aus Reis, Rotis, Dhal und verschiedenen Gemüsecurrys. Leert sich ein Schälchen wird so lange nachgefüllt bis der Magen übervoll ist.
Zum ersten Mal...
… über 4000 Metern gewandert. Bei der hohen Baumgrenze fühlte es sich für uns Alpen-geprägte Wandersleute allerdings auch eher halb so hoch an.
Unvergesslichste Begegnung
Die Begegnung mit der Kumari Devi war auf mehreren Ebenen interessant – unvergesslich ist eine Begegnung mit einer echten Göttin aber natürlich allemal!


Die Begegnung mit einer Göttin ist nicht jedem Sterblichen vergönnt – ein Privileg, von dem ihr ein Leben lang zehren könnt!
Der indischen Hektik mal 2 Wochen aus dem Weg gehen zu können war sicher sehr erholsam. Und trotzdem habt Ihr vieles erlebt. Tolles Land!!