Georgien & Armenien

Georgien & Armenien

Frühling auf dem Balkon Europas

Caros Sicht

Nachdem wir nach zweieinhalb Monaten Rucksackreise in Indien & Nepal mit großer Vorfreude auf unseren Bus wieder in Georgien gelandet waren, nahmen wir in Tbilisi vor allem eines wahr: die Ruhe. Selbst der Flughafen kam uns erstaunlich leise vor, kein Hupen, keine Tuktuks – und, als wir aus dem Gebäude traten, frische Luft und ein klarer Himmel! Hinzu kam das große Glück, dass uns Georgien im März mit T-Shirt-Wetter empfing. (Es war nur wenige Wochen her, dass uns unsere Bus-Babysitter*innen Fotos von einem komplett eingeschneiten Friz geschickt hatten, und wir hatten daher irgendwie automatisch mit schlechtem Wetter gerechnet.) Mithilfe zweier Busfahrer und einer sehr netten Mitfahrerin, die sich zwar alle zu fragen schienen, was zur Hölle wir denn in Sagaredscho wollten, aber enorm hilfsbereit waren, schafften wir es in kürzester Zeit per Minibus in das kleine, verschlafene Örtchen, wo Friz auf dem Grundstück von Sarah und Grant auf uns wartete. Alles war in Ordnung, nichts roch komisch, keine Mäuse waren zu finden – und (entgegen meiner zugegebenermaßen etwas weit hergeholten Befürchtungen) war auch kein Auto von der Fahrbahn abgekommen und auf Friz gestürzt. Unsere Reise konnte nun also wieder auf vier Rädern weitergehen (und wir endlich mal wieder Nudeln kochen ;))!

Wieder zurück in Georgien und voller Vorfreude auf die Weiterreise mit Bus!
Wieder zurück in Georgien und voller Vorfreude auf die Weiterreise mit Bus!

Unser erstes Ziel sollte bei diesem Traumwetter der Vashlovani-Nationalpark sein, eine Halbwüstenregion, die im östlichsten Zipfel Georgiens an der Grenze zu Aserbaidschan liegt. Wie uns die freundliche Parkverwalterin in Dedoplistskaro, bei der wir uns vorab registrieren mussten, völlig begeistert erklärte, hatten wir unverschämtes Glück. Im März würde normalerweise kaum jemand auf die Idee kommen, den Nationalpark zu bereisen, da die Pisten im matschigen Zustand nur mit Offroad-Fahrzeugen befahrbar seien. Doch da es wohl für die Jahreszeit untypischerweise einige Zeit nicht geregnet hatte, sollte es mit unserem Auto gut möglich sein. Was für ein Glück, dass das klappte, und was für ein würdiger Ort, um das Reisen zurück im Bus wieder einzuläuten. Wir hatten im Dezember ja zwar schon viele ganz unterschiedliche Ecken Georgiens besucht, doch der Vashlovani Nationalpark bot nochmal eine ganz neue landschaftliche Vielfalt, die uns völlig überwältigte. Wir begegneten auf unserer viertägigen Fahrt durch steppenartige Ebenen, tiefe Canyons und an Kappadokien erinnernde Kalksandsteinformationen außer den Parkrangern und einigen Bauern keiner Menschenseele. Stattdessen genossen wir die Ruhe und Einsamkeit in traumhafter Umgebung und beobachten unzählige verschiedene Vögel und sogar eine Schildkröte, die vor uns die Piste überquerte. Die von der Parkverwalterin angekündigten Gazellen und den 2008 zuletzt gesichteten Leopard bekamen wir aber leider nicht zu Gesicht. Friz‘ Offroadqualitäten wurden auf den zerfurchten und steinigen Pisten zwar sehr auf die Probe gestellt, doch mit etwas Anlauf und dank Janniks mittlerweile sehr geübter Fahrtechnik, kamen wir auch die steileren Abhänge hochgeholpert und so in fast jede noch so entlegene Ecke des Nationalparks. An einem besonders schönen Stellplatz auf einer Klippe, von dem man auf der einen Seite eine unendliche Weite spektakulärer Canyons und auf der anderen eine an Irland erinnernde Graslandschaft  überblickte, feierten wir in völliger Einsamkeit bei bestem Wetter meinen Geburtstag, bevor es wieder zurück in die Zivilisation in Georgiens Hauptstadt Tbilisi ging.

