Mesopotamien

Mesopotamien

Rettungsaktionen zwischen Euphrat und Tigris

Caros Sicht

Vollkommen überwältigt von den Eindrücken Kappadokiens hatten wir unsere Reiseplanung ein wenig vernachlässigt und standen bald vor dem Problem, wie es jetzt eigentlich weitergehen sollte. Die naheliegende erste Option war, von Kappadokien, das relativ zentral in der Türkei liegt, über den östlichen Teil der Schwarzmeerküste direkt nach Georgien zu fahren, um dort nicht im tiefsten Winter anzukommen. Im Zuge der Recherche und in vielen Gesprächen mit anderen Reisenden und Türk*innen wurde uns allerdings mehr und mehr bewusst, dass der Südosten der Türkei sehr viel zu bieten hat, was wir eventuell auf dem Rückweg nicht mehr alles unterbringen würden. Also trösteten wir uns mit dem Gedanken an Skifahren im großen Kaukasus und entschieden uns schließlich für Mesopotamien – und wurden dafür mehr als belohnt.
Wir verabredeten uns zunächst mit den Camper Cats, einer Familie aus Katalonien, die in ihrem ausgebauten Lastwagen von Barcelona nach Südafrika unterwegs sind und die wir bereits aus Konya kannten, am Nemrut Dağı im Taurus Gebirge. Auf diesem Berg liegt eine eindrucksvolle Grabstätte des Komagene-Herrschers Antiochos I. Theos aus dem ersten Jahrhundert v. Chr., welche als Zentrum einer neuen Religion dienen sollte, die die griechische und persische Mythologie vereinte. Am Parkplatz angekommen, lagen der Berg und die Umgebung zwar in dichtem Nebel, doch als wir nach zehn Minuten die Ostterrasse des Heiligtums erreichten, wurden wir von dem Anblick überwältigt. Der Nebel verzog sich immer wieder und ließ nicht nur die Sonne und blauen Himmel durchscheinen, sondern gab auch den Blick auf den 45 Meter hoch aufgeschütteten Grabhügel, die beeindruckenden Sitzstatuen sowie deren bei einem Erdbeben abgefallenen riesigen Köpfe frei. Die Statuen, die den Grabhügel zu bewachen scheinen, stellen verschiedene Gött*innen (inklusive Antiochos I. selbst) sowie die Wächtertiere Adler und Löwe dar. Gemeinsam mit den Abbildungen auf den Infotafeln, auf denen die vollständigen, ursprünglich acht Meter hohen Statuen abgebildet waren, ließ sich die ehemalige Pracht dieser Grabstätte erahnen. Wir umrundeten den Grabhügel, in dem immer noch die Grabkammer des Kommagene-Herrschers versteckt liegt, und erreichten die nicht minder spektakuläre, gleich aufgebaute Westterrasse, wo wir Ibo und Yaşar aus Şanlıurfa kennenlernten. Die beiden Cousins waren als Fotografen bei der Tour einer indonesischen Reisegruppe dabei. Besonders mit Ibo, der müde lächelnd versuchte, die Reisegruppe davon zu überzeugen, ihr Fotoshooting für eine kurze Info-Session zu unterbrechen, hatten wir sofort einen guten Draht und verabredeten uns mit ihm in seiner Heimatstadt. Der Sonnenuntergang stellte sich bei dem Nebel leider als wenig spektakulär heraus, doch dafür fanden wir unsere katalonischen Freund*innen wieder, in deren Truck wir einen schönen gemeinsamen Abend verbrachten.

