Griechenland

Griechenland

So schön kann warten sein...

Caros Sicht

In der Annahme, dass Griechenland touristisch bereits weithin erschlossen sei und wir sicherlich nicht das letzte Mal dagewesen sein sollten, nahm das Land in unserem ursprünglichen Reiseplan (zumindest für den Hinweg) eher die Stellung eines Transitlandes ein, das uns schnell und bestenfalls auf gut befahrbaren Straßen nach Istanbul leiten sollte. Wir hatten die Rechnung allerdings ohne unsere kaputten Campingstühle gemacht. Um von den günstigen Versandkosten innerhalb der EU zu profitieren, hatten wir neue Campingstühle nach Griechenland bestellt, die nun zehn Tage auf sich warten ließen, was uns zunächst ein bisschen ärgerte (da es vor allem an unserer mangelhaften Zeitplanung lag 😉). Die Tage füllten sich jedoch wie von selbst und Griechenland bescherte uns in Form einer Mischung aus Städtetrip, Wandertour und Strandurlaub einen wunderschönen und überraschend vielseitigen Reiseabschnitt.
Beginnen wir aber von vorne: „You just bought drugs.“ Der griechische Grenzbeamte deutete auf das recht große durchsichtige Plastikpäckchen mit dem getrockneten Oregano, den wir kurz vor der albanisch-griechischen Grenze bei Kakavija noch mit unseren letzten Lek-Münzen von einem Straßenverkäufer erstanden hatten, und lachte. Zum ersten Mal auf dieser Reise, interessierten sich Grenzbeamte für unser Reisegepäck. Zwar klopften sie fachmännisch an erstaunlichen Stellen unseres Busses herum und öffneten ein paar Schubladen, doch glücklicherweise schienen sie genauso wenig Lust zu haben wie wir, den ganzen Kram auszuladen, und so rollten wir bald hinüber nach Griechenland.
Und wie das meistens so ist, änderte sich (bis auf die griechischen Schriftzeichen) zunächst nichts für uns Wahrnehmbares, ähnelten die kleinen Ortschaften nach der Grenze den albanischen mit ihren kleinen Betrieben, Autowaschanlagen und Restaurants doch sehr. Zu unserer großen Freude zeigten sich auch die Griech*innen selbst sofort ebenso freundlich wie ihre albanischen Nachbar*innen. Uns wurde zugewinkt und -gehupt und spätestens, wenn wir irgendwo anhielten, wurde es über den gesamten Aufenthalt fast zur Regel, dass unser Autokennzeichen zum Gesprächsanlass mit jemandem wurde, der schon einmal in Deutschland gearbeitet hatte.
Das erste Ziel, das wir an diesem Tag nach einer kurzen Kaffeepause am Zaravina-See und über eine wunderschöne Straße mit Bergpanorama ansteuerten, war ein Übernachtungsplatz mit Blick auf die spektakulären Metéora-Klöster am Fuße des Pindos-Gebirges, die wir am nächsten Tag besichtigen wollten. Neben dem bloßen Anblick dieser „schwebenden“ Klöster, die aus hohen, merkwürdig geformten Sandsteinfelsen „herauszuwachsen“ scheinen, beeindruckte uns vor allem, wie die Mönche und Einsiedler diese im Mittelalter allein mithilfe von Seilzügen und Strickleitern errichtet hatten. Zwar konnten wir auch heute viele Kletterer an den Felsen beobachten, doch scheinen deren Sicherungsmethoden irgendwie vertrauenserweckender… Wir besichtigten zwei der Klöster, wobei wir lernten, dass es in manchen Klöstern als Frau nicht ausreicht, sich mit langer Hose und Oberteil zu bedecken, sondern es offenbar eine „Rock-Pflicht“ gibt. Well, well… 😊

Die Klöster von Méteora.
Die Klöster von Méteora beim (leider sehr bewölkten) Sonnenuntergang.

Auf der Weiterfahrt nach Thessaloniki offenbarte sich uns etwas ganz Wunderbares, das uns noch den Rest des Griechenlandaufenthalts erfreuen würde: Griechenland hat eine Foodtruck-Kultur! Juhuu! Am Rande einer Baumwollplantage entdeckten wir die erste Kantina mit einer sehr freundlichen Verkäuferin, bei der wir für etwas Irritation sorgten, als wir das Souvláki-Sandwich ohne Fleisch bestellten. Leider profitierte an diesem Tag nur ich von dem unverwechselbar guten Geschmack von Brot mit Pommes, da Jannik noch immer mit seiner Lebensmittelvergiftung zu kämpfen hatte, weshalb wir den Berg Olymp auch zunächst ausließen, um in Thessaloniki einen Arzt aufzusuchen.
Laut „Griechischer Wein“ mitgrölend fuhren wir bald in Thessaloniki ein, wo uns im Ampelstau prompt ein sehr netter Mann in perfektem Deutsch ansprach, der im Stuttgarter Stadtteil Wangen aufgewachsen war. (Peinlich! Ab jetzt kein Udo Jürgens mehr!) Mit ihm quatschten wir ein paar Ampelphasen lang und bekamen Tipps, wo wir in Thessaloniki sicher parken und übernachten konnten. Wir verbrachten eine Nacht in der sympathischen Stadt, in der gefühlt alle Menschen abends nach draußen strömten, um sich in einem Café, einer Kneipe oder einem Restaurant zu treffen. Ein Ehepaar aus Zypern, mit dem ich in einem Café ins Gespräch kam und deren Tochter in Thessaloniki studiert, bestätigte diesen Eindruck: Die Priorität liege hier klar auf der Geselligkeit. Die Menschen geben ihr Geld lieber fürs Ausgehen als für die Miete großer Wohnungen aus. Wir ergatterten abends noch einen Platz in einem – zu unserer Überraschung veganen – griechischen Restaurant, das unglaublich leckere vegane Mezédes (griechische Vorspeisen) im Angebot hatte – und natürlich endlich griechischen Wein.😊

Kantina-Pause
Der Aristoteles-Platz in Thessaloniki

Jannik ging es am zweiten Tag in Thessaloniki deutlich besser, sodass wir in Erwägung zogen, nochmal ein kleines Stück in die andere Richtung zu fahren und auf den Olymp zu wandern. Wir waren zunächst etwas abgeschreckt von der Vorstellung, in der Kolonne mit vielen anderen Tourist*innen und Reisegruppen auf den mythischen Berg hochzustapfen, konnten die Idee aber nicht so richtig loslassen. Über ein Forum fanden wir schließlich die Lösung: Hier berichtete eine Gruppe, wie sie die Wanderung nachts gemacht hatte, um zum Sonnenaufgang oben zu sein. Die Bilder sahen gigantisch aus, das wollten wir auch sehen! Und so kauften wir noch etwas Proviant ein, fuhren nach Priónia, kochten schonmal Kaffee für die Thermoskanne, versuchten noch zwei Stunden zu schlafen (was zumindest bei mir natürlich vor lauter Aufregung überhaupt nicht funktionierte) und wanderten um 0:15 Uhr los. Sowohl in Bezug auf die Schwierigkeit als auch konditionell war die Wanderung für uns mit Stirnlampen gut zu meistern, wir wurden jedoch etwas von starkem Wind und Kälte überrascht, der wir gerne mit etwas mehr Kleidungsschichten getrotzt hätten. Besonders als wir gegen 5 Uhr morgens den Gipfel Skala erreichten, wehte uns der Wind so eiskalt um die Ohren, dass wir uns in eine Rettungsdecke einwickelten und einfach nur noch schlotternd den Sonnenaufgang herbeisehnten. Ein Video unserer letzten Meter findet ihr hier: 😉

Kurze Verschnaufspause auf dem Weg zum Olymp
Frösteliges Warten auf den Sonnenaufgang
Warten auf wärmende Sonnenstrahlen

Als es dann endlich soweit war, wurden wir für unser Frieren mehr als belohnt. Der Blick auf den höchsten Gipfel Mytikas und auf die über dem Meer aufgehende Sonne, die immer wieder hinter Nebelschwaden auftauchte, war atemberaubend schön. Auch der Abstieg war nicht nur deshalb besonders, weil es mit jedem Höhenmeter wärmer wurde, sondern vor allem, da unser Blickfeld beim Aufstieg auf wenige Meter vor uns beschränkt gewesen war und wir nun ein ganz anderes Bild von unserer Umgebung bekamen. Ab der Hälfte des Abstiegs, machte sich dann aber so langsam der Schlafmangel bemerkbar und wir waren froh, als wir uns gegen 14 Uhr endlich in den Bus schlafen legen durften. Abends fuhren wir noch ein paar Kilometer, um am Strand zu übernachten und nahmen zwei Abiturienten aus Thessaloniki ein Stück mit, von denen wir noch ein paar Partytipps für Thessaloniki bekamen, denen wir dann allerdings leider nicht mehr nachgingen – jetzt musste erstmal Schlaf nachgeholt werden. 😉

Sonnenaufgang über dem Olymp
Wolkenkino auf dem Olymp
Endlich kommt die Sonne... 🙂
Abstieg am Morgen
Glücklich aber bettreif am Fuße des Olymps
Morgens noch auf 2866 m, abends dann die Übernachtung am Meer.

Am nächsten Morgen ging es auf direktem Weg zur Halbinsel Chalkidikí, die in Form von drei schmalen Landzungen (von den Griech*innen als „Füße“ bezeichnet) ins Meer hineinragt und uns von vielen Seiten als paradiesischer Urlaubsort angepriesen worden war. Hier wollten wir uns die restliche Zeit bis zur Ankunft unserer Stühle am Strand mit Lesen, Blogschreiben und Reiseplanung vertreiben. Nur den östlichen „Fuß“ mussten wir auslassen, weil der Zutritt zu der sich darauf befindenden Mönchsrepublik Athos allein Männern vorbehalten ist. Dieses Zutrittsverbot für Frauen besteht seit dem Jahr 1045, beinhaltet sogar die 500 Meter vor der Küste und ist argumentativ wie immer lückenlos nachvollziehbar: „Die Athoniten verwehren den Frauen den Zutritt zum Heiligen Berg, weil sie die Frauen wahrhaft lieben. Alle Frauen sind auf dem Athos abwesend, und doch wieder, durch die Gottesmutter, Maria, sind alle anwesend.“ Na dann, Maria, halt die Stellung!
Der Rest der Halbinsel hielt, was er versprach. Besonders auf der mittleren Landzunge, Sithonia, war eine Bucht schöner als die andere, sodass wir uns manchmal kaum entscheiden konnten, wo wir uns niederlassen sollten. Die letzte Nacht auf Chalkidikí verbrachten wir auf einem denkwürdigen Stellplatz etwas oberhalb des Meeres an der Steilküste mit traumhaftem Blick auf den Berg Athos auf einem Gelände, das offenbar ursprünglich eine Stadt hätte werden sollen. Die Infrastruktur, wie etwa das Straßennetz und ein Abwassersystem, war bereits angelegt, als man feststellte, dass die Wasserversorgung nicht würde gewährleistet werden können. So existiert auf Sithonia nun ein riesiges ungenutztes Straßennetz, das statt zu Häusern zu Wendeplatten mit traumhaftem Blick führt, auf dem sich neben Campern vor allem Straßenhunde tummeln.
Vollgetankt mit Sonne und neuer Energie ging es über die schöne Hafenstadt Kavála schließlich zu einem Campingplatz, an dem unser Paket mit den neuen Campingstühlen bereits auf uns wartete – und so konnten wir uns mit bequemer Sitzgelegenheit im Gepäck und um viele tolle Erlebnisse reicher auf den Weg nach Istanbul machen.

Chalkidiki
Haustür-Ausblicke
Kochen auf Chalkidiki
Hoch ging noch ganz gut...
...runter dann nicht mehr ganz so gut. 😉
Auch griechische Bienen genießen Ausblick
Treppen ins Nichts auf Chalkidiki
Campen auf der Wendeplatte
Kavala
Kavala
Kavala

Der Reiseabschnitt in Kürze

Go-to Snack

Souvláki im Brötchen – nur ohne Fleisch, also eigentlich Brötchen mit Pommes, Zwiebeln, Tomaten und Soße – immer mit einem herzlichen Lachen der Kantina-Verkäufer*innen, darüber, dass man sich das Beste entgehen lässt.

Begleitung während der Fahrt

„Griechischer Wein“ von Udo Jürgens natürlich 😉 – bis wir realisiert haben, dass SEHR viele Griech*innen deutsch sprechen

Unvergesslichste Begegnung

Als wir abends gegen 21 Uhr durch die Straßen Thessalonikis spazieren, ruft uns eine ältere Frau im Nachthemd von ihrem Balkon im zweiten Stock wild gestikulierend etwas zu. An ihrer Hand schlackert eine kleine Mülltüte. Bevor wir verstehen, was passiert, wirft sie diese im hohen Bogen über das Balkongeländer und deutet auf eine große Mülltonne am Straßenrand. So spart man sich den mühsamen Weg zum Müllrausbringen – life hack! 😊

Zum ersten Mal ...

…kamen in Griechenland unsere Sandbleche und der Klappspaten zum Einsatz, nachdem wir uns auf einer Düne auf Sithonia festgefahren hatten und selbst meine Muskelkraft beim Schieben an ihre Grenzen kam. 😉

3 Gedanken zu „Griechenland“

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