Istanbul

Istanbul

Unser Tor nach Asien

Caros Sicht

Wie aufregend! Heute sollte es über die Grenze in die Türkei gehen und damit in das erste Land, das wir vermutlich nicht auch in einem Sommerferien-Urlaub mit dem Auto ansteuern würden – und das Land, in dem wir die Grenze nach Asien überschreiten würden! Wir waren voller Adrenalin – noch zwölf Kilometer, noch sechs Kilometer, … und dann standen wir endlich – nachdem wir in Griechenland ein letztes Mal Laugenbrötchen (Lidl sei Dank) und europäisches Mobilfunknetz genossen hatten – an der Grenze zur Türkei und wurden in unserer Vorfreude jäh gebremst: Mein Personalausweis war nicht aufzufinden. Nach erfolgloser Suche in allen Geldkatzen und Wasserschutzplastiktütchen, die wir so mit uns herumfuhren, fiel uns irgendwann ein, dass der wohl noch bei unserem letzten Campingplatz hinterlegt war, was sich durch einen Anruf bei der Betreiberin Maria bestätigte. Die Überlegung, noch einmal drei Stunden Fahrt in die falsche Richtung auf uns zu nehmen, verwarfen wir, da Maria zuversichtlich schien, in den nächsten Tagen jemanden zu finden, der in unsere Richtung unterwegs sein und den Ausweis nach Istanbul bringen würde. Und so ging es voller Vertrauen in Marias Fähigkeiten eben mit Reisepass über die sehr imposante Grenze in die Türkei und ganz schnell zur nächstbesten Tankstelle, um in schwäbischer Manier den Tank mit deutlich günstigerem Diesel zu befüllen. Es war 14 Uhr und der realistisch erscheinende Plan für heute war, einen zuvor recherchierten, zentrumsnahen Wohnmobilstellplatz im dreieinhalb Stunden entfernten Istanbul anzusteuern und dort in der Nähe entspannt zu Abend zu essen. Die Anfahrt zum Stellplatz schien zwar etwas kompliziert, doch wir hatten die Kommentarspalten der Park4Night-App auf mögliche Stolperfallen und falsche Abzweigungen durchforstet und fühlten uns gut auf das Abenteuer Istanbul vorbereitet. Im Nachhinein wirklich lustig. Spoiler: Abendessen gab es letztendlich um 23:55 Uhr. 😊

Die ersten Meter in der Türkei...
...und direkt in eine sehr strenge Polizeikontrolle geraten. 😉

Noch guter Dinge erreichten wir gegen 19 Uhr die Ausläufer Istanbuls, jetzt würde es laut Karten-App noch ca. eine Stunde dauern und wir wären da. Der Fahrstil der anderen Autofahrer*innen wurde immer gewöhnungsbedürftiger und ich war sehr froh, gerade nicht am Steuer sitzen zu müssen. Überholt wurde auch von rechts, das Signal dafür war ein lautes Hupen, welches allerdings variabel eingesetzt wurde und sowohl positiv als auch negativ besetzt zu sein schien. Als wir endlich den beschriebenen U-Turn erreicht zu haben glaubten und sogar den Wohnmobilstellplatz erblickten, stellte sich Erleichterung ein. Schon wollten wir uns selbst zu unserer erfolgreichen Bewältigung des „ach-so-chaotischen“ Verkehrs in Istanbul beglückwünschen, als wir bemerkten, dass das offensichtlich nicht der Weg war, der zu dem Wohnmobilstellplatz führte. Es war 20 Uhr und unser Ziel lag keine dreißig Meter von uns entfernt, doch eine Leitplanke versperrte den Weg. Und jetzt ging es erst richtig los. Die Suche nach dem richtigen Eingang wurde zu einer dreistündigen Odyssee durch enge Gassen Istanbuls, bei der wir auf unzählige sehr hilfsbereite Menschen trafen, auf sehr vielen Einbahnstraßen in die falsche Richtung fuhren und immer wieder kurz vor dem Wohnmobilstellplatz standen, aber aus verschiedensten Gründen einfach nicht hineinkamen. Am Rande eines Nervenzusammenbruchs fanden wir schließlich den Weg und wurden von dem unglaublich netten Betreiber des Stellplatzes mit einem fröhlichen „How many turns?“ begrüßt.
Fünf Nächte verbrachten wir auf dem sympathischen kleinen Wohnmobilstellplatz, auf dem sich dicht an dicht die Wohnmobile und Offroad-Fahrzeuge aus allen möglichen Ländern tummelten und der somit neben einer günstigen Übernachtungsmöglichkeit auch der perfekte Ort für den Austausch mit anderen Reisenden war. Gerade weil sich auf unserer geplanten Route gerade ein Krisenherd nach dem anderen auftat, war es sehr wertvoll, gemeinsam über die weitere Reiseplanung und mögliche Alternativen zu sprechen, und schön, Reisetipps und Erfahrungen auszutauschen.

Einfahrt nach Istanbul
Hier waren die Straßen noch breit und leer...
Endlich geschafft!
Ab und an bekommen wir auf dem Stellplatz auch Besuch.

Die Tage in Istanbul waren unglaublich dicht und vielseitig. Obwohl wir schon einmal fünf Tage da gewesen waren und zumindest die „großen“ Sehenswürdigkeiten der Metropole bereits kannten, gab es noch so viel zu sehen und zu probieren und jeder Tag schien einerseits voller Erlebnisse zu sein und gleichzeitig konnten wir abends kaum glauben, wo die Zeit hin verschwunden war. Wir versuchten die ganze Vielfalt der Stadt in uns aufzusaugen, gingen zu Fuß durch die Stadtteile zu beiden Seiten des Bosporus und des Marmarameers und probierten uns munter durch das unendliche kulinarische Angebot. Allein über Letzteres würde sich ein eigener Blogeintrag lohnen! Unter anderem gab es Gözleme (türkische Crèpes), Simit (ein Gebäckkringel mit Sesam), Dondurmali Irmik Helvasi (ein türkisches Eisdessert mit warmem Grieß), Boza (ein traditionelles türkisches Getreidegetränk mit Zimt) mit Leblebi (gerösteten Kichererbsen), alle möglichen Sorten Baklava, syrische Falafel, Osh (ein uzbekisches Reisgericht) und Golgappa (hohle, frittierte „Teighüllen“ mit Kartoffelfüllung, die mit einer scharfen Flüssigkeit gefüllt werden; laut dem Kellner des indischen Restaurants: „careful, that’s crazy stuff“). Und wie sich bereits anhand dieser kulinarischen Vielfalt zeigt, schien die Welt in dieser Stadt aufeinander zu treffen. Und so bot unser Istanbul-Aufenthalt zwar einen ersten Vorgeschmack auf die Gastfreundlichkeit, die uns in den folgenden Wochen in der Türkei noch überwältigen sollte, hob sich in ihrer Geschwindigkeit und teilweise geradezu widersprüchlichen Vielfalt ansonsten jedoch stark von unserer weiteren Türkeireise ab.

Yeni-Moschee und Hagia Sofia
Beyoğlu
Blick über das Goldene Horn
İstiklal Caddesi
İstiklal Caddesi
Taksim Platz
Taksim Platz
Taksim-Begegnung mit Rumeysa und Harun
Blick über Beyoğlu von der Süleymaniye-Moschee
Süleymaniye-Moschee
Süleymaniye-Moschee
Fatih-Moschee
Auf dem Salı Pazarı
Gözleme
Kapalı Çarşı (Großer Basar)
Im Glück mit Dondurmali Irmik Helvasi
Rüstem Paşa-Moschee
Beyoğlu
Pop-Up Schuhgeschäft

Eine sehr besondere und interessante Begegnung hatten wir mit Arzu, die in Deutschland aufwuchs und nun in das Heimatland ihrer Eltern gezogen ist, wo sie unter anderem gemeinsam mit anderen Freiwilligen in der Süleymaniye-Moschee arbeitet, um mit den Besucher*innen ins Gespräch zu kommen und ihnen einen Einblick in den Islam und muslimisches religiöses Leben zu geben. Wir waren so vertieft in unser Gespräch über Gottesbeweise und den interreligiösen Dialog, dass wir kaum merkten, wie sich die Moschee nach dem Nachtgebet zu leeren begann. Irgendwann saßen wir ganz alleine da, doch statt uns zum Gehen aufzufordern, stellte der sehr nette Mann vom Sicherheitsdienst unsere Schuhe hinein und erlaubte uns, solange zu bleiben, wie wir wollten und einfach die Tür hinter uns zuzuziehen. So kamen wir in den Genuss, das berühmte Bauwerk ganz für uns zu haben und uns alles in Ruhe anschauen zu können. Auch danach konnten wir unser interessantes Gespräch weiterführen, da Arzu sich noch Zeit für eine gemeinsame – zunächst verzweifelte, doch irgendwann doch erfolgreiche – Suche nach vegetarischem Essen nahm und uns in das traditionelle türkische Getreidegetränk „Boza“ einführte. So erhielten wir an diesem Abend nicht nur viel Wissen über den Islam, auf das wir in den folgenden Wochen immer wieder zurückgreifen konnten, sondern sprachen unter anderem auch über türkisches Leben in Deutschland, die Situation syrischer Geflüchteter in der Türkei und deutsche Lehrerzimmer.
Als wir Arzu gegen 0 Uhr endlich erlöst hatten, hatten wir auf dem Rückweg zu unserem Stellplatz eine weitere unverhofft tolle Begegnung mit den drei iranischen Busfahrern Dariush, Hassan und einem, dessen Name wir uns leider nicht merken konnten, die uns auf einen iranischen çay vor ihren Reisebussen einluden. Neben der enorm großen Kristallschale, in der sie ihre Zuckerwürfel für den Tee transportierten, beeindruckte uns ihre unermessliche Gastfreundlichkeit. Sie schenkten uns immer wieder nach und luden uns nachdrücklich zu einer Iranreise ein, für die sie bereits Pläne schmiedeten. Gereist werden würde selbstverständlich in ihrem Reisebus, mit dem sie uns das ganze Land zeigen wollten. Einen herzlichen Lacher bekamen wir noch für unsere spärliche Instagram-Reichweite und die Tatsache, dass wir – wie sie – in unserem Bus schliefen, dann ging es mit gefüllten Herzen ins Bett.

Boza mit Arzu
Nachts alleine in der Süleymaniye-Moschee
Mitternachts-Çay mit iranischen Busfahrern

An unserem vorletzten Tag in Istanbul zeigte sich schließlich, dass sich das Vertrauen in die Fähigkeiten der griechischen Campingplatz-Betreiberin Maria ausgezahlt hatte. Mit Hülya hatte sie jemanden gefunden, die mir meinen Personalausweis, den wir im Trubel Istanbuls fast schon wieder vergessen hatten, mitbringen konnte – und sie hätte wahrscheinlich keinen lieberen Menschen finden können. Hülya begrüßte uns direkt mit einer herzlichen Umarmung, hatte neben dem Personalausweis noch viele Türkei-Tipps für uns im Gepäck und lud uns zu sich in ihr Haus an der türkischen Westküste ein. Und so konnte es für uns – nun wieder mit vollständigem Geldbeutel und einer weiteren tollen Bekanntschaft – über den Bosporus nach Asien gehen. Nach fünf Stunden erreichten wir schließlich die Ausläufer Istanbuls, doch es kam uns schon gar nicht mehr so lang vor… 😊

Dank Hülya endlich wieder mit Perso vereint!
Über das Goldene Horn...
...und den Bosporus nach Asien!

Der Reiseabschnitt in Kürze

Go-to Snack

Simit – unser tägliches Frühstück (da kommt fast ein wenig Brezel-Feeling auf 😊)

Begleitung während der Fahrt

Istanbul (Not Constantinople) von They Might Be Giants

Was wir am meisten vermissen werden

Alles! Istanbul ist einfach fantastisch! 😊

Was wir am meisten vermissten

Hier kann ja nur eines stehen: Kantinas…

Lesson learned

Starte niemals zu früh das zum Ziel passende Einlauflied – sonst hörst du es in Dauerschleife. Unsere Köpfe wippten auch trotz Übermüdung noch Stunden später im Takt von Istanbul (Not Constantinople)…

Zum ersten Mal ...

…wieder an unseren ersten gemeinsamen Urlaubsort zurückgekehrt.

2 Gedanken zu „Istanbul“

  1. So schön immer wieder von euch zu hören. Super interessant was ihr alles erlebt und seht. Ich wünsche euch weiterhin viel Spaß und schöne Ereignisse ❤️
    Caro du musst ein bisschen besser auf dein perso aufpassen
    Liebe Grüße Sabine

  2. Mensch, was für tolle und einzigartige Erlebnisse und Begegnungen. Und ich freu mich dass es Jannik wieder schmeckt. Drück Euch ganz fest und es ist so schön Euch zu ‚folgen‘ Ganz liebe Grüße Silke

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