Durch das Taurus Gebirge zum Nemrut Dağı
Götterstatuen im Nebel
Grabhügel mit Götterstatuen
Ausblick vom Nemrut Dağı
Mit Ibo auf dem Nemrut Dağı
Mit den CamperCats am Nemrut Dağı

Am nächsten Morgen steuerten wir die Stadt Gaziantep an, wo wir das berühmte Essen probieren, Wäsche waschen und nach einem Monat endlich mal wieder warm duschen wollten. Doch wieder einmal wurden aus den angesetzten vier Stunden Fahrt eher zehn. Grund dafür war Dagi: Kurz hinter Nemrut Dağı saß ein zitternder Welpe mitten auf der Straße im Regen und bewegte sich keinen Zentimeter, als wir vorbeifuhren. Wir hielten sofort an und beobachteten, wie sie trotz vorbeifahrender Autos wie erstarrt weiter sitzen blieb. Zwar wussten wir nicht so recht, was wir tun sollten, doch klar war auch, dass wir es nicht übers Herz bringen würden, weiterzufahren. Also stiegen wir aus, schirmten Dagi (wie wir sie später tauften – benannt nach ihrem Fundort 😉) auf der Fahrbahnmitte ab und holten sie von der Straße, sobald es ging. Wir beschlossen, sie zu trocknen und zu füttern und auf ein Tierheim auf dem Weg nach Gaziantep zu hoffen, denn eine Hündin, die ihre Mutter sein könnte, war nirgends in Sicht. Also duschten wir sie ab und setzten sie in Handtücher gewickelt vor unsere Standheizung, als Hassan aus dem nahegelegenen Dorf anhielt, um uns zu helfen. Er war zuversichtlich, dass wir die Mutter der Kleinen im Dorf finden würden, und lud uns zu sich nach Hause ein, wo wir Dagi unter einen Heizstrahler setzten und mit Milch fütterten. Auch wir Glückspilze wurden im gemütlichen, mit Teppichen ausgelegten Wohnzimmer von Hassan und seiner Frau mit Tee, Nüssen und Süßigkeiten verwöhnt. Als Dagi trocken und wieder etwas bei Kräften war, machten wir uns gemeinsam mit Hassan und einer Truppe belustigter Dorfbewohner*innen (es fiel sehr oft das Wort „turistler“) auf die Suche nach ihrer Mutter, wurden aber leider nicht fündig. Also verabschiedeten wir uns irgendwann von Hassan und machten uns auf die Suche nach Tierärzt*innen, in der Hoffnung, dass die vielleicht wissen würden, was zu tun war. Wir merkten, wie verliebt wir schon in den kleinen Welpen waren, und uns war beiden klar, dass wir schleunigst eine Lösung brauchten: Noch ein paar Stunden mit Dagi und wir hätten uns wahrscheinlich nicht mehr von ihr trennen können, was unsere Reisepläne ziemlich durcheinandergebracht hätte. Schon bald fanden wir aber eine sehr nette, junge Tierärztin, die Dagi untersuchte, impfte und uns half, einen Tierheimplatz zu finden – und uns natürlich mit Çay versorgte. Zu unserer großen Überraschung machte sie auch in dem recht kleinen Ort ein Tierheim ausfindig und so mussten wir uns schweren Herzens von der kleinen Dagi verabschieden und erreichten irgendwann doch noch Gaziantep.

Vom Nemrut Dağı Richtung Süden
So fanden wir die kleine Dagi und fanden mit Hasan schnell tolle Unterstützung.
Nach Wärmelampe und Milch war sie schon etwas munterer und ließ die Parasitenbehandlung über sich ergehen.

