Lykische Küste
Mit Brezeln im Paradies

Caros Sicht
Jetzt aber schnell ans Meer, am besten noch heute Abend – so lautete der Plan, als wir gegen Mittag von Pamukkale in Richtung Lykische Küste aufbrachen. Doch wie zu erwarten, ging diese Rechnung mal wieder nicht auf. Warum sollte es auch plötzlich schnell gehen? 😊 Stattdessen folgte eine für unsere Reise schon typisch gewordene Fahrt durch das türkische Inland: Schon nach wenigen Kilometern kamen wir an einem großen lokalen Markt vorbei, den wir natürlich nicht ungesehen links liegen lassen wollten. Dafür, dass wir uns bereits bei Pamukkale reichlich mit Einkäufen eingedeckt hatten, wogen die Tüten voller Obst, Oliven und Kekse ganz schön schwer, als wir uns eine Stunde und einige nette Gespräche und Çays später wieder zum Auto bewegten. Kaum war der Motor angesprungen, machte sich schon ein kleines Mittagshüngerchen bemerkbar, welches wir mit einem Çiğköfte-Snack unterwegs zu stillen gedachten. Die Google-Suche führte uns in ein kleines Dorf, doch statt der ersehnten Çiğköfteci, die wohl schon vor langer Zeit geschlossen hatte, gab es die nächste Einladung zum Tee von vier älteren Herren. Nach einem sehr netten Gespräch – teilweise sogar auf deutsch – in dem es natürlich auch um die Kilometerdistanz zwischen den von uns anvisierten Städten ging (womit sie sich in die meisten bisherigen Reisebekanntschaften in der Türkei einreihten), zogen wir weiter.
Als wir unseren Çiğköfte-Hunger in dem kleinen Städtchen Acipayam endlich gestillt hatten und eigentlich weiterziehen wollten, sprang uns doch direkt das nächste Highlight ins Auge: ein Barbershop! Das hatte Jannik sich schon eine Weile vorgenommen. Würde schon nicht so lange dauern… 😊
Hat es natürlich doch – ein Highlight war es dafür umso mehr! Jannik wurde auf den Friseurstuhl verfrachtet, ich – natürlich mit einem Çay und der mehrfachen Ermunterung zu filmen – auf einen Stuhl daneben. Dann konnte das Kino auch schon losgehen: Der Bart war schnell getrimmt, aber zufrieden war der Chef damit noch ganz und gar nicht und so hatte Jannik Sekunden später warmes Wachs auf dem Gesicht. Und wiederum ein paar Sekunden und einige mehr oder weniger gut unterdrückte Schmerzensschreie später war Janniks Gesicht so haarfrei wie wahrscheinlich seit seinem siebten Lebensjahr nicht mehr. Ebenso wenig zimperlich ging es anschließend den Nasenhaaren an den Kragen. Jannik hatte dabei wenig mitzureden, denn Volkan war reichlich unzufrieden mit seinem Pflegezustand. Waren wir nun der Meinung, die Behandlung wäre zu Ende, so unterlagen wir mal wieder einer großen Täuschung: Weiter ging es mit Janniks Behandlung: Auftragen der Pflegemaske (bei der ich dann auch mitmachen durfte), Haare waschen und pflegen und ehe wir uns versahen, lag Jannik schon oberkörperfrei auf dem Waschbecken und bekam den Rücken massiert. So verbrachten Volkan und seine beiden Lehrlinge also insgesamt 90 Minuten lang damit, Jannik wieder ein halbwegs zivilisiertes Äußeres zu verpassen. War der Chef selbst am Werk, nutzten die Lehrlinge die Zeit, Videos von Jannik zu drehen, um diese auf TikTok hochzuladen, oder sich gegenseitig zu verkloppen. Nach diesem sehr netten und lustigen Erlebnis und einem weiteren Çay mit Volkan wurde uns klar, dass wir wohl doch noch einen Zwischenstopp auf dem Weg zum Strand würden einlegen müssen. Wir parkten den Bus an einem Stausee, an dem trotz sehr niedriger Temperaturen auch viele Fischer ihre Zelte aufgeschlagen hatten, und wachten am nächsten Morgen mit einem so traumhaften Ausblick auf, dass wir wider Erwarten noch ein paar Stunden blieben. So hat unsere Langsamkeit manchmal wenigstens auch ihre Vorteile… 😉
Unser erstes Ziel an der Küste war die Lagune Ölüdeniz – mit ihrem türkisfarbenen Wasser vor felsigem Hintergrund ein fotogenes Postkartenmotiv und zur Hauptsaison auch DAS Pauschalurlaubsziel. Das ist ja eben der Vorteil des Reisens in der Nebensaison, dachten wir, und hatten die Lagune im Geiste schon fast für uns alleine. Aber weit gefehlt: Der wenige Platz, den die Lagune hergibt, war bis auf den letzten Zentimeter mit Liegestühlen und Schirmen belegt. Hinzu kam, dass gerade an diesem Wochenende die „International Ölüdeniz Air Games“ stattfanden, ein Paragliding Festival, das den wenigen restlichen Platz am Strand in Beschlag nahm. Nachdem wir die Flieger*innen eine Weile bestaunt hatten und ein paar Züge geschwommen waren, machten wir uns also schnell wieder aus dem Staub, und verbrachten zwei Tage auf einem süßen kleinen Campingplatz mit Traumblick über das berühmte Butterfly Valley (Kelebek Vadisi). Diese wirklich spektakuläre Bucht, die wie ein steiler Canyon ins Landesinnere schneidet und zum Naturschutzgebiet deklariert wurde, erhielt ihren Namen von den vielen Schmetterlingen, die dort geschützt werden sollen. Von dort aus unternahmen wir eine Küstenwanderung auf dem Lykischen Weg, die fantastische Aussichten bot und zu einer wunderschönen Badebucht mit kristallklarem Wasser führte.
Unsere weitere Fahrt entlang der Lykischen Küste mündete an einem absoluten Traumstellplatz, von dem wir uns fünf Tage lang nicht wegbewegten. Der Ort ließ nichts zu wünschen übrig. Bis auf wenige Fischer waren wir komplett allein, hatten unseren eigenen kleinen Privatstrand und Klippen, von denen man in türkisblaues, klares Wasser springen konnte und konnten im Schatten der vielen Bäume lesen, am Auto schrauben und Reisetagebuch schreiben.
Die Südküste hielt aber noch weitere Highlights für uns bereit. Nach einem grandiosen Zwischenstopp bei den Ruinen der antiken Stadt Kyaneai in der Nähe von Kaş, in deren Mitte wir direkt neben dem antiken Theater übernachteten, ging es weiter nach Antalya, wo unser Freund Domi in seinen Herbstferien für eine Woche zu uns stieß. Nach einem fantastischen Brezelfrühstück auf dem Parkplatz des Flughafens, fuhren wir ins nahegelegene Klettergebiet Geyikbayri. Dort verbrachten wir zwei schöne Tage mit unseren Freund*innen Joni und Sarah, die zur selben Zeit auf Rad- und Kletterreise in der Türkei waren, wodurch sich unsere Reise für kurze Zeit ein wenig nach unserer Freiburger Studienzeit anfühlte. Das Klettern überließen wir aber den beiden und widmeten uns stattdessen einer weiteren Etappe des lykischen Wegs und vor allem dem Gözleme-Essen.
Auf dem Weg an den Strand überredete Domi uns, uns mit ihm gemeinsam mal um die Reparatur unserer Standheizung zu kümmern, was darin mündete, dass wir von dem sehr hilfsbereiten Nachbar der Werkstatt, deren Geräte wir netterweise zum Aufbocken nutzen durften, zwei Stunden lang von unserer Arbeit abgehalten wurden, als er uns versuchte dazu zu überreden, das Ganze doch lieber von einem Profi machen zu lassen. Während Jannik geduldig versuchte, den netten Herrn vom Gegenteil zu überzeugen, betrieben Domi und ich Youtube-Recherche, doch irgendwann kapitulierten wir und beschlossen, den restlichen Tag doch lieber bei einem Bierchen am Strand zu verbringen. Die restlichen Nächte schlugen wir unser Lager dann an einem wunderschönen einsamen Küstenabschnitt östlich von Antalya auf, von wo aus wir einen tollen Blick auf die Bergkette der Lykischen Küste hatten und nochmal Sonne tanken wollten, bevor es für Jannik und mich wieder in den Norden und für Domi wieder nach Deutschland gehen sollte. Und damit auch Domi in Bezug auf alte Steine auf seine Kosten kam, unternahmen wir von dort aus einen Ausflug in die antike Stadt Aspendos, in der wir das besterhaltene römische Theater Kleinasiens besichtigten, das im zweiten Jahrhundert n. Chr. erbaut wurde und noch heute im Rahmen der jährlich stattfindenden Aspendos-Festspiele genutzt wird. Bevor wir uns der dazugehörigen antiken Stadt und ihrem Aquädukt widmeten, machten wir es uns noch ein Weilchen in der oberen Sitzreihe bequem, in der noch immer die Namen der „Abonnenten“ in den für sie reservierten Plätzen zu finden sind, und testeten die Akustik. Tatsächlich verstanden Jannik und Domi mich noch ganz oben, obwohl ich mit sehr leiser Stimme unten auf der Bühne sprach. Den letzten gemeinsamen Tag mit Domi verbrachten wir in der Stadt Antalya selbst, die uns mit einer netten Altstadt, einem schönen vielseitigen Gemüsemarkt und einem großen Restaurant- und Barangebot positiv überraschte, da wir mit einer eher gesichtslosen Touristenmeile gerechnet hatten. Also freuten wir uns umso mehr, mit Domi all die Snacks zu teilen, die wir bisher in der Türkei lieben gelernt hatten, und abends mal wieder in eine „richtige“ Bar gehen zu können. Nachdem wir uns endlich von den netten neuen Barbekanntschaften trennen konnten (sie entschieden per Münzwurf, ob Domi seinen Flug erwischen durfte oder noch mit ihnen feiern gehen musste), mussten wir Domi schweren Herzens wieder verabschieden.
Ein paar Tage zuvor hatten wir mit Schrecken die undichte Stelle entdeckt, durch die immer wieder Wasser unter die Fußmatte der Vordersitze gedrungen war: Unsere eigentlich frisch noch in Deutschland eingesetzte Windschutzscheibe löste sich an mehreren Stellen und ließ sich bedenklich weit nach außen drücken. Bevor wir also die Fahrt in die nächste Stadt Konya auf uns nahmen, musste dieses Problem erstmal gelöst werden. Wir fanden über Umwege eine Autoglas-Werkstatt, die uns die Scheibe für einen Bruchteil des in Deutschland gezahlten Preises neu einsetzte und uns eine tolle Begegnung mit dem Mechaniker Yusuf bescherte, der sich lange Zeit für ein interessantes und nettes Gespräch mit uns nahm, während die Scheibe trocknete, und mit dem wir seither immer wieder Kontakt über Instagram haben. Mit nun hoffentlich wasserdichtem Auto machten wir uns dann mit dem festen Vorhaben diesmal nicht unterwegs anzuhalten auf den Weg in die Stadt Konya – nur um zwei Straßen weiter, noch in Antalya, die nächsten Çiğköfte zu entdecken. 😊
Der Reiseabschnitt in Kürze
Go-to Snack
Gözleme: Pfannkuchen, der mit Spinat, Kartoffelmasse oder Käse gefüllt und mit Butter bestrichen wird (Çiğ Köfte gab es natürlich weiterhin fast täglich)
Begleitung während der Fahrt
Geschichten aus der Heimat von Domi.
Lesson learned
„Nur mal schnell zum Barber“ funktioniert in der Türkei wohl eher nicht.
Was wir am meisten vermissen werden:
Sehr schmerzlich: Die Wärme der türkischen Südküste.


Was für ein herzerwärmender Reiseabschnittsbericht!!!!! Das Lesen und Mit- bzw. Nacherleben versüßt mir mal wieder den Tag! DANKE
Ihr schildert das so, als wäre man selbst dabei gewesen. Weiter so
Jetzt werden wir aber mit Berichten verwöhnt!
Wieder einmal sehr schön Einblicke in eure Reise zu bekommen. Besonders beeindruckt bin ich von euren vielen schönen Bekanntschaften und positiven Erfahrungen mit der Bevölkerung.
Herzhaft lachen musste ich über den Besuch im Barbershop. Da wäre ich so gerne dabei gewesen :):):)