Delhi & Vrindavan
Ein Abschied in Farbe getränkt

Janniks Sicht
Nach zwei Tagen und zwei Nächten in Bus und Zug (samt neunstündiger Verspätung) erreichten wir schließlich unser letztes Ziel Indiens: Delhi. Und damit erwartete uns nicht nur die bisher hektischste Stadt Indiens, sondern mit dem Holi-Fest auch ein Highlight, auf das wir uns schon lange freuten. Die Tage in Delhi verbrachten wir zwar auch damit, die Sehenswürdigkeiten der Stadt anzuschauen, allerdings waren wir nach den unzähligen Forts in Rajastan und den heiligen Stätten in Agra, Rajastan und Nepal mittlerweile etwas Sehenswürdigkeiten-müde, weshalb wir uns auf Weniges beschränkten. Immer noch für Begeisterung sorgte allerdings das indische Großstadtleben, die bunten Märkte, die unzähligen offenen Begegnungen, die uns bei jeder Gelegenheit erwarteten, die Chai-Pausen und nicht zuletzt das unfassbar leckere Essen.
Für das Holi-Fest machten wir noch einen kleinen Tagesausflug, denn dieses wollten wir in Vrindavan in der Nähe von Delhi (also nur drei Stunden Fahrt – die Größe Indiens verzerrt alle Maßstäbe) verbringen. Vrindavan ist einer der traditionellen Orte, um Holi zu feiern, da die Gottheit Krishna hier ihre Kindheit und Jugend verbrachte und mit seiner Gefährtin Radha ebenfalls das Fest der Farben, eines der ältesten Feste Indiens, gefeiert haben. Wir freuten uns deshalb schon sehr und der Tag begann wahnsinnig schön und spannend. Schon von der Rückbank unserer Sammelrikscha aus, die uns vom Bahnhof in Mathura nach Vrindavan brachte, kamen wir an vielen kleinen Menschengruppen vorbei, die ausgelassen feierten, wir wurden von Menschen aus vorbeifahrenden Rikschas heraus mit einem fröhlichen „Happy Holi!“ mit Farbe beworfen und die Stimmung war super! In Vrindavan angekommen merkte man dann auch schon direkt, welche Bedeutung dieses Fest hat. Es waren so viele Menschen auf den Straßen, immer wieder tätschelte uns jemand Farbe auf die Backe, beim Frühstück wurden wir von unseren Sitznachbarn nicht nur bestens mit Essen versorgt, sie wollten am Ende sogar unbedingt die Rechnung übernehmen. Alles war sehr entspannt und freudvoll und wir merkten, welch Kraft dieses Fest entfalten kann. An einem Tag im Jahr sollen die Unterschiede zwischen den Kasten aufgehoben und Machthierarchien umgekehrt sein, alle sind auf den Straßen, bewerfen sich gegenseitig mit Farbe, feiern zusammen. Dementsprechend begeistert waren wir zu Beginn, Teil dieser außergewöhnlichen Feierlichkeit zu sein und dieses Spektakel miterleben zu dürfen. Doch nach und nach erfuhren wir, welch andere Kräfte Holi auch noch entfalten kann. Zu Beginn die physische Kraft versammelter Körper: Je näher wir den beiden Haupttempeln kamen, desto mehr Menschen drängten sich in den immer enger werdenden Gassen, bis man nur noch Teil einer einzigen trägen Masse war und völlig passiv von den Menschen hinter einem vorwärts geschoben wurde. Diese Szenerie war dabei, vielleicht auch, weil uns permanent Bilder der Loveparade in den Sinn kamen, einerseits äußerst beklemmend, andererseits war auch dies sehr spannend zu erleben: So viele Menschen auf so engem Raum, trotz allem fröhlich, die immer lauter werdenden religiösen Mantras, die von ihnen ausgingen, in den Ohren, den Berg an abgestreiften Schuhen vor dem Tempel, den man mittlerweile überwinden musste, um zu dessen Eingang zu gelangen, ohne jegliche Chance, das eigene Paar am Ende wiederzufinden. Dennoch beschlossen wir nach dem ersten Tempel, wieder in ruhigere Gebiete zurückzukehren, nur um nun die wohl unangenehmste Kraft zu spüren zu bekommen: Waren wir zwar schon von Beginn an äußerst beliebtes Ziel von „Farbattacken“, doch diese konzentrierten sich mehr und mehr auf Caro, sodass wir keine zehn Meter mehr gehen konnten, ohne dass Caro Farbe aus nächster Nähe ins Gesicht geschleudert wurde oder mit Farbwasser gefüllte Eimer über ihr ausgeschüttet wurden, und das ausschließlich von Männergruppen. Generell wurde uns mehr und mehr bewusst, dass hier fast ausschließlich Männer