Truso-Tal

Georgien

Georgien

Zu Besuch in der Wahlheimat Gottes

Caros Sicht

Dieser Reisebericht beginnt endlich mal wieder mit einer Grenzüberquerung: Nach zwei Monaten in der Türkei freuten wir uns sehr darauf, mit Georgien mal wieder ein neues Land zu bereisen, insbesondere nach den vielen schwärmerischen Berichten, die wir über das kleine Land im südlichen Kaukasus gehört hatten. All diese Erzählungen über die georgische Gastfreundschaft und Geselligkeit entsprachen der netten Legende zur Entstehung Georgiens, die wir zuvor irgendwo entdeckt hatten und die mehr oder weniger folgendermaßen lautet: „Die Georgier verpassten den Moment, als Gott das Land unter den Menschen aufteilte, da sie beim Essen und Trinken zusammensaßen. Sie nahmen es nicht so schwer und luden den wütenden Gott an ihren Festtisch ein, der so beeindruckt von ihrem Charme war, dass er ihnen das schönste und fruchtbarste Land überließ, dass er eigentlich für sich selbst reserviert hatte.“ Jede Reisegeschichte aus Georgien handelt von dieser Gastfreundschaft, von reichlich gedeckten Tafeln, von Trinksprüchen und Weingelagen – und eben diesem wunderschönen, geradezu göttlichen Stück Land, in das wir nun reisen durften. Nach der Fahrt durch die wunderschöne Winterlandschaft über einen 2550m hohen Pass in der Türkei stellte sich an der Grenze daher zunächst etwas Nüchternheit bei uns ein. Alles wirkte sehr heruntergekommen, abgemagerte Hunde wärmten sich auf verglühenden Aschehaufen der Baustelle und der georgische Grenzbeamte war wenig hilfsbereit bei unseren Fragen zu der verwirrenden Aufenthaltsregelung für Fahrzeuge und zur Kfz-Versicherung. Und auf der Fahrt in die nahegelegene Stadt Achalziche, wurden wir prompt von der Polizei angehalten: Jannik hatte angeblich nicht ordnungsgemäß geblinkt, als er rechts rangefahren war. Was sollte man dazu sagen, nachdem man bereits in unserem kurzen Aufenthalt in Georgien Zeuge von bereits mindestens drei deutlich riskanteren Manövern geworden war? 😀 Wir taten dem sehr nervösen Beamten, dem die Sache sichtlich unangenehm war, keine Diskussion an und beglichen die umgerechnet ca. 18 Euro Strafe bei der nächsten Bank. Nicht der allerbeste Start in einem von Gott geküsstem Land, aber wir waren guter Dinge, dass es nur besser werden konnte – und wurden nicht enttäuscht. Wir fuhren und wanderten durch atemberaubende Landschaften im großen und kleinen Kaukasus, sahen geologische Wunder, wärmten uns in natürlichen Schwefelquellen auf und bekamen einen Vorgeschmack auf die legendäre georgische Feierkultur.

Den Beginn markierte ein Besuch der Höhlenstadt Vardzia. Auch wenn wir eigentlich das Gefühl hatten, nach der Türkei vielleicht ein bisschen Höhlen-übersättigt zu sein, vertrauten wir auf unseren Reiseführer, der hielt, was er versprach. Schon der Blick von der Straße war spektakulär und aufgrund der Lage in einer wunderschönen Berglandschaft war das auch nochmal etwas ganz anderes als das, was wir in der Türkei bewundern durften. Über 13 „Stockwerke“ hinweg durchlöchern die Höhlen einen ca. 500m hohen Steilhang des Erusheti-Berges. Diese boten von der Bronzezeit bis ins 16. Jahrhundert bis zu 50.000 Georgier*innen Schutz und ermöglichten ihr Überleben mithilfe komplexer Belüftungs-, Wasser- und Tunnelsysteme. Wir liefen durch die Gänge und Tunnel des Höhlensystems und sahen unter anderem Weinkeller, Apotheken, die Räumlichkeiten der georgischen Königin Tamar, die hier auch drei Jahre lang gelebt haben soll, und den galerieartigen Eingangsbereich der Mariä-Himmelfahrts-Kirche, die – ebenso wie die Klosterzellen – noch immer genutzt wird. Nach diesem Highlight kamen wir zum ersten Mal in den Genuss der vielen Thermalquellen Georgiens, die hier von einer Familie in einen dampfenden Pool geleitet wurde. Wir konnten den Raum, in dem sich auch ein Kaltwasserbecken befindet, für eine Stunde mieten und uns mal wieder so richtig aufwärmen – da kam einem das Reisen in der kalten Jahreszeit schon gleich gar nicht mehr so unpassend vor.