In der Pistazien-Hochburg Gaziantep, dessen wuselige Innenstadt durch den unverkennbaren Grillrauch unzähliger Kebap-Restaurants durchschimmerte und an jeder Ecke leckere Süßspeisen im Angebot hatte, verbrachten wir zwei Tage. Am Ende hatten wir uns nicht nur durch das Angebot des bis nach İstanbul berühmten Baklava-Herstellers Ömer Güllü geschlemmt, sondern auch in einem Katmer-Restaurant neben vielen Familien und Dates die für Gaziantep typische Süßspeise aus Filoteig, Pistazien und einer Art Mascarpone-Creme gekostet. Wir verbrachten die Tage auf einem Wohnmobilstellplatz, den die Stadt Gaziantep Campern für drei Tage kostenlos zur Verfügung stellt. Das durften wir bereits in Afyon und Konya genießen, doch der Luxus, der uns in Gaziantep erwartete, toppte wirklich alles. Es gab Waschmaschinen und Trockner, Duschen und eine blitzsaubere neue Küche – wir fühlten uns nach vier Wochen ohne heiße Dusche wie in einem Luxushotel. 😉 Kurz vor der Abfahrt machten wir noch einen sehr lohnenden Abstecher zum Zeugma-Museum, in dem Mosaike aus der antiken hellenistischen Stadt Zeugma ausgestellt werden. Die riesigen Mosaike wurden bei sogenannten „Notgrabungen“ im Jahr 1995 teilweise in letzter Minute geborgen, bevor die Ruinen der antiken Stadt von einem Stausee geflutet wurden, in dem sie verloren gegangen wären. Sie bildeten die Böden von niedrigen Becken in den Gärten der Villen Zeugmas oder deren Wanddekoration und zeigen vor allem Szenen aus der griechischen Mythologie. Die meisten sind in sehr gut erhaltenem Zustand, nur wenige sind Kunstdieben zum Opfer gefallen. Besonders beeindruckte uns die detailreiche und ausdrucksstarke Abbildung des sogenannten „Gipsy Girls“.

Katmer - eine Spezialität Gazianteps
Gaziantep
Gaziantep
Zeugma Mosaikmuseum in Gaziantep

Auf dem Weg nach Şanlıurfa übernachteten wir an einem wunderschönen Ort oberhalb der Klosterfestung Rumkale mit Traumblick über die steil abfallenden Klippen des Euphrats auf die am Morgen von Nebelschwaden durchzogene Schlucht. Hier hätten wir Tage verbringen können, doch wir waren in Şanlıurfa mit Ibo verabredet, den wir auf dem Nemrut Dağı kennengelernt hatten. Also zogen wir nach einem sehr netten Google Translate-Gespräch mit einem Schäfer und einem Frühstück mit Ausblick bald weiter. Wir trafen Ibo beim Balıklıgöl, einem von Moscheen und Parkanlagen umrahmter Teich, der der Legende nach der von Gott in einen Teich verwandelte Scheiterhaufen ist, in den laut Koran der König Nimrod Abraham werfen ließ. (Die Geburtsgrotte Abrahams, die heute eine Moschee ist, befindet sich direkt nebenan.) Auf dem Weg dorthin begegneten uns Menschen in Kleidern, die wir bislang in der Türkei noch nicht bewusst wahrgenommen hatten: Männer in kurdischen Pump-Anzugshosen, Männer mit lilafarbenen Kopftüchern und Frauen mit hinten spitz zulaufenden Kopftüchern. Zu uns stießen bald auch noch Yaşar (Ibos Cousin, den wir auch bereits vom Nemrut Dağı kannten) und Mehmet (Yaşars Kollege). Wir wurden bei einem Pistazienkaffee direkt vom lokalpatriotischen Yaşar, der die Instagram-Seite der Stadt mitverwaltet, zu einer Promoaktion verpflichtet und sprachen „Şanlıurfa cok güzel“ (Şanlıurfa ist sehr gut) und „sampiyon Şanlıurfa Spor“ (der Verein Şanlıurfa Spor ist der Champion) in die Kamera. An ein leckeres Abendessen schloss sich noch eine richtig süß geplante Stadtführung an. Wir besichtigten noch einmal ausgiebig das Balıklıgöl (inklusive Fischefüttern: Wenn man die Fische füttert, darf man sich etwas wünschen), Abrahams Geburtsgrotte, die Große Moschee (Ulu Cami) und die Nekropolis. Da wir das Sightseeing damit bereits mit hervorragenden Führern abhaken konnten, verbrachten wir den folgenden Tag mit ziellosem Herumspazieren in der sandfarbenen Altstadt Şanlıurfas, wo wir auf unzählige Çays und einen leckeren vegetarischen Streetfood-Snack eingeladen wurden und einen Schreiner, einen Schneider, einen Dönerverkäufer, den Besitzer eines Nussstandes und den eines Gemischtwarenladens, Bäcker und unglaublich viele charmante Kinder kennenlernen durften, die uns fragten, ob wir sie fotografieren könnten. Leider schien es einigen hier finanziell nicht besonders gut zu gehen. Manche der Kinder fragten uns nach Geld und einige Bewohner erzählten von den verheerenden Folgen der aktuellen Inflation. Diese Begegnungen waren natürlich beklemmend und riefen uns die globale Ungerechtigkeit und das eigene Privileg einmal mehr deutlich ins Bewusstsein.