feierten, die wenigen Frauen wurden nahezu alle von einem Mann abgeschirmt, und Alkohol und Baang, eine Art Haschisch-Lassi, der traditionell an Holi getrunken wird, zeigten offensichtlich ihre Wirkung. Der Rückweg wurde so leider vor allem für Caro zu einem Spießrutenlauf und die zwei Situationen, an denen wir vorbeikamen, in denen es offensichtlich kurz zuvor zu sexuellen Übergriffen gekommen ist, sorgten auch nicht dafür, dass sich die Drohkulisse verringerte. Zwar waren auch hier wieder die meisten Begegnungen unglaublich freundlich und nett gemeint, doch die schiere Anzahl sorgte eben auch für einige unangenehme, die das Bild leider stärker prägten (Im Nachhinein bekamen wir viele Rückmeldungen unserer indischen Bekanntschaften, dass Vrindavan offensichtlich bekannt dafür sei, dass es hier zu sexualisierter Gewalt gegen Frauen am Holi-Fest kommt.). So setzten wir uns so schnell wie möglich in eine Rikscha und ließen uns zum Bahnhof in Mathura fahren, völlig überwältigt von den Erlebnissen, getränkt mit Farbpulver, und brauchten einige Augenblicke, um uns die schönen und spannenden Erlebnisse des Tages wieder mehr zu vergegenwärtigen. Zum Glück hatten wir hierzu reichlich Gelegenheit, denn in Mathura erlebten wir bei unserem Versuch nach Delhi zu kommen, was Bahnchaos auch heißen kann – dazu lasse ich aber einfach Bilder sprechen…😉
So ging also unser Aufenthalt in Indien und Nepal mit dem wohl intensivsten Erlebnis unserer Reise zu Ende und leider auch mit der ersten negativen Erfahrung, die wir in Indien gemacht hatten. Zwar freuten wir uns nun sehr darauf, unsere Tour mit unserem Bus fortsetzen zu können, doch kam auch Wehmut auf, dieses unglaublich spannende Land verlassen zu müssen. Indien war sicherlich nicht das entspannteste Reiseland, doch eines der wohl interessantesten ist es bestimmt. Immer wieder waren wir fasziniert von der offensichtlichen Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die dieses Land prägt – alles existiert gleichzeitig neben- und miteinander. Die Spannbreite der Lebensrealitäten der Inder*innen ist so groß und so sichtbar, wenn die in Bangalore ausgebildeten Tech-Spezialist*innen mit der anachronistisch anmutenden Fahrradrikscha zum nächsten Termin gefahren werden, wenn die Student*innen der Ingenieurstudiengänge aus den modernen Großstädten zurück in ihr Heimatdorf fahren und im Zug die Füße heben, dass der Putzmann den Müll unter den Sitzbänken mit den Händen hervorwischen kann, wenn die Architektin aus Delhi auf Inspiration in den Kanälen Keralas hofft, die einer der Bewohner dort gerade als Badewanne nutzt, wenn die rituellen Bestattungen Varanasis dem Zuckerwatteverkäufer als Abschlagsplatz dienen. Als verbindendes Element dient vermutlich die Religion, in der alle zusammenfinden und die das Weltbild vieler maßgeblich prägt. Für uns waren viele Gegebenheiten der indischen Gesellschaft nicht zu durchschauen, auch wenn wir es stets versucht haben. Doch bei unserem Versuch kam uns hierbei zugute, was uns wohl am meisten beeindruckt hat: Die unglaubliche Offenheit der Menschen in Indien. Die Begegnungen, die wir hier machen durften, waren einmalig. Wohl nirgends sonst kamen wir auf unseren bisherigen Reisen so intensiv in Kontakt mit der Bevölkerung; bei jeder Gelegenheit wurde man angesprochen, neben der beeindruckenden Gastfreundschaft begegnete uns dann stets entwaffnende Neugier und auch wir konnten neugierig sein, weshalb jedes Gespräch wieder offene Fragen klärte oder eine interessante Lebensgeschichte zu Tage förderte. Oder halt ein Verkaufsangebot. Die kamen auch nicht zu knapp… 😉
Der Reiseabschnitt in Kürze
Begleitung während der (Bus-)Fahrt
Harte Arbeit: Mehrere Blogbeiträge wollten ja noch fertiggestellt werden… 😉
Was wir am meisten vermissen werden
Die unvergleichliche Offenheit und Neugier der Inder*innen, die uns auf Schritt und Tritt begleiteten.
Zum ersten Mal...
… Holi in Indien – eine unvergessliche Erfahrung auf allen Ebenen…
Go-to Snack
Mango-Juice. Sooooo viel Mango Juice…