Vardzia
Vardzia
Vardzia
Vardzia
Khertvisi Fort
Khertvisi Fort
Straße nach Vardzia
Straße nach Vardzia

Ein weiterer Vorzug daran, den kalten Dezember ausgerechnet in Georgien zu verbringen, zeigte sich bei unserem nächsten Ziel, dem Javakheti-Plateau, das sich im kleinen Kaukasus entlang der türkischen und armenischen Grenze erstreckt. Das Gebiet verzeichnet im Winter Temperaturen von bis zu -40 Grad Celsius, bis zu 100 Tage im Jahr liegt hier Schnee. Diese für die dort lebenden Menschen schwierigen Umstände verwandeln das Plateau, das im Sommer eine Vielzahl an Flora, Fauna und Wanderrouten zu bieten hat, im Winter in eine zauberhafte Eiswelt. Wir fuhren also durch eine traumhafte Schneelandschaft vorbei an schneebedeckten Hügeln und zugefrorenen Seen und fanden bald einen Stellplatz direkt am Parawanisee mit fantastischem Blick. Da die Sonne schien, konnten wir unseren Kaffee heute sogar endlich mal wieder draußen trinken und stiegen erst wieder in den Bus, als wir unsere Füße fast nicht mehr spürten.

Am Parawanisee auf dem Javakheti-Plateau
Am Parawanisee auf dem Javakheti-Plateau
Am Parawanisee auf dem Javakheti-Plateau
Am Parawanisee auf dem Javakheti-Plateau
Auf dem Javakheti-Plateau
Am Parawanisee auf dem Javakheti-Plateau
Das passende Bier gab es leider nicht dazu...
Das passende Bier gab es leider nicht dazu...

Um unsere Batterieladung bei diesen Temperaturen nicht auf die Probe zu stellen, verbrachten wir die folgende Nacht im Garten eines Gasthauses, wo wir die Batterie laden und selbst Dusche und Toilette nutzen durften. Die Krönung dieses Aufenthalts war aber die Gastgeberin selbst: Maja begrüßte uns so warmherzig, als wären wir Verwandte auf Besuch. Wir wurden direkt in ein gemütliches Wohnzimmer gelotst, wo wir die nächsten Stunden, während Majas Mann die Sauna für uns hochheizte, gemeinsam mit ihr und einer Flasche selbstgebrannten Cognac verbrachten. Jeder Shot wurde traditionell mit einem ausschweifenden und emotional vorgetragenen Trinkspruch von Maja, der Toastmasterin, eingeleitet, in der sie ihre Mutter in den Himmel lobte, für den Frieden in der Ukraine betete und sich für uns als ihre Gäste bedankte. Auch wir wurden jeweils einmal in die Pflicht genommen und gaben unser Bestes, kamen aber bei Weitem nicht an ihre ergreifende Theatralik ran. Sie schenkte immer wieder nach, lud uns dazu ein, Schokolade und Obst zu essen und schenkte uns selbstgemachtes Quitten-Kompott, eine riesige Tüte mit Äpfeln und eine Flasche ihres eigenen Weins. So lernten wir nicht nur viel über die georgische Gastfreundschaft und diese spannende Trinkspruch-Tradition, sondern erfuhren auch ein paar Details über Majas Leben und über ihre Sorgen bezüglich einer möglichen russischen Invasion.
Mit vollgeladener Batterie und einem besseren Gefühl, der Kälte zu trotzen, machten wir uns nun auf den Weg in die keine zwanzig Minuten entfernt liegende Stadt Borjomi, in deren Kurpark sich die Quellen eines preisgekrönten Mineralwassers befinden. Mit der Stadt selbst wurden wir leider nicht so richtig warm. Alles wirkte zu dieser Jahreszeit irgendwie düster und abweisend. Doch am Rande des angrenzenden Borjomi-Nationalparks fanden wir einen ruhigen Stellplatz vor wunderschöner Waldkulisse und planten mithilfe der Parkverwaltung eine Wanderung für den nächsten Tag. Diese begann in einem schönen Wald, dessen Tannen von Eis und Schnee bedeckt waren. So liefen wir also durch ein richtiges Winterwunderland, das uns etwas an den Schwarzwald erinnerte. Da das Laufen mal wieder guttat und wir gut vorankamen, entschieden wir uns entgegen der Empfehlung der Parkverwaltung für die größere Runde, die eigentlich der Schneeschuhtour entsprach. Schon bald waren wir froh, nicht schon früher umgedreht zu haben. Besonders schön wurde die Wanderung nämlich, als wir irgendwann die Baumgrenze überschritten und sich uns fantastische Ausblicke über die Wälder und Berge des Nationalparks bis zum kleinen Kaukasus eröffneten.