Vashlovani-Nationalpark
Vashlovani-Nationalpark
Die Straßen werden schlechter - Luft muss also aus den Reifen
Die Straßen werden schlechter - Luft muss also aus den Reifen
Erste Begegnungen im Vashlovani-Nationalpark
Erste Begegnungen im Vashlovani-Nationalpark
Erste Begegnungen im Vashlovani-Nationalpark
Vashlovani
Unser erste Übernachtungsplatz im Vashlovani
Unser erste Übernachtungsplatz im Vashlovani
Kleine Gehöfte im Vashlovani
Kleine Gehöfte im Vashlovani
Vashlovani
Vashlovani
Vashlovani
Vashlovani
Vashlovani
Schäfer im Vashlovani
Schäfer im Vashlovani
Caro testet Friz' Offroad-Qualitäten
Caro testet Friz' Offroad-Qualitäten
Vashlovani
Vashlovani
Vashlovani
Abendessen im Vashlovani
Abendessen im Vashlovani
Im Vashlovani erreichen wir den Grenzfluss zu Aserbaidschan (das seine Grenzen für uns noch nicht öffnen will)
Im Vashlovani erreichen wir den Grenzfluss zu Aserbaidschan (das seine Grenzen für uns noch nicht öffnen will)
Vashlovani
Übernachtungsplatzsuche
Übernachtungsplatzsuche
Fündig geworden!
Fündig geworden!
Übernachtungsplatz mit fantastischem Ausblick
Übernachtungsplatz mit fantastischem Ausblick
...in beide Richtungen
...in beide Richtungen
Geburtstagsfeier am Traumplatz
Geburtstagsfeier am Traumplatz
Duschen im Vashlovani
Duschen im Vashlovani
Vashlovani
Unser T4 stößt dann doch manchmal an seine Grenzen...
Unser T4 stößt dann doch manchmal an seine Grenzen...
Letzte Begegnungen im Vashlovani
Letzte Begegnungen im Vashlovani