Über dem Euphrat
Die historische Klosterfestung Rumkale am Euphrat
In biblischem Land
Begegnung mit einem Schäfer über dem Euphrat
Der Balıklıgöl in Şanlıurfa
Mit Ibo in Şanlıurfa
Abendessen mit Ibo und Yaşar
In der Nekropolis
Bäckerei in Şanlıurfa
Zeitvertreib bei einem dem Boule ähnelnden Spiel am Rande der Altstadt

Von Şanlıurfa aus machten wir uns auf den Weg nach Göbeklitepe, einer an sich nicht besonders spannend anzuschauenden, aber historisch dennoch enorm bedeutsamen archäologischen Stätte. Diese Überreste einer Art Kultanlage aus der Zeit, bevor die Menschen zu sesshaften Bauern wurden – das heißt, die älteste je entdeckte Kultanlage – hinterfragt seit ihrer Entdeckung traditionelle wissenschaftliche Annahmen, indem sie die Möglichkeit in Betracht zieht, dass religiöse Stätten kein Ergebnis der landwirtschaftlichen Revolution sind, sondern im Gegenteil erst der Grund dafür waren, warum Menschen sesshaft wurden. Die 12.000 Jahre alten Reliefs auf den Steinen waren zwar nicht immer leicht zu erkennen und wirkten etwas primitiv, doch im Hinblick auf ihr jahrtausendealtes Bestehen waren wir doch schwer beeindruckt.

Göbeklitepe
Auf den Straßen Mesopotamiens

Nächster Halt war die Stadt Mardin, die uns von vielen Türk*innen sehr ans Herz gelegt wurde. Straßenschilder mit irakischen Städtenamen und Autos mit syrischem oder irakischem Kennzeichen erinnerten uns immer wieder daran, wie nah wir der syrischen und irakischen Grenze waren. Die Region, durch die wir fuhren, ist, wie die angrenzenden Gebiete in Syrien, im Irak und im Iran, zu großen Teilen von Kurd*innen besiedelt und war immer wieder Schauplatz türkisch-kurdischer Auseinandersetzungen. Erst wenige Tage zuvor hatte es wieder zwei Anschläge gegeben. Wir zweifelten auch einige Zeit, ob wir es riskieren sollten nach Mardin zu fahren, da sie noch deutlich näher an der syrischen Grenze liegt als Gaziantep, wo die syrische PKK zwei Tage nach unserer Abreise einen Anschlag verübt hatte. Doch wir hatten große Lust, die Stadt zu sehen, und die Einheimischen schienen nicht im Geringsten besorgt zu sein und so versuchten wir uns an deren Sorglosigkeit zu klammern. Dennoch wollten wir nicht allzu lange in Mardin bleiben und die Stadt nach einer Übernachtung wieder verlassen. Doch auch hier sollte es mal wieder anders kommen…
Die malerische Altstadt Mardins, die in Form von sandsteinfarbenen Häusern an einem Burgberg hochgebaut wurde, bot einen tollen Blick auf die mesopotamische Tiefebene bis nach Syrien. Nachdem wir diesen genossen hatten, besuchten wir den Basar, wo wir auf den sehr frommen Anzugschneider Ilia trafen, der einer der wenigen verbliebenen Angehörigen der Minderheit der syrisch-orthodoxen Aramäer war. In einer Sportbar (oder eher Sportteestube) machten wir die Bekanntschaft vom Englischstudenten Kamuran und seinem Kindheitsfreund Barış und wurden von den beiden auf einen Çay eingeladen. Wir unterhielten uns eine Weile, lernten das Brettspiel „OK“ kennen und folgten den beiden bald in eines der Panorama-Cafés, wo wir zufällig auf einige von Kamurans Kommilitoninnen trafen, die sich uns freudig anschlossen und mir nicht von der Seite wichen („Can you sit by my side?“). Als nächstes führten sie uns in eine richtig tolle Bar, in der kurdische Live-Musik gespielt und Bier ausgeschenkt wurde. Hier verbrachten wir den restlichen Abend, übten Sonnenblumenkerne knacken und schmiedeten Pläne für den nächsten Tag, den wir auch gemeinsam verbringen wollten.