Cognac und Schokolade bei Maja
Cognac und Schokolade bei Maja
Borjomi
Borjomi
Borjomi-Nationalpark
Borjomi-Nationalpark
Borjomi-Nationalpark
Borjomi-Nationalpark
Borjomi-Nationalpark
Alter Sowjet-Bulldozer
Alter Sowjet-Bulldozer
Borjomi-Nationalpark

Wir fanden, es war mal wieder höchste Zeit für ein warmes Bad in einer heißen Quelle. Also machten wir uns auf den Weg zum Dikhashkho Schwefelgeysir, der sich irgendwo in der Pampa in der Nähe von Vani befand. Beim Bad in den angenehm warmen, nur etwas nach faulen Eiern riechenden Pool lernten wir zwei Polen, drei Russ*innen und einen Inder kennen und quatschten eine Weile, bis diese den Rückweg nach Batumi und wir die windig-kalten 100 m Rückweg zum Bus antraten. Dank dieser Pole Position konnten wir sogar noch ein zweites Schwefelbad im Mondlicht mit Feierabendbierchen und ein drittes am nächsten Morgen vor dem Frühstück nehmen.
Bis zu unserem nächsten Halt in der Stadt Kutaissi begleitete uns dann zwar noch etwas Schwefelgeruch, doch unsere Begeisterung für diese geologischen Wunder, die überall in Georgien zu finden sind, war ungebrochen. Wir verbrachten zwei Tage in der Stadt Kutaissi, der wir in einer Beschreibung wohl nicht gerecht werden würden, da sie uns vor allem aufgrund eines Cafés mit gutem WLAN und leckerem Cappuccino in Erinnerung geblieben ist, in dem wir uns um dringend notwendigen organisatorischen Kram kümmerten. Dieser Stadtbesuch wurde von diversen Klosterbesichtigungen gerahmt. Die Gegend ist keine Ausnahme. Georgien ist eine der ältesten christlichen Nationen und erklärte als zweites Land nach Armenien das Christentum bereits im frühen 4. Jahrhundert zur Staatsreligion, als die Heilige Nino aus Kappadokien den georgischen König Mirian I. bekehrte. Diese Tradition wirkt bis heute nach. Überall im Land lassen sich christliche Stätten besichtigen (nicht selten mit einer Nachbildung von Ninos knorrigem Weinrebenkreuz) und das Christentum ist für viele Menschen sehr identitätsstiftend. Auf dem Hinweg bewunderten wir das aus Goldstücken bestehende Mosaik in der größten Kirche des Klosters Gelati und steuerten das Kloster Motsameta („Märtyrerstätte“) an. Beide sind eng mit der Legende zweier sehr frommer Christen verknüpft, die im 8. Jahrhundert lieber starben als sich von den einmarschierenden Arabern zum Islam bekehren zu lassen. Die Lage des Klosters Motsameta oberhalb eines Canyons und direkt am felsigen Abgrund ist wirklich idyllisch, weshalb der Ort wohl auch gerne für Hochzeiten genutzt wird. Auf dem Rückweg besichtigten wir das Katskhi-Säulenkloster, das ähnlich wie die Meteoraklöster in Griechenland auf einer Felsnadel gebaut wurde und wirklich spektakulär aussieht. Die Fläche auf dem Felsen ist zwar nicht sehr groß, für einen Weinkeller reichte es offensichtlich dennoch. Das Kloster war lange Zeit eine Ruine, bis es ein Mönch wieder besiedelte und mit staatlicher Hilfe wieder aufbaute. Nun lebt er da oben, wird von der Gemeinde, die sich um ihn gebildet hat, versorgt und kommt zwei Mal pro Woche herunter, um den Gottesdienst zu halten.

Heißes Bad im Dikhashkho Schwefelgeysir
Heißes Bad im Dikhashkho Schwefelgeysir
Heißes Bad im Dikhashkho Schwefelgeysir
Kloster Gelati
Kloster Gelati
Kloster Motsameta
Kloster Motsameta
Kutaissi
Kutaissi
Vorspeißenplatte mit unserem Favorit: Auberginen-Walnussröllchen
Vorspeißenplatte mit unserem Favorit: Auberginen-Walnussröllchen
Katskhi-Säulenkloster
Katskhi-Säulenkloster

Auf dem Weg in das Skigebiet Gudauri im großen Kaukasus machten wir noch Halt in den zwei Städten Chiatura und Gori. Georgien war seit 1921 als Georgische Sozialistische Sowjetrepublik bis zu seiner Unabhängigkeit im Jahr 1991 Unionsrepublik der Sowjetunion. Während der Rest des Landes vor allem landwirtschaftlich geprägt war, trug die Stadt Chiatura mit ihren hohen Manganerzvorkommen zum Aufbau der sowjetischen Schwerindustrie bei. Aufgrund der geografischen Lage der Stadt in einer tiefen Schlucht sind bis heute die Seilbahnen, die von den Bergbauunternehmen in den 1950er und 60er Jahren gebaut wurden, um die Arbeiter*innen sowie Material und Erz zu transportieren, das wichtigste öffentliche Verkehrsmittel. Wir waren sehr gespannt, die rostigen Metallgondeln zu sehen, die uns der Reiseführer angekündigt hatte, und hofften ein wenig auf eine nostalgische Fahrt mit der mit 48° Neigung steilsten Seilbahn der Welt, doch nach langer Suche mussten wir leider feststellen, dass die rostigen Tourist*innenmagnete in der jüngsten Vergangenheit durch moderne Gondeln ersetzt bzw. ganz aufgegeben wurden. Wir erhaschten zwar noch ein paar Blicke in die alte Talstation mit einem Graffiti und betrachteten die alten Kabel, die sich als Relikte dieses Beispiels sowjetischer Ingenieurskunst über das Tal ziehen, doch eine alte Kabine bekommen wir leider nicht zu Gesicht. Gori, die Geburtsstadt Stalins, wartete mit einer sehr seltsamen Sehenswürdigkeit auf: Dem Stalinplatz mit Stalinmuseum, einer überlebensgroßen Statue und seinem angeblichen Geburtshaus, um das eine Art antiker Säulentempel gebaut wurde. Wir konnten mit diesem bizarren Stalin-Kult wenig anfangen und da die Verehrung im Museum noch auf die Spitze getrieben werden soll, verzichteten wir darauf und zogen schnell weiter über die Wehrstraße in Richtung Gudauri.

Kintsvisi-Kloster
Kintsvisi-Kloster
Kleine Kaffeepause
Kleine Kaffeepause
Anders als erwartet: Die Gondeln von Chiatura
Anders als erwartet: Die Gondeln von Chiatura
Alte Seilbahnstation Chiaturas: Relikte aus der Sowjetzeit
Alte Seilbahnstation Chiaturas: Relikte aus der Sowjetzeit
Weihnachtsstimmung in Gori
Weihnachtsstimmung in Gori
Die wohl befremdlichste Sehenswürdigkeit bisher: Stalins Geburtshaus
Die wohl befremdlichste Sehenswürdigkeit bisher: Stalins Geburtshaus

Unsere Vorfreude auf die bevorstehenden Skitage wurde wenige Höhenmeter vor dem Skigebiet, welches laut seiner Website die Skisaison bereits eröffnet hatte, jäh gebremst, als der Skiverleih vorsichtig nachfragte, ob wir uns mit dem Datum sicher seien und uns darüber informierte, dass noch überhaupt kein Schnee lag. Unser Plan löste sich also in Luft auf, doch der Frust hielt nicht lange an, da das ja bedeuten musste, dass die Gebiete fürs Wandern zugänglich waren. Wir recherchierten Wanderrouten und das Wetter für die kommenden Tage und beschlossen, zwei Tage in dem Gebiet um Stepansminda zu bleiben. Wir begannen mit einer entspannten Wanderung durch das beeindruckende Truso-Tal, das, wie unser Reiseführer sehr treffend beschreibt, „der reinste Geologie-Erlebnispark“ ist. Überall flossen kleine Wasserfälle die steilen Felswände hinunter, teilweise haben sie aufgrund ihrer Mineralien das Gestein über die Zeit rot eingefärbt. Immer wieder roch es aufgrund der vielen Quellen nach Schwefel, während wir an an Pamukkale erinnernden Travertinterrassen vorbeiwanderten, die durch darüberliegende Eisschichten noch spektakulärer wirkten. Unser Highlight war aber ein sprudelnder Mineralsee, dessen Wasser tatsächlich kohlensäurehaltig ist und nach Sprudel schmeckt. So beeindruckend! Nur der Nachgeschmack erinnerte aufgrund des enthaltenen Schwefels leider etwas an faule Eier…

Im Truso-Tal
Im Truso-Tal
Truso-Tal
Truso-Tal
Truso-Tal
Mal wieder ein Sowjet-Bulldozer
Mal wieder ein Sowjet-Bulldozer
Mineralsee im Truso-Tal
Mineralsee im Truso-Tal
Mineralsee im Truso-Tal
Mineralsee im Truso-Tal
Truso-Tal
Wehrturm im Truso-Tal
Wehrturm im Truso-Tal
Wehrturm im Truso-Tal
Truso-Tal
Mineralablagerungen im Truso-Tal
Mineralablagerungen im Truso-Tal
Truso-Tal
Truso-Tal
Truso-Tal
Truso-Tal

Am nächsten Morgen erwachten wir bei starkem Wind und mit Eiskristallen an den Fenstern. Selbst das Kondenswasser im Bus war gefroren. Wie gut, dass die aufgehende Sonne vermuten ließ, dass es ein warmer Tag werden würde, denn wir wollten heute zur Dreifaltigkeitskirche von Gergeti wandern, dem wohl beliebtesten Postkartenmotiv Georgiens. Die Kuppelkirche liegt sehr idyllisch auf einem 2170 Meter hohen Berg, der dem Kazbek, dem zweit- bzw. drittgrößtem (je nachdem, wen man fragt) Berg Georgiens vorgelagert ist. Gebaut wurde sie im 14. Jahrhundert, um die georgischen Bergbewohner nach den Mongolenkriegen wieder vom christlichen Glauben zu überzeugen. Heute ist sie eine wichtige Wallfahrtskirche der Georgier*innen, denn hier wurde über mehrere Jahrhunderte der georgische Kronschatz und das Weinrebenkreuz der bereits erwähnten Nationalheiligen Nino bewahrt. Die Wanderung von Stepantsminda aus war wirklich schön und dauerte nicht länger als eine gute Stunde. Oben erwartete uns ein traumhafter Anblick. Da kein Wölkchen am Himmel war, hatten wir perfekte Sicht auf die Kirche vor der dahinterliegenden spektakulären Felswand und sogar auf den 5047m hohen Kazbeg, der sich meistens in eine dichte Nebelwand verhüllt. Nach unseren Nebelfahrten in der Osttürkei waren wir sehr dankbar für diese glasklare Sicht heute. Von innen war die Kirche nicht unbedingt von den anderen Kirchen zu unterscheiden, außer dass hier die Ikonostase einmal im Leben berührt werden darf – am Tag der Hochzeit. Zurück im Tal prallte uns die Sonne noch immer so in die Gesichter, dass wir uns tatsächlich mitten im Dezember in einen eiskalten Mineralpool trauten. Allerdings schafften wir nicht mehr als ein paar Schwimmzüge und genossen die letzten Sonnenstrahlen dann lieber bei einem heißen Kaffee. Da wir bei unserer Wanderung festgestellt hatten, dass die Straße zur Kirche entgegen der Warnschilder problemlos befahrbar war, begaben wir uns am nächsten Morgen nochmal auf etwas bequemere Art nach oben, um den Anblick der Kirche und des Kazbegs noch einmal im Morgenlicht genießen zu können. Und aufgrund des erneut traumhaften Wetters machte es uns meine in die Wiege gelegte Opportunitätskostenrechnung unmöglich, ins Auto zu steigen und die wertvollen Sonnenstunden mit Autofahren zu vergeuden. Also planten wir eine Wanderung in Richtung des Kazbeg-Gletschers, bei der sich Peter aus Berlin anschloss, den eine Overland-Reise vor zehn Jahren bis nach Kirgisistan geführt hatte. Die Wanderung bot wunderschöne Ausblicke, interessante Gespräche mit Peter und Personenschutz von einer vierköpfigen Straßenhundegang, die uns nicht mehr von der Seite wich. Zurück am Auto, wo wir weiterhin auf Peters Gesellschaft zählen durften, verbrachten wir den Abend mit Peters armenischem Cognac, selbstgemachtem Wein von Maja und unseren vierbeinigen Freunden an einem gemütlichen Lagerfeuer.

Dreifaltigkeitskirche von Gergeti
Dreifaltigkeitskirche von Gergeti
"Erfrischendes" Bad
"Erfrischendes" Bad
Dreifaltigkeitskirche von Gergeti
Dreifaltigkeitskirche von Gergeti
Dreifaltigkeitskirche von Gergeti
Dreifaltigkeitskirche von Gergeti
Kazbeg
Kazbeg
Wanderung zum Kazbeggletscher mit Peter
Wanderung zum Kazbeggletscher mit Peter
...und mit der Gang
...und mit der Gang
Wanderung zum Kazbeggletscher
Am Lagerfeuer mit Peter und der Gang
Am Lagerfeuer mit Peter und der Gang

Unser nächster Halt führte uns mit der alten Hauptstadt Mtskheta, an der die Flüsse Mtkvari und Aragvi zusammenfließen, wieder auf die Spuren der georgischen Vergangenheit. Hier besichtigten wir das Samtavro-Kloster, in dem die Heilige Nino mit dem ersten zum Christentum bekehrten Königspaar eine Zeit lang gelebt haben soll, sowie mit der riesigen Svetitskhoveli-Kathedrale das Zentrum des georgisch-orthodoxen Christentums, dessen Besonderheit eine Miniaturnachbildung der Ädikula aus der Grabeskirche in Jerusalem ist, vor der sich viele Gläubige auch während unseres Aufenthalts niederwarfen. Und am nächsten Morgen steuerten wir mit Tbilisi endlich die heutige Hauptstadt Georgiens an – und, bevor wir uns unter die Leute trauten, ging es erstmal schnurstracks nach Abanotubani, das traditionelle Bäderviertel in Tbilisis Altstadt, wo wir uns in einem der berühmten Schwefelbäder wieder einigermaßen salonfähig machen wollten. Die unter der Stadt liegenden, bis zu 47°C heißen Schwefelquellen werden seit hunderten von Jahren genutzt und gaben der Stadt ihren Namen („warme Quelle“). Die meisten der heute noch erhaltenen Badehäuser liegen unter der Erde und verraten ihre Existenz nur aufgrund ihrer im persischen Stil gebauten Backsteinkuppeldächer, die das Bäderviertel zieren. Leider hatten auch im von uns ausgewählten „Bath No. 5“ die Frauen mal wieder ein wenig das Nachsehen: Während sich Jannik an Sauna und Schwefelpool erfreuen durfte, gab es im Frauenbereich nur Duschen. Doch der Eintrittspreis war unschlagbar günstig und wir wollten vor allem endlich mal eine Hamam-Behandlung mit Peeling und Massage ausprobieren, nachdem wir das in der Türkei irgendwie nie unterbekommen hatten. Die überzeugte uns beide zwar nur mäßig, aber da mag es sicherlich Qualitätsunterschiede geben… 😉 Frisch gewaschen und aufgewärmt landeten wir zum Abendessen in einem denkwürdigen Restaurant, in dem man meinen konnte, man sei im privaten Wohnzimmer der Köchin gelandet. Gekocht wurde im selben Raum und alles roch nach leckerem, deftigem Essen. Das schmeckte genial – wohl nicht zuletzt aufgrund des großzügigen Einsatzes von Butter – und unsere Begeisterung für ihr Essen wurde von der süßen Köchin direkt für ihr Instagram-Profil ausgeschlachtet. 😉 Die nächsten Tage ließen wir uns in den Bann der geschichtsträchtigen und dabei so modernen und hoch politisierten Hauptstadt ziehen, in der es endlich mal wieder richtig gute Bars und Hipster-Cafés mit leckerem Cappuccino gab. Wir spazierten durch die Altstadt am steilen Hang des Sololaki-Hügels und entdeckten in ihren verwinkelten Gassen süße, an die Villa Kunterbunt erinnernde Häuschen mit bunten Balkonen. Oben auf dem Hügel angekommen, erinnert die in den 1950er Jahren errichtete „Mother of Georgia“, eine überlebensgroße, aluminiumbeschichtete Statue einer Frau mit einem Kelch Wein und einem Schwert in der Hand, an die Zeit als Tbilisi noch Hauptstadt einer Sowjetrepublik war. Doch mit der Unabhängigkeit wurde nicht nur das politische System, sondern auch die Statue dem Geschmack der Georgier angepasst. Seither schaut sie stolz über die Stadt und ist um einen Lorbeerkranz und ein paar Körbchengrößen reicher. Bei einem weiteren Altstadtspaziergang im Viertel Sololaki bewunderten wir imposante Jugendstilvillen mit prächtigen Fassaden, Balkonen, Eingangstüren und verschwenderisch dekorierten Empfangshallen. Anschließend machten wir noch einen kurzen Abstecher zum erst 2010 erbauten schiefen Turm des Marionettentheaters, der die Seele der Georgier*innen widerspiegeln soll. Die Uhr schlägt beispielsweise immer fünf Minuten vor der eigentlichen vollen Stunde, da Georgier*innen – wie eingangs beschrieben wohl seit der Gründung des Landes – notorisch zu spät kommen. Das Design des Turms soll dabei an die georgische Geschichte erinnern (z.B. mit kleinen Keramikplatten mit traditionellen Teppichmustern) und das Krumme den menschlichen Lebensweg symbolisieren.

Mtskheta
Mtskheta
Tbilisi
Tbilisi
Das Bäderviertel Tbilisis
Das Bäderviertel Tbilisis
Das wohl schönste Bad Tbilisis
Das wohl schönste Bad Tbilisis
Tbilisi
Tbilisi
Tbilisi: Der Uhrturm
Tbilisi: Der Uhrturm
Tbilisi
Tbilisi: Überall Zeichen der Solidarität
Tbilisi: Überall Zeichen der Solidarität
Tbilisi
Mother of Georgia
Mother of Georgia
Tbilisi
Tbilisi
Tbilisi
Einer der vielen prachtvollen Hauseingänge Tbilisis
Einer der vielen prachtvollen Hauseingänge Tbilisis
...und ein weiterer
...und ein weiterer
Flohmarkt in Tbilisi
Flohmarkt in Tbilisi
Tbilisi

Da die Georgier*innen, wie alle orthodoxen Länder, Weihnachten erst am 7. Januar feiern und es gerade erst begann, so richtig weihnachtlich in den Städten zu werden, beschlossen wir Heiligabend an einem schönen Platz in der Natur zu verbringen. Diesen erreichten wir nach einer Fahrt durch eine wunderschöne weite Landschaft entlang der Grenze zu Aserbaidschan, bei der Friz‘ Offroadqualitäten noch einmal auf die Probe gestellt wurden. Unterwegs machten wir noch einen kurzen Abstecher zu den Höhlenklostern von Davit Gareja, der einer der 13 Syrischen Väter war, die Georgien im 6. Jahrhundert endgültig christianisiert haben sollen. Er ließ sich hier in der Gegend als Einsiedlermönch nieder, um bald Gesellschaft von zwei seiner Jünger zu bekommen. Über die Jahrhunderte wurden in der Gegend viele Klöster in die Felsen geschlagen, bis die Mönche den Überfällen von Mongolen und Schah im 13. Jahrhundert zum Opfer fielen. Heute kann man nur noch ein Kloster besichtigen, das noch immer von Mönchen bewohnt wird. Nach den vielen spektakulären Höhlenstädten, die wir schon sehen durften, waren wir nicht mehr allzu beeindruckt, doch es liegt wunderschön von Hügeln mit regenbogenfarbenen Gesteinsschichten umgeben und bescherte uns zum ersten Mal seit vielen Jahren mal wieder einen Kirchenbesuch an Heiligabend. 😉 An einem Stellplatz mit wunderschönem, weitem Blick machten wir uns schließlich an die Vorbereitungen unseres Weihnachtsmenüs, telefonierten mit unseren Familien und verbrachten einen etwas ungewöhnlichen, aber sehr schönen Weihnachtsabend.

Höhlenkloster von Davit Gareja
Höhlenkloster von Davit Gareja
Höhlenkloster von Davit Gareja
Höhlenkloster von Davit Gareja
Weihnachten an der aserbaidschanischen Grenze
Weihnachten an der aserbaidschanischen Grenze
Aserbaidschanische Grenzgebiete
Aserbaidschanische Grenzgebiete
Weihnachten an der aserbaidschanischen Grenze
Weihnachten an der aserbaidschanischen Grenze
Vorbereitungen des Weihnachtsmenüs
Vorbereitungen des Weihnachtsmenüs
Weihnachten an der aserbaidschanischen Grenze

Dieser sollte leider unser letzter Abend im Bus für einige Monate sein: Leider hatte sich die weltpolitische Situation nicht unbedingt zum Vorteil für eine Reise über den Landweg nach Indien entwickelt. Aufgrund von Covid-Maßnahmen waren die Landesgrenzen von Aserbaidschan, Turkmenistan und Indien noch immer geschlossen und die Situation im Iran wurde als zunehmend gefährlich für Individualreisende aus westlichen Ländern eingestuft. Auch eine Alternativroute über Russland war zu dieser Jahreszeit aufgrund der niedrigen Temperaturen nicht möglich. Nach endlosen Diskussionen, schlaflosen Nächten und unzähligem Hin- und Herwälzen aller Optionen, entschieden wir uns schweren Herzens, Friz über die Wintermonate in Georgien zu parken und die kalten Wochen mit dem Rucksack in Indien zu überbrücken, um im März mit unserem Overland-Trip weiterzumachen. Wir fanden in den zwei Australier*innen Sarah und Grant, die sich in Georgien niedergelassen hatten und hier gerade ein Haus renovierten, sehr vertrauensvolle und unendlich großzügige Babysitter, denen wir Friz über die nächsten Wochen anvertrauten. Nach einer Art „Visa-Run“ für Friz nach Armenien, um die KFZ-Aufenthaltserlaubnis zu erneuern, sowie einer mehrstündigen Putzaktion, die hoffentlich auch alle Nagetiere und Ungeziefer abhalten würde, hieß es dann wohl oder übel Abschied nehmen von unserem treuen Weggefährten. Wir freuten uns jetzt schon auf ein Wiedersehen und auf weitere Erlebnisse in Georgien – aber auch auf die Sonne, die Menschen, das Essen und die vielen Eindrücke, die uns in Indien erwarteten.

Der wohl traurigste Moment unserer bisherigen Reise...
Der wohl traurigste Moment unserer bisherigen Reise...

Der Reiseabschnitt in Kürze

Was wir am mesiten vermissten

Zwar hätten wir das vor unserem Aufenthalt in der Türkei auch nicht gedacht, aber nach den kleinen Çay-Pausen am Tag sehnten wir uns doch einige Male…

 

Begleitung während der Fahrt

Wir waren schon traurig beim Ausblick auf eine trostlose Adventszeit ohne Adventskalender, bis wir ihn fanden: Den ???-Hörbuch-Adventskalender!  Leider zwar nicht unbedingt empfehlenswert, da mäßig spannend (was vielleicht nicht ganz so überraschend war 😉 ), wurde er für uns doch zum täglichen Ritual in der Vorweihnachtszeit.

 

Go-to Snack

Khatchapuri: Traditionell georgisches Brot mit Käsefüllung, die, je nach Region, etwas nach Käsefondue oder mehr wie türkische Pide schmeckt. Sehr lecker, aber auch seeeehr gehaltvoll.

Khatchapuri

Unvergesslichste Begegnung

Bei einem kurzen Kaffeepausenstopp hörten immer wieder ein leises Miauen aus dem Auto, konnten aber die Katze dazu nicht finden. Irgendwann, als wir schon fast an unserem Verstand zweifelten, entdeckten wir sie doch: ein süßes kleines Kätzchen hatte sich im Motor versteckt und schien den Ausgang nicht zu finden. Wohl oder übel musste der Motorschutz ab und mit etwas Lockfutter fand sie den Weg irgendwann (glücklicherweise kerngesund) wieder nach draußen – nur um direkt wieder zurück in den Motor zu rennen. So schlimm konnte es da also nicht gewesen sein. Vermutlich war es dort einfach deutlich wärmer.

Kleine Besucherin im Motorraum

4 Gedanken zu „Georgien“

  1. Was für ein wunderschönes kleines Land Georgien doch zu sein scheint… wieder mal ein super geschriebener Bericht, in dem eure Liebe zum Reisen, den Menschen, ihrer Kultur und der Natur hautnah spürbar wird!
    Dankeschön!!!

  2. Hi Yannick und Caro!

    Super toll geschrieben (wit brauchen nur etwas länger zum lesen)!
    Und die foto’s sind sehr schön….wir genießen mit euch mit!
    Vielleicht begegnen wir uns wieder dieses Jahr

    Liebe Grüße aus Belgien von Ger und Wilma

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