Auf dem Weg machten wir einen kurzen Abstecher nach Sighnaghi, der „romantischsten Stadt Georgiens“, die zwar eine schöne Altstadt und einen tollen Blick auf den Großen Kaukasus hat, aber außerhalb der Saison etwas verschlafen wirkte, weshalb es uns dort nicht lange hielt. In Tbilisi angekommen wollten wir endlich eine Entscheidung treffen, wie unsere verbleibenden viereinhalb Monate mit Friz auf dem Landweg nun aussehen sollten, und uns gegebenenfalls  in der russischen Botschaft um ein Transitvisum kümmern. Bei unserer Entscheidung, den Flug nach Indien zu buchen und die Wintermonate dort zu verbringen, hatte die Hoffnung mitgeschwungen, dass Aserbaidschan in der Zwischenzeit seine Landesgrenzen öffnen würde, und wir mit der Fähre über das Kaspische Meer nach Zentralasien würden reisen können. Leider standen wir – wie alle anderen Overlander, die wir trafen – nun aber wieder vor dem gleichen Problem: Aserbaidschan hatte die Schließung seiner Grenzen verlängert, Turkmenistan war weiterhin zu und die Situation im Iran hatte sich ohnehin weder für die Bevölkerung vor Ort, noch für europäische Reisende verbessert. Der einzige Weg in Richtung Osten blieb der über Russland. Auch wenn wir natürlich Bedenken hinsichtlich Sicherheit und moralischer Vertretbarkeit hatten, momentan nach Russland einzureisen, zogen wir die Option eines zweitägigen Transits nach Kasachstan lange in Betracht. Doch im Austausch mit anderen Reisenden aus Deutschland erfuhren wir, dass die Erteilung des Transitvisums sehr willkürlich ablaufen und nicht immer klappen soll. Würden die anderen Grenzen geschlossen bleiben, würde das für uns im Zweifelsfall bedeuten, dass eine Rückreise mit Friz, wenn überhaupt, nur unter hohem finanziellen Aufwand möglich wäre. Da wir weder zeitlich flexibel waren, noch bereit waren Friz gegebenenfalls aufzugeben, entschieden wir uns schließlich nach langem Abwägen dafür, die Reise nach Osten auf einen unbestimmten, besseren Zeitpunkt zu vertagen und hatten schließlich auch eine Alternative ausgearbeitet: Über Marokko und Mauretanien nach Senegal und Gambia. Der Gedanke an diese auf eine Art völlig neue Reise auf einem anderen Kontinent weckte zwiespältige Gefühle in uns. Unser ursprünglicher Plan einer Fahrt in Richtung Ostern war begraben und wir mussten nun wieder, wie schon mit dem Flug nach Indien, vorerst das aufgeben, was uns am Reisen auf dem Landweg so begeistert hatte: Die Wahrnehmung einer sich langsam verändernden Landschaft und des sanften Übergangs zwischen verschiedenen Lebenswelten. Denn nun fühlte es sich erstmal nach Heimweg an: Der nächste Fährhafen nach Marokko befand sich in Genua und so stand zunächst eine lange Rückfahrt durch bekanntes Terrain an. Gleichzeitig waren wir natürlich sehr neugierig auf die sich nun eröffnende Alternative und nach ein paar Telefonaten mit anderen Reisenden, die eine ähnliche Entscheidung getroffen hatten und begeistert berichteten, stellte sich bald trotz allem die Vorfreude auf das neue Abenteuer ein. Und tatsächlich blieb uns ja mit Armenien noch ein kleines Land im Osten, dessen Grenzen offen waren und das uns, nicht zuletzt weil seine Geschichte eng mit den von uns bereits bereisten Ländern Georgien und Türkei verwoben ist, sehr interessierte.

Sighnaghi
Sighnaghi
Teppichverkauf in Sighnaghi
Teppichverkauf in Sighnaghi
Unser Lieblingsrestaurant in Tbilisi: Gegessen wird direkt neben der Küche
Unser Lieblingsrestaurant in Tbilisi: Gegessen wird direkt neben der Küche

Armenien, das an Georgien, die Türkei, Aserbaidschan und den Iran grenzt, war von Tbilisi aus schnell erreicht – schnell ging ab dann aber nichts mehr. Wir wurden zwar sehr freundlich empfangen, standen dann aber einem sehr komplizierten Einreiseverfahren gegenüber. Während ich immer wieder umparkte, um niemandem an der gut besuchten Grenze im Weg zu stehen, stand Jannik eine Dreiviertelstunde beim Zoll an, nur um von der sichtlich überforderten Sachbearbeiterin zu erfahren, dass man zuvor einen Betrag beim Bankschalter nebenan hätte bezahlen müssen. Der Bankangestellte machte allerdings gerade Pause, weshalb Jannik noch auf diesen warten musste, bevor er eine weitere Stunde am ersten Schalter anstehen durfte. Warum, wurde nicht so ganz deutlich, doch wenigstens wurde die zweite Wartezeit dadurch verkürzt, dass alle Wartenden miteinander ins Gespräch kamen und Jannik so bereits erste armenische Bekanntschaften machen konnte. Und nachdem alle Rechnungen beglichen und der ominöse Zolleintrag gestempelt war, konnten wir endlich unsere ersten Kilometer in Armenien antreten, die uns (nach mehrfachem Scheitern an wassergefüllten Schlaglöchern und sumpfigen Feldwegen) zu unserem ersten Schlafplatz in Armenien führten. Erst am nächsten Morgen bemerkten wir, dass die vermeintlich kleine Dorfkirche, deren schiefen Parkplatz wir in der vergangenen Nacht bei unserer Irrfahrt als mehr schlechten als rechten Schlafplatz auserkoren hatten, in Wahrheit eine der Hauptsehenswürdigkeiten des Landes war: Die Kathedrale von Odsun. Darauf wies uns direkt nach dem Aufstehen ein freundlicher älterer Herr hin, über dessen einladende und offene Art wir sehr froh waren, denn unerwarteterweise standen wir nun nicht mehr in einer vermeintlich einsamen Gasse, sondern mitten im Dorfgeschehen. Also begann der Tag – ganz im Zeichen unseres gesamten Armenienaufenthalts – mit einer Kirchenbesichtigung. Als erstes Land machte Armenien das Christentum im 3. Jahrhundert zur Staatsreligion, als der heutige Nationalheilige „Gregor der Erleuchter“, der zuvor angeblich Jahre in einem Kerkerverlies verbracht hatte, den armenischen König Tiridates III. von einer Krankheit geheilt und damit vom christlichen Glauben überzeugt haben soll. Dementsprechend viele alte, traditionsreiche Klöster und Kirchen gibt es hier zu besichtigen. Einige Zeugnisse dieser langen christlichen Tradition befinden sich zudem außerhalb des armenischen Staatsgebiets, wie die Ruinen der Stadt Ani in der Osttürkei, von denen Jannik in seinem Blogeintrag berichtet hat, und mehrere Klosterbaukomplexe im Nordwesten des heutigen Irans, die noch heute wichtige Pilgerstätten sind. Historisch ein entscheidender Faktor der Abgrenzung zu den Osmanen, Kurden und Persern, scheint die christliche Religion, ähnlich wie in Georgien, auch heute noch eine wichtige Rolle im Leben der Armenier*innen zu spielen. Wahrscheinlich könnte man Wochen in Armenien mit Kirchen- und Klosterbesichtigungen verbringen, wir beschränkten uns jedoch auf die, die uns am wichtigsten erschienen. Die Bedeutung der Kathedrale von Odsun, mit der wir unsere Kirchentour nun zufälligerweise begannen, ergibt sich insbesondere aus ihrem Alter: Auch wenn sie in ihrer heutigen Bauform aus dem 8. Jahrhundert stammt, enthält sie einige reich verzierte Steinplatten aus einem Vorgängerbau. Auf einer Doppelarkade neben der Kirche, die aus dem 6. Jahrhundert stammt, lassen sich Szenen der Christianisierung Armeniens – unter anderem mit deren Star Gregor dem Erleuchter – erkennen. Nach einem Besuch beim Kloster Haghpat (Kloster des Heiligen Zeichens), das idyllisch auf einem Plateau über der spektakulären Debedschlucht liegt und zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, schlossen wir den ersten Reisetag mit einer dritten Klosterbesichtigung ab. Das Kloster Marmaschen liegt an der türkischen Grenze und stammt aus der Zeit der Bagratidenherrschaft in Ani, der großen Blütezeit des armenischen Volkes. Im Gegensatz zur ehemaligen Hauptstadt Ani liegt es noch heute auf armenischem Gebiet und diente damals der Herrschaftssicherung der Stadt. Tatsächlich erinnerte uns die Anlage aufgrund der Bauform und der Lage am Fluss Achurjan in derselben Landschaft sehr an Ani, auch wenn die Szenerie deutlich weniger spektakulär ist. Und da die Sonne so langsam unterging und die Kirche in schönes Abendlicht tauchte, verbrachten wir unsere zweite Nacht in Armenien wieder unter dem besonderen Schutz einer armenischen Kirche.

Unerwarteter Anblick am Morgen: Die Kathedrale von Odsun
Unerwarteter Anblick am Morgen: Die Kathedrale von Odsun
Das Kloster Haghpat
Das Kloster Haghpat
Kloster Haghpat: Frühstück im Klostergarten
Kloster Haghpat: Frühstück im Klostergarten
Kloster Haghpat
Kloster Haghpat
Die Sowjet-Vergangenheit ist auch in Armenien sichtbar
Die Sowjet-Vergangenheit ist auch in Armenien sichtbar
Kloster Marmaschen
Kloster Marmaschen
Kloster Marmaschen
Kloster Marmaschen

Weiter ging es ein paar Tage später mit einer der ältesten christlichen Kirchen der Welt in Etschmiadsin, die schon im Jahr 301 von Gregor dem Erleuchter himself an dieser Stelle erbaut worden sein soll und damit Schauplatz der Christianisierung Armeniens war. Ebenfalls vom Nationalheiligen gegründet wurde angeblich das viel von Pilger*innen aufgesuchte Kloster Geghard. Es steht am Ende einer spektakulären Felsschlucht direkt bei einer Quelle und ist teilweise in den Fels geschlagen. Im Inneren, dass mit kunstvollen Reliefs geschmückt ist, sprudelt das als heilig geltende Quellwasser aus einer Felsspalte, das von den Pilger*innen in Trinkflaschen abgefüllt wird. Besonders eindrücklich für uns war der Besuch beim für die armenische Identität sehr wichtigen Kloster Chor Virap am Fuße des Ararats. Der Berg, der ebenso wie die alte Hauptstadt Ani heute auf türkischem Staatsgebiet liegt, hat enorme Symbolkraft in Armenien. Und das nicht nur, weil er als Ankerpunkt der Arche Noah gedient haben soll (was die Kinder des nahegelegenen Dorfes dazu veranlasst, Friedenstauben an Tourist*innen zu verkaufen, die von denen „freigelassen“ werden, nur um wenig später wieder in den Taubenschlägen in Gefangenschaft zu geraten): Auch das Leben des Nationalheiligen Gregors ist eng mit dem Berg verknüpft, steht das Kloster Chor Virap doch auf den Mauern eben jenes Kerkers, in dem er eingesperrt gewesen sein soll. Wir freuten uns besonders, da wir nach den Nebelfahrten durch die Osttürkei endlich in den frühen Morgenstunden einen klaren Blick auf den Ararat erhaschen konnten, bevor er sich wieder in dicke Wolken hüllte. Der Anblick des hohen, noch immer schneebedeckten Berges, der sich in einer beinahe flachen Landschaft erhebt und so über dem kleinen Land und seinem Kloster thront, war sehr beeindruckend und macht die Bedeutung des Ararats für die Armenier*innen nachvollziehbar.

 

Die Kirche von Etschmiadsin - eine der ältesten christlichen Kirchen der Welt
Die Kirche von Etschmiadsin - eine der ältesten christlichen Kirchen der Welt
Kloster Geghard
Kloster Geghard
Kloster Geghard
Kloster Geghard
Kloster Chor Virap am Fuße des Ararats
Kloster Chor Virap am Fuße des Ararats
Kloster Chor Virap am Fuße des Ararats
Friz am Fuße des Ararats
Friz am Fuße des Ararats

Neben dieser langen christlichen Tradition teilt Armenien mit Georgien auch dessen Vergangenheit als Sowjetrepublik. Erstes Zeugnis davon begegnete uns auf dem Weg in die Hauptstadt Jerewan beim „Radio Optical Observatory“ bei Orgov, eine Sternwarte und ein sogenannter Lost Place, der im Jahr 1975 von der Sowjetunion errichtet wurde und noch bis 2012 in Benutzung war. Leider war das Hauptgebäude mit den alten Funkgeräten, Telefonen und anderen Apparaturen, die alten Sowjetcharme versprühen, am heutigen Sonntag geschlossen, doch die riesige „Satellitenschüssel“, die aus tausenden dreieckigen Spiegeln zusammengesetzt war, von denen die meisten heute überall auf dem Gelände herumstehen, und die offenen Gebäude mit ihren aufgeplatzten Holzdielen, Spiegelsplittern und verstreuten wissenschaftlichen Dokumenten waren den kleinen Umweg trotz allem wert.

Radio Optical Observatory
Radio Optical Observatory
Radio Optical Observatory
Radio Optical Observatory
Radio Optical Observatory
Erkundung des Radio Optical Observatorys von Orgov
Erkundung des Radio Optical Observatorys von Orgov
Radio Optical Observatory
Radio Optical Observatory
Radio Optical Observatory
Radio Optical Observatory
Radio Optical Observatory
Radio Optical Observatory

Ein weiteres Relikt aus der Zeit als Sowjetrepublik erhob sich bald über unserem Parkplatz beim Besuch der Hauptstadt: Wie Tbilisi die „Mother of Georgia“ hat auch Jerewan eine 22 Meter hohe Statue der „Mother Armenia“, die von einem 29 Meter hohen, kirchenähnlichen Sockel erhaben auf die Stadt und den Ararat blickt und ein großes Schwert in den Händen hält. Sie ersetzte in den 1960er Jahren eine Statue Stalins und hat in ihrer Funktion als Schutzpatronin noch immer starken militärischen Bezug: Im Sockel befindet sich heute das militärische Museum des Verteidigungsministeriums, das den armenischen Soldaten des Zweiten Weltkriegs und des Bergkarabach-Konfliktes gewidmet ist. Die Stadt selbst fanden wir wiederum gar nicht so leicht einzuordnen. Ein moderner Skulpturenpark und romantische Wasserfontänen werden gerahmt von massiven Sowjetbauten, in denen kleine Hipstercafés und schicke Modeläden aufgemacht haben. Bei unserem Spaziergang durch die Stadt wurden wir immer wieder freundlich hineingewunken oder angesprochen und landeten schließlich in der wunderschönen blauen Moschee, die das einzige verbliebene bauliche Zeugnis aus über 300 Jahre währender muslimischer Fremdherrschaft ist. Besonders im Sommer muss die Stadt wirklich traumhaft schön sein.

Mother Armenia
Mother Armenia
Jerewan
Jerewan
Jerewan
Ein üblicher Anblick in Armenien: Überall wird Schach gespielt
Ein üblicher Anblick in Armenien: Überall wird Schach gespielt
Die blaue Moschee von Jerewan
Die blaue Moschee von Jerewan
Jerewan
Jerewan

Den Abschluss unseres Besuchs in Jerewan bildete ein weniger leichter, aber umso wichtigerer Besuch des Zizernakaberd, der Gedenkstätte des Völkermordes an den Armenier*innen. Zu dieser gehört neben einem großen Kreis aus grauen Steinblöcken, die sich wie eine zugreifende Hand um ein ewiges Feuer neigen, und einer gespaltenen 44m hohen Nadel, ein sehr informatives Museum, das detailliert über dieses einschneidende Trauma des armenischen Volkes aufklärt. Die Ereignisse, die während des Ersten Weltkriegs ihren Höhepunkt nahmen und von den Armenier*innen selbst mit dem Begriff Aghet („Katastrophe“) bezeichnet werden, gelten nach Ansicht der großen Mehrheit der Historiker als einer der ersten systematischen Genozide des 20. Jahrhunderts. Getarnt als „kriegsbedingte Sicherheitsmaßnahmen“ kamen je nach Schätzung bis zu 1,5 Millionen Armenier*innen durch vom Osmanischen Reich verantwortete Überfälle auf armenische Dörfer, Massaker und Todesmärsche zu Tode. Hatte es zuvor bereits immer wieder Überfälle und Verfolgungen der im Osmanischen Reich lebenden Armenier*innen gegeben, markiert der 24. April 1915 mit Razzien gegen armenische Intellektuelle im damaligen Konstantinopel den Beginn der systematischen Vernichtung. Darauf folgten Massendeportationen in die mesopotamische und syrische Wüste, was für die meisten einem Todesurteil gleichkam. Besitz wurde enteignet, Häuser geplündert und der Bevölkerung war es gesetzlich verboten, Nahrungsmittel an die deportierten Armenier*innen abzugeben. Wer es kräftemäßig tatsächlich bis nach Syrien schaffte und nicht auf dem Weg entführt, getötet oder die Klippen des Euphrats hinuntergestoßen wurde, starb meist dort an Seuchen oder Auszehrung. Das Trauma des Völkermords ist tief im kollektiven Gedächtnis der über die Welt verstreuten Armenier*innen verankert und der Kampf um dessen Anerkennung ist, seit Armenien 1991 zu einem unabhängigen Staat wurde, essenzieller Bestandteil dessen Außenpolitik. Deutschland erkannte den Völkermord und die Verantwortung des damaligen Deutschen Kaiserreichs als Verbündeten des Osmanischen Reichs im Jahr 2016 an, worauf eine diplomatische Krise mit der Türkei folgte, die den Völkermord bis heute nicht als solchen anerkennt. Der Streit um die Anerkennung belastet noch heute die Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien stark, was für uns unter anderem dadurch spürbar war, dass die Grenze zwischen den beiden Ländern geschlossen ist.

Zizernakaberd
Zizernakaberd
Zizernakaberd
Zizernakaberd

Auf den Fahrten zwischen unseren Kloster- und Stadtbesuchen waren wir immer wieder sehr beeindruckt von der vielfältigen Schönheit dieses kleinen Landes, in dessen weiten Landschaften, hohen Gebirgen und tiefen Schluchten zu dieser Jahreszeit überall die Obstbäume zu blühen begannen. Besonders beeindruckend war ein Spaziergang entlang der fast künstlich wirkenden Basaltsteinformationen auf dem Weg zum Kloster Geghard mit dem schmissigen Namen „Symphony of Stones“, die den Eindruck erweckten, als könnten sie jederzeit nach unten stürzen. Leider hatten wir in Armenien nicht ganz so großes Glück mit dem Wetter wie in Georgien und mussten daher nicht nur unsere Wanderung hier abkürzen, sondern auch auf eine Fahrt in das Gebirge des Aragats verzichten (der höchste Berg Armeniens – nicht zu verwechseln mit dem Ararat, der heute ja auf türkischem Staatsgebiet liegt). Bei unserem Besuch des Sewansees, dem größten Süßwassersees des Kaukasus, an den letzten Tagen unseres Armenienaufenthalts, zeigte sich die Sonne aber wieder, sodass wir trotz der noch immer kalten Temperaturen sogar ein zugegebenermaßen sehr kaltes Bad nehmen und bei bestem Wetter Abschied nehmen konnten – und um diesen Abschied vom Land der Kirchen und Klöster angemessen zu gestalten, verzichteten wir natürlich auch nicht auf ein würdiges Ende unseres Klostermarathons und statteten dem malerischen Kloster Sewanawank, das idyllisch auf einer Halbinsel des gigantischen Sewansees liegt, einen Besuch ab. Vor uns lagen nun über 2500 Kilometer Rückfahrt und zwei Fährfahrten, von denen wir im folgenden Blogeintrag berichten werden.

Symphony of Stones
Symphony of Stones
Symphony of Stones
Symphony of Stones
Kirschblüte in Armenien
Kirschblüte in Armenien
Sewansee
Sewansee
Sewansee
Sewansee
Eiskaltes Bad im Sewansee
Kloster Sewanawank
Kloster Sewanawank

Der Reiseabschnitt in Kürze

Begleitung während der Fahrt

Nino Haratischwili – Das achte Leben, eine episodenhafte Familiensaga über die Verwicklungen einer georgischen Familie in die Geschehnisse des zwanzigsten Jahrhunderts.

Unvergesslichste Begegnung

Die auftauenden Gemüter im georgischen Frühling: Während wir im Winter nicht selten auf mürrische Gesichter stießen, strahlten die Georgier*innen mit der Frühlingssonne um die Wette.

Was wir am meisten vermissten

Die vegetarische Vielfalt der indischen Küche.

Go-to Snack

Lavash, das traditionelle armenische Fladenbrot, das teilweise über einen Meter lang ist – dank Schere kein Problem für uns.

1 Gedanke zu „Georgien & Armenien“

  1. Wieder mal ein sehr spannender und eindrucksvoller Bericht mit tollen Bildern!!! Wunderbar, dass ihr uns immer wieder an euren Erlebnissen teilhaben lasst!!!

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