Mardin
Waschstelle einer Moschee in Mardin
Über den Dächern Mardins
Wir versuchen uns am Spiel "OK" mit Kamuran und Bariş.
Mit Bariş, Kamuran und Kamurans Studienfreundinnen unterwegs in Mardin

Kamuran und Barış wollten uns unbedingt die antike Stadt Dara zeigen, die etwas außerhalb von Mardin liegt. Wir überlegten kurz (tatsächlich noch näher an die syrische Grenze? Eigentlich wollten wir doch nur kurz bleiben?), aber wir wollten das Angebot der beiden wirklich gerne annehmen! Da sie wider Erwarten kein Auto auftreiben konnten, fuhren wir mit Friz, was uns ein wenig zum Verhängnis wurde, aber auf jeden Fall um ein Abenteuer reicher machte (in Kamurans Worten: „Now it sucks, but this will be a great memory.“): Mitten im Nirgendwo fuhr Jannik plötzlich rechts ran, da die Batteriewarnleuchte anging und er kein Gas mehr geben konnte. Wir vermuteten, dass der Keilriemen gerissen war, was sich schnell bestätigte und unsere Weiterfahrt unmöglich machte. Ironischerweise standen wir nun nicht nur in der Pampa, sondern auch keinen Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Da wir den Keilriemen schon einmal selbst gewechselt hatten, brauchten wir eigentlich nur das Ersatzteil und würden Dara noch besuchen können, aber es war weit und breit keine Wohnsiedlung, geschweige denn einer Werkstatt zu sehen. Also freundeten Jannik und ich uns schon mit dem Gedanken an, den ADAC zu rufen und den Rest des Tages statt mit Sightseeing eben mit Abschleppdienst und Werkstatt zu verbringen – bis zufällig Ibrahim auf seinem Moped vorbeikam. Er fragte, ob wir Hilfe brauchten, und fuhr kurz zu sich nach Hause, wo er – tatsächlich – noch einen alten, aber mehr oder weniger passenden Keilriemen herumliegen hatte, den er uns nicht nur schenkte, sondern auch noch half zu montieren. Wir waren wirklich überwältigt von seiner Hilfsbereitschaft und schafften es dank ihm also doch noch nach Dara, wo wir die sehr schöne Nekropolis, die Zisterne und das Forum besichtigten und viel Zeit für Gespräche und unzählige Fotos mit unseren beiden neuen Freunden hatten. Als es anfing zu regnen, machten wir uns wieder auf den Heimweg, doch leider war unser Autoabenteuer noch nicht vorbei. Auch der „neue“ Keilriemen riss nach ein paar Kilometern und wir beschlossen, nun doch den ADAC zu rufen, denn es wurde schon dunkel und wir vermuteten, dass die meisten vorbeifahrenden Fahrzeuge bei dem stärker werdenden Regen nicht anhalten würden. Nach einer Stunde Wartezeit kam der sehnlichst herbeigesehnte Abschleppdienst mit Hassan und Ismail, die wenig begeistert waren, bei dem Wetter nochmal auf die Straße zu müssen, weshalb große Hektik herrschte und Friz nicht so richtig festgezurrt wurde. Baris und ich, die während der Abschleppfahrt im Bus saßen, wurden daher ziemlich durchgeschüttelt und waren die Fahrt über damit beschäftigt die Einrichtung zu stabilisieren, während Jannik im Führerhäuschen froh war, in Kamuran einen sehr guten Übersetzer dabei zu haben. Wir konnten direkt bei der bereits schließenden Werkstatt im Bus übernachten und wurden am nächsten Morgen von Barış, der uns in der Werkstatt beistehen wollte, mit Çay und hausgemachten Içli Köfte zum Frühstück überrascht. So lieb! Der Werkstatttag war mal wieder ein Erlebnis. Wir wurden von den Mechanikern an einen warmen Ofen gesetzt, immer wieder mit weiteren Çays versorgt und hatten unzählige Gespräche mit den Mitarbeitern und anderen Kunden. Irgendwann schien alles am Bus wieder zu funktionieren, wir hatten alle Anwesenden als Insta-Freunde gewonnen und fuhren weiter nach Diyarbakır, wo wir nach der ganzen Aufregung beschlossen, den Bus für heute nicht mehr zu verlassen und einfach nur noch Netflix zu schauen.

Gerissener Keilriemen auf dem Weg nach Dara - zum Glück hat Ibrahim noch einen mehr oder weniger passenden zu Hause!
Held des Tages: Ibrahim
Dara
Gerissener Keilrielem Teil 2: Dieses Mal hilft der Abschleppdienst
Werkstatt-Stimmung am Ofen (betrieben mit Motoröl 🙂 )

Diyarbakır, die inoffizielle Hauptstadt der türkischen Kurd*innen und seit Jahrzehnten das Zentrum des kurdischen Widerstands, wurde uns in ganz Mesopotamien als Reiseziel ans Herz gelegt. In diesen euphorischen Gesprächen wurde sehr deutlich, wie symbolträchtig diese Stadt, in der mehrheitlich Kurd*innen leben, für die kurdischen Identität ist. (Bevor im Jahr 1915 mehr als 150.000 Armenier*innen aus Diyarbakır deportiert wurden waren ein großer Teil der Bevölkerung armenische Christ*innen.) Wir nehmen uns zwei Tage Zeit, um die geschichtsträchtige, am Tigris gelegene Stadt zu besichtigen, die uns auf Anhieb sympathisch ist. Sie ist keine „klassische Schönheit“ wie zum Beispiel Mardin, aber voller Leben. Wir verbringen gleich zu Beginn mehrere Stunden im sehr spannenden, auf dem Gelände der Zitadelle gelegenen archäologischen Museum, in dem Funde aus Mesopotamien seit dem 12. Jahrtausend v. Chr. ausgestellt sind und sind sehr überrascht, wie früh Menschen ihre Aufmerksamkeit bereits auf „schöne“ Dinge gerichtet haben, wie der Herstellung von Schmuck und der detailreichen Verzierung von Geschirr. Anschließend besichtigen wir die Große Moschee und die antike Stadtmauer, trinken Debek (kurdischen Kaffee) mit Rosenwasser in der alten Karawanserei im Basar und machen neue Bekanntschaften mit dem Simit-Verkäufer Cebrail, mit dem Englischstudenten Hüseyin und mit der sehr zuvorkommenden Tourismusbehörde, die überall auftaucht. Sehr beeindruckend war ein Besuch im Dengbej Evi, in dessen Hof sich kurdische Volkssänger*innen treffen, die in ihren eindringlich und emotional vorgetragenen Liedern kurdische Geschichten erzählen.
Das größte Highlight unseres Diyarbakır-Besuchs und eine wunderschöne Erinnerung war aber der Besuch bei Bülent und seiner Familie. Wir lernten ihn und seinen Sportlehrerkollegen Turgay auf der Stadtmauer kennen, wo sie uns zunächst auf einen Çay einluden und – nachdem wir uns eigentlich schon verabschiedet hatten – zum Abendessen bei Bülent. Der holte sich noch schnell das Okay von seiner Frau per Videoanruf, dann fuhren wir auch schon zusammen zu unserem Parkplatz, wo wir umstiegen und ihnen in Friz nach Neu-Diyarbakır folgten. Hier lernten wir Bülents super nette Frau Serap und seine beiden tollen, offenen Kinder kennen, die auf eine internationale Schule gingen, daher super Englisch sprachen und uns die Kommunikation damit sehr erleichterten. Auch Google Translate kam mal wieder zur Hilfe und Bülent, der nur begrenzt Englisch sprach, verstand es sehr gut, sich mit Händen und Füßen verständlich zu machen, was in einem amüsanten Schauspiel endete. Er zeigte uns Erbstücke seiner Eltern, die neben einem BVB-Feuerzeug in einer Vitrine ausgestellt waren und spielte uns auf der kurdischen Gitarre „Saz“ etwas vor. Wir wurden kulinarisch mit türkischem Kaffee, Linsensuppe, Lahmacun, İçli Köfte, Salaten, Ayran, Baklava und Çay verwöhnt und durften sämtliche Familienmitglieder in Videoanrufen kennenlernen. Wir hatten so einen schönen Abend und waren wahnsinnig gerührt von dieser Gastfreundschaft. So langsam fühlten wir uns aber fast aufdringlich und hatten das Gefühl, dass die Kinder ins Bett mussten, doch Bülent ließ uns erst gehen, nachdem er uns einen detaillierten Plan für die Weiterreise in der Türkei erstellt und uns mit Desinfektionstüchern, Masken und Plastikhandschuhen für Indien ausgestattet hatte. Sie luden uns sogar dazu ein, bei ihnen zu übernachten, doch wir wollten der Familie nicht noch mehr auf die Pelle rücken, also begleiteten uns Turgay und Bülent noch zu einer in ihren Augen sicheren Tankstelle, wo sie Rücksprache mit dem Tankwart hielten und eine wärmere Toilettenoption für uns aushandelten, bevor sie uns mit einem guten Gefühl verabschieden konnten. Und am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg, Bülents ambitionierte Reisepläne in die Tat umzusetzen, dazu aber mehr im nächsten Reisebericht.

Hasan Paşa Hanı Diyarbakır
Die Stadtmauer Diyarbakırs
Auch in Diyarbakırs Zitadelle wird mal wieder geheiratet, was das Zeug hält!
Kurdische Sänger im Dengbej Evi
Mit Bülent und Turgay erst auf der Stadtmauer Diyarbakırs und abends nach einem fantastischen Abendessen mit Bülents Familie.

Der Reiseabschnitt in Kürze

Go-to Snack

Hier noch mehr als sonst: Baklava und alle verwandten zuckersaftgetränkten Nussgebäckstücke, die vor allem Jannik immer ein Hochgefühl bescherten. Denn das Baklava Gazianteps gilt als das beste der Türkei. Wie hoch dieses Ansehen ist, wurde uns eindrucksvoll klar, als unser Parkwächter in Mardin unser Angebot ausschlug, bis er mit einem Blick auf die Packung kennerisch meinte. „Oh, it’s from Antep, then I take one!“ (Als kleines Extra müssen wir hier auch nochmal Çıg Köfte erwähnen, die aus Şanliurfa kommen, wo sie natürlich auch am besten sind.)

Was wir am meisten vermissen werden

Zum ersten Mal...

…mussten wir auf dieser Reise den ADAC rufen – Friz hatte ihn schon vermisst.

 

Begleitung während der Fahrt

Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari, der die wissenschaftliche Errungenschaft der Entdeckung Göbeklitepes noch sehr viel spannender erzählt als ich 😉

 

4 Gedanken zu „Mesopotamien“

  1. Und wieder mal ein Stückchen „Ferne Welt“ rückt in greifbare Nähe durch eure tollen Erlebnisberichte!!! Einfach soooo schön, dass wir immer wieder dabei sein dürfen…DANKE